
Ökonom warnt vor Rückfall des Welthandels in Protektionismus
Der Ökonom Gabriel Felbermayr sieht die Welthandelsordnung in einer tiefen Krise. In einem Blogbeitrag auf der Website der Katholischen Sozialakademie Österreichs (ksoe.at) fordert er die EU zu stärkerem Engagement auf. Sie solle sich "schützend vor die WTO und ihre konstitutiven Prinzipien stellen", um eine weitere Erosion der regelbasierten Handelsordnung zu verhindern, so der Appell des Direktors des Österreichischen Institutes für Wirtschaftsforschung (WIFO). Derzeit befinde sich die Welthandelsorganisation nämlich in einem "Elend", zunehmend drohe die Rückkehr machtpolitischer Strategien im internationalen Handel.
Die 1995 gegründete WTO sei ursprünglich geschaffen worden, um genau solche Machtpolitik einzudämmen, erinnerte der Experte. Grundlage seien zwei zentrale Prinzipien: das Meistbegünstigungsprinzip und die Reziprozität. Ersteres stelle ein Diskriminierungsverbot dar, wonach "alle Handelspartner eines WTO-Mitglieds gleichbehandelt werden müssen". Damit solle verhindert werden, dass "mächtige Staaten Zölle nutzen, um schwächere Länder anders zu behandeln".
Auch das Prinzip der Gegenseitigkeit habe sich bewährt. Der Austausch von Marktzugängen - von Felbermayr als "gift exchange" bezeichnet - habe nachweislich zu Liberalisierungsschritten geführt und die Stabilität des Systems gestärkt. Gemeinsam hätten beide Prinzipien "einen Ausweg aus dem Gefangenendilemma gezeigt", das bereits in der Zwischenkriegszeit zu protektionistischen Eskalationen geführt habe.
Zunehmend gerieten diese Mechanismen jedoch unter Druck. In Zeiten geopolitischer Spannungen gehe es Staaten nicht mehr nur um absolute wirtschaftliche Vorteile. Vielmehr würden auch relative Gewinne gegenüber Rivalen entscheidend. So könne es dazu kommen, "dass ein Land etwa einen Zoll einführt, der das eigene BIP reduziert, das BIP des Handelspartners aber noch stärker schmälert". In solchen Fällen "greifen die Mechanismen der WTO nicht mehr".
Die Folgen seien gravierend: Es drohten Rückfälle in protektionistische Spiralen bis hin zu wirtschaftlicher Entkopplung. Besonders betroffen wären laut Felbermayr die ärmsten Länder, die ohne funktionierende WTO "in die Gefahr geraten, von mächtigen Handelspartnern ausgebeutet zu werden".
Quelle: kathpress