
Neuer KABÖ-Vorsitzender: Sozialhirtenbrief braucht Neuauflage
Angesichts tiefgreifender Veränderungen in der Arbeitswelt spricht sich der neue Bundesvorsitzende der Katholischen Arbeitnehmerinnen- und Arbeitnehmerbewegung Österreichs (KABÖ), Hubert Gratzer, für einen neuen Sozialhirtenbrief der katholischen Bischöfe aus. "Mittlerweile sind viele neue Herausforderungen dazugekommen", sagte Gratzer im Interview mit der Wiener Kirchenzeitung "Der Sonntag" (Ausgabe 23. April). Ein solche Neuaflage sollte seiner Ansicht nach "synodal gedacht" auch unter Einbindung von Laien entstehen.
Der bislang letzte Sozialhirtenbrief der österreichischen Bischöfe stammt aus dem Jahr 1990. Eine Weiterentwicklung sei zwar durch das spätere ökumenische "Sozialwort" erfolgt, die aktuellen Herausforderungen erforderten jedoch eine neue Auseinandersetzung, so Gratzer.
Der gelernte Schlosser und spätere Betriebsrat sowie Betriebsseelsorger in der Diözese Linz im Bereich "Mensch & Arbeit" verwies auf Entwicklungen wie Digitalisierung, Globalisierung und ökologische Umbrüche, die die Arbeitswelt stark verändert hätten. Entscheidend sei nun, wie dieser Wandel sozial und ökologisch verträglich gestaltet werden könne. Arbeit müsse weiterhin Existenz sichern, soziale Teilhabe ermöglichen und Raum zur Entfaltung von Talenten bieten. In der KABÖ habe es Tradition, "dass der Mensch mit seiner Arbeit eine Stimme erhält, dass seine Meinung ganz wichtig ist und dass wir lernen, miteinander auszukommen".
Wandel im Verständnis der Arbeit
Die "klassische" Arbeit bezeichnete Gratzer als "ein großes Spannungsfeld". De facto gebe es so viele Arbeitskräfte wie nie, gleichzeitig sei die Definition des eigenen Lebens über die Arbeit geringer geworden. Das war früher anders. "Die Menschen beschäftigen sich nicht mehr so stark mit dem, was sie in der Arbeit erleben, sondern sie versuchen in der Freizeit einen Ausgleich, ein geglücktes Leben zu haben. Nicht bei allen, aber bei vielen ist das so."
Zugleich plädierte der frühere Betriebsseelsorger für eine breitere Sicht auf Arbeit, die auch unbezahlte Tätigkeiten wie Pflege- und Hausarbeit stärker berücksichtigt. Hier brauche es mehr gesellschaftliche Absicherung und Anerkennung. Die katholische Soziallehre betone neben der materiellen Absicherung auch die soziale und sinnstiftende Dimension von Arbeit. 1997 übernahm Gratzer die Leitung in der Erwachsenenarbeit der Betriebsseelsorge Linz-Mitte und den Aufbau des Lehrlingszentrums ZOOM. Als Betriebsseelsorger kümmere er "sich speziell um den Menschen in der Arbeitswelt: um sein Glück, seine Zufriedenheit, seine Entwicklungsmöglichkeiten".
Gute Arbeit sichere nicht nur die Existenz, sondern schaffe auch "soziale Kontakte und soziale Eingebundenheit in Gemeinschaften" und ermögliche es, Talente einzubringen. Arbeit sei aber auch "immer eine Herausforderung und auch ein Kampf um Verteilung: Wer bekommt welchen Anteil am Kuchen und wie wird das alles in der Gesellschaft definiert? Sodass man einfach auch schaut, dass alle Platz haben." Mit einer religiösen Dimension könne Arbeit auch etwas Sinnvolles für die Gemeinschaft leisten.
Alleingelassene Arbeitslose
Mit Blick auf die Situation von Arbeitslosen sprach Gratzer von einer "sehr dramatischen Situation", insbesondere für Langzeitarbeitslose. Je länger Menschen ohne Beschäftigung seien, desto schwieriger sei es, Betroffene "wieder zurückzubekommen in den Arbeitsprozess - mit ihrer persönlichen Erfahrung des Alleingelassenwerdens".
Mit Blick auf die Zukunft des KABÖ meinte Gratzer, dass es weiterhin Menschen braucht, "die die Wertschätzung anderen Arbeitnehmern gegenüber weitertragen und sich selbst auch wertschätzen an ihrem Arbeitsplatz". Der KABÖ-Vorsitzende erinnerte dabei an Kardinal Joseph Cardijn (1882-1967), Begründer der internationalen Christlichen Arbeiterjugend, und dessen Satz, dass jeder junge Arbeiter und jede junge Arbeiterin mehr wert sei "als alles Gold der Erde, weil er oder sie Sohn oder Tochter Gottes ist". Weiters sollten sich Christinnen und Christen auch kompromisslos für Frieden einsetzen.
Quelle: kathpress