
Stocker bei Modi: Druck auf Indiens Christen nimmt ständig zu
Mehrere aktuelle Vorfälle nähren erneut internationale Sorge über die Lage der christlichen Minderheit in Indien. Während Österreichs Bundeskanzler Christian Stocker am Dienstag in Begleitung einer großen Wirtschaftsdelegation zu seinem ersten offiziellen Besuch auf dem Subkontinent aufgebrochen ist und unter anderem Premierminister Narendra Modi treffen wird, berichten Kirchenvertreter vor Ort und mit der Thematik befasste Menschenrechtler von wachsendem Druck, rechtlichen Risiken und gesellschaftlichen Spannungen, die sich gegen religiöse Minderheiten in vielen indischen Bundesstaaten richten.
"Obwohl Indien formell Religionsfreiheit garantiert, zählt es zu jenen Ländern, in denen dieses Menschenrecht am meisten eingeschränkt ist und Christen vielfach verfolgt werden", erklärte der Nationaldirektor von "Kirche in Not", Tobias Pechmann, auf Anfrage von Kathpress. Der jüngste (2025) Religionsfreiheits-Bericht des Hilfswerks zeigt, dass sich die Tendenz weiter verschlechtert. Religionsbezogene Anfeindungen, hindu-nationalistische Rhetorik und gesetzliche Einschränkungen hätten demnach zuletzt stark zugenommen, mit Anti-Konversionsgesetzen in mittlerweile zwölf Bundesstaaten. Neben den staatlichen Repressionen häuften sich insbesondere vor Wahlen auch Übergriffe durch gewalttätige Mobs, deren Täter meist straflos davongingen.
Bundeskanzler Stocker sollte die Repression von Christen und anderen religiösen Minderheiten bei seinem Indien-Besuch unbedingt ansprechen, forderte Pechmann. "Jede Chance, um Religionsfreiheit einzumahnen, muss genutzt werden", so der Nationaldirektor. Religionsfreiheit sei "ein Menschenrecht, kein Privileg", wobei Verletzungen von der Politik immer wieder thematisiert werden müssten, "damit auch die Regierungschefs vor Ort sehen, dass das Thema den Österreichern und auch weltweit wichtig ist".
Ordensfrauen des Menschenhandels bezichtigt
Wie sehr Christen in vielen Teilen Indiens Anfeindungen ausgesetzt sind, unterstreichen Medienberichte über Vorfälle allein in den vergangenen sieben Tagen. So wurden etwa im Bundesstaat Madhya Pradesh am vergangenen Dienstag (7. April) zehn Mitglieder eines katholischen Frauenordens an einem Bahnhof in Indore vorübergehend festgenommen, da man ihnen "Menschenhandel" vorwarf. Erst durch das Eingreifen kirchlicher Stellen und höherer Polizeibehörden konnte die Gruppe laut einem Bericht des US-Portals "The Pillar" freikommen. Diözesanbischof Thomas Mathew sprach von einer "potenziell schwerwiegenden Situation", die rasch entschärft worden sei.
Der Vorfall erinnert an einen Fall im Juli 2025 im Bundesstaat Chhattisgarh, als zwei Ordensfrauen unter denselben Vorwürfen - sie begleiteten eine junge Frau, die in ihre Gemeinschaft eintreten wollte und noch keine Ordenstracht trug - inhaftiert wurden. Kirchenvertretern zufolge gilt religiöse Kleidung zunehmend als Risiko, weshalb man Ordensfrauen daher immer öfter rate, zivil zu reisen.
Viele Konversions-Vorwürfe
Ebenfalls in Madhya Pradesh wurde am Samstag ein protestantischer Pastor nach einer Anzeige durch einen Aktivisten der hindu-nationalistischen Gruppe Bajrang Dal festgenommen. Ihm wird laut der Plattform ucanews.com vorgeworfen, gezielt Angehörige indigener Gruppen durch "Glaubensheilung" zur Konversion bewegen zu wollen. Kirchenvertreter sehen in derartigen Vorfällen eine missbräuchliche Anwendung der in immer mehr indischen Bundesstaaten geltenden Anti-Konversionsgesetze. Diese sehen teils hohe Haftstrafen vor und werden nach Einschätzung von Beobachtern häufig genutzt, um christliche Arbeit zu kriminalisieren.
Im Bundesstaat Patna wurde am selben Tag ein christliches Gebetstreffen in der Ortschaft Gandhi Maidan von Hindu-Nationalisten gestört. Teilnehmer berichteten, dass Parolen wie "Jai Shri Ram" (Sieg dem Herrn Rama) skandiert wurden und damit die Gläubigen in Angst versetzt hätten. Die hinduistische Akklamation wird in Indien in den jüngsten Jahren zunehmend als Schlachtruf benutzt, um Stärke und Dominanz zu demonstrieren, insbesondere gegenüber Muslimen.
Ein Vorfall bei einem anderen Gebetstreffen im nordindischen Bundesstaat Uttar Pradesh war Inhalt eines Gerichtsentscheids. Gegen einen katholischen Priester lief eine Anzeige, da er gesagt haben soll, das Christentum sei "die einzige wahre Religion", was als Verletzung religiöser Gefühle gewertet wurde. Auf Basis eines umstrittenen Strafrechtsparagrafen wurde ein Verfahren eingeleitet, gegen dessen erste Urteile der Geistliche bis zum Obersten Gerichtshof ging, der den Prozess am Samstag vorläufig aussetzte und nun prüft, ob solche religiösen Aussagen überhaupt strafbar sein können.
Schulschließung und Großproteste
Tage davor war im Bundesstaat Rajasthan einer katholischen Schule im Distrikt Dungarpur die staatliche Anerkennung entzogen worden, wobei rund 500 Schülerinnen und Schüler betroffen sind. Behörden begründeten den Schritt mit angeblichen Konversionsversuchen sowie religiösen Symbolen auf dem Schulgelände. Die Schulleitung wies die Vorwürfe zurück und leitete rechtliche Schritte ein. Mehr als hundert Eltern betonten in einem gemeinsamen Brief an die Behörden, dass Kinder verschiedener Religionen die Schule besuchen, ohne dabei unter Druck gesetzt zu werden.
Zu den Bundesstaaten mit den meisten Schikanen gegen religiöse Minderheiten zählt das zentralindische Chhattisgarh. Ende März demonstrierten dort Tausende Christen in der Hauptstadt Raipur und 32 weiteren Distrikten - Quellen sprechen von der größten jemals stattgefundenen christlichen Mobilisierung der Region - gegen die jüngst beschlossene Verschärfung des Anti-Konversionsgesetzes. Die "Chhattisgarh Freedom of Religion Bill 2026" sieht Strafen bis zu lebenslanger Haft für das sehr weit gefasste Delikt von Konversion durch Zwang, Täuschung oder Anreize vor. Rückkonversionen zum Hinduismus sind dabei jedoch straffrei gestellt.
Eine kleine Erleichterung brachte ein Entscheid des Obersten Gerichts vergangene Woche: Gebetstreffen in Privathäusern bedürfen demnach keiner behördlichen Genehmigung. - In Chhattisgarh stellen Christen weniger als zwei Prozent der rund 30 Millionen Einwohner.
Dorn im Auge religiöser Nationalisten
Insgesamt sei es besonders der religiöse Nationalismus, der Indiens Minderheiten zu Opfern "hybrider Verfolgung" mache, deutete "Kirche in Not"-Nationaldirektor Pechmann die Vorfälle. Die erheblichen Einschränkungen der Religionsfreiheit seien von der regierenden nationalistischen Hindu-Partei BJP durchgesetzt worden. Gesetze würden zudem häufig dazu missbraucht, Christen einzuschüchtern oder zu kriminalisieren. Dabei spiele mit, dass das Christentum "immer auch missionarisch" sei: "Die Freiheit zu glauben schließt ein, dass man über diesen spricht - was manchen ein Dorn im Auge ist", so der Experte.
Nicht vergessen dürfe man, dass das Christentum trotz der Minderheitenposition auf dem Subkontinent gesellschaftlich hochaktiv sei, etwa in den Bereichen Bildung und Sorge um Kranke und Ausgegrenzte. Pechmann: "Sichtbar wird das besonders im Engagement gegen das Kastensystem. Vor der christlichen Antwort darauf - dass jeder Mensch gleich ist - haben religiöse Nationalisten Angst."
Quelle: kathpress