
Wien: Historikerin Annemarie Fenzl mit Silvesterorden ausgezeichnet
Die langjährige Diözesanarchivarin und enge Mitarbeiterin von Kardinal Franz König, Annemarie Fenzl (81), ist am Dienstagabend in Wien für ihr Lebenswerk mit dem päpstlichen Silvesterorden ausgezeichnet worden. Die Verleihung nahm Erzbischof Josef Grünwidl im Rahmen eines Gottesdienstes in der Andreaskapelle des Erzbischöflichen Palais im Kreis von Angehörigen, Weggefährten, Mitgliedern des Grabesritter-Ordens sowie Familienangehörigen von Kardinal König vor. Es konzelebrierten Caritas-Europa-Präsident Michael Landau, der auch Domkustos ist, sowie der Pfarrer von Kottingbrunn, Walter Reichel.
Grünwidl würdigte in seiner Ansprache Fenzls Einsatz für die Kirche über sechs Jahrzehnte. Sie habe "für die Erzdiözese gelebt, besonders für Kardinal König", sagte der Erzbischof und hob hervor, dass man den 98-jährig verstorbenen Kardinal "nicht so lange und so frisch erlebt" hätte ohne ihre Begleitung. Zugleich hob er Fenzls bis heute andauernde Tätigkeit als Domführerin hervor: Kaum jemand anderer kenne "jeden Stein des Stephansdoms so gut wie du", ihre Führungen auch für Kinder seien "legendär" und bis heute ein prägendes Erlebnis.
Grünwidl betonte zudem die Spannung von menschlicher und göttlicher Dimension kirchlichen Lebens. Kirche sei eine "res mixta", die beide Seiten vereine - eine Erfahrung, die Fenzl als Archivarin und Historikerin in besonderer Weise gemacht habe. Der Silvesterorden werde bewusst an Personen verliehen, die sich nicht haupt-, sondern ehrenamtlich engagieren. In diesem Sinne dankte er für ihren jahrzehntelangen Dienst und erinnerte mit einem Wort Königs daran, dass die Kirche kein "Geheimrezept für das dritte Jahrtausend" habe, sondern ihre Botschaft "vor allem durch das liebevolle Zeugnis des Lebens" weitergeben müsse.
Fenzl gehört zu den prägenden Persönlichkeiten der Erzdiözese Wien. Die am 7. Februar 1945 im 15. Wiener Gemeindebezirk geborene Historikerin trat 1965 zunächst studienbegleitend als freie Mitarbeiterin in den Dienst der Erzdiözese Wien. 1969 wurde sie zur Assistentin des Diözesanarchivs bestellt, 1976 übernahm sie die Gesamtleitung und 1986 außerdem auch die Leitung des Büros des damals frisch emeritierten Wiener Erzbischofs Franz König. Bis heute gilt Fenzl als profilierteste Kennerin und Vertreterin der Anliegen des 2004 verstorbenen Kardinals.
Auch im Ruhestand bleibt Fenzl aktiv: Fenzl leitet ehrenamtlich das Kardinal-König-Archiv und ist Generalsekretärin der Kardinal-König-Stiftung, die sich die Bewahrung des geistigen Erbes des Kardinals zur Aufgabe gemacht hat. Ebenfalls auf die Initiative Fenzls geht die Website www.kardinalkoenig.at zurück, die neben den Lebensdaten auch ein Werkverzeichnis und bekannte Texte zu gesellschaftspolitischen und theologischen Fragen des Kardinals enthält.
Christliche "Selbstverständlichkeit"
In ihrer Dankesrede zeigte sich Fenzl bewegt und zugleich selbstkritisch. "Besondere Verdienste für die Kirche - mir ist nicht klar, wofür ich es bekommen habe", sagte sie und verwies darauf, dass christliches Handeln letztlich selbstverständlich sei; "vielleicht sollte man mehr den Mund halten". Zugleich spannte sie einen historischen Bogen zum Namensgeber des Ordens, den spätantiken Papst Silvester I., und erinnerte an die tiefgreifenden Veränderungen der Kirche in dessen Zeit.
Ausführlich ging Fenzl zudem auf persönliche Erinnerungen an prägende Gestalten der Erzdiözese Wien ein, insbesondere an den früheren Koadjutorerzbischof und Generalvikar Franz Jachym. Fenzl schilderte ihn als strenge, zugleich aber gerechte Persönlichkeit, die sie nachhaltig geprägt habe. In einer frühen Begegnung habe er sie knapp und ohne viele Worte geprüft, etwa mit der Frage nach ihrem Gehalt - eine Situation, die sie als junge Mitarbeiterin stark verunsichert habe. Wenige Tage später habe sich jedoch gezeigt, dass er sich im Hintergrund für eine deutliche Gehaltsnachzahlung eingesetzt hatte. "So ein Mann war das", sagte Fenzl.
Wirken aus der zweiten Reihe
Auch die kirchenpolitisch schwierige Phase rund um die Ernennung von Kardinal König zum Erzbischof 1956 schilderte die Historikerin ausführlich. Jachym, der selbst als möglicher Nachfolger gehandelt worden sei, habe die Entscheidung als schmerzhaft erlebt. Umso bedeutender sei gewesen, dass König persönlich das Gespräch mit ihm gesucht und eine loyale Zusammenarbeit begründet habe. Jachym habe sich daraufhin bewusst in den Dienst der Diözese gestellt und "in zweiter Reihe" entscheidend zum Gelingen beigetragen. Diese Haltung der Loyalität und Selbstzurücknahme sei für sie ein bleibendes Vorbild.
Fenzl erinnerte auch an die letzten Jahre Jachyms, dessen Tod im Jahr 1984 und seine tiefe Verbundenheit mit der Kirche. Er habe stets betont, alles der Kirche zu verdanken, und selbst schwierige Entwicklungen mitgetragen. Seine Lebenshaltung beschrieb sie als von großer Treue und Bescheidenheit geprägt; diese Eigenschaften seien heute selten geworden.
Neben diesen Rückblicken dankte Fenzl Weggefährten, Freunden und ihrer Familie. Viele von ihnen seien bereits verstorben, was sie mit zunehmendem Alter als belastend empfinde. Sie sei jedoch überzeugt, dass diese Menschen auf gewisse Weise weiterhin präsent seien, so die 81-Jährige.
Quelle: kathpress