
Antisemitismus-Meldestelle verzeichnet neuen Höchststand für 2025
Die Antisemitismus-Meldestelle der Israelitischen Kultusgemeinde Wien (IKG) hat einen neuen Höchststand verzeichnet: 1.532 antisemitische Vorfälle wurden im Jahr 2025 gemeldet. Das entspricht durchschnittlich vier antisemitischen Vorfällen pro Tag und 30 Vorfällen pro Woche. Gegenüber 2024 haben die Meldungen um weniger als ein Prozent zugenommen. Tatsächlich hat sich ihre Zahl von 2022 bis 2024 allerdings mehr als verdoppelt. Zurückzuführen sei der Anstieg auf die kriegerischen Auseinandersetzungen seit dem Angriff der Hamas am 7. Oktober 2023. Der "antisemitische Tsunami" habe sich seither in eine anhaltende Überflutung verwandelt. "Daran können und dürfen wir uns nicht gewöhnen", sagte IKG-Präsident Oskar Deutsch bei der Präsentation des Jahresberichts am Donnerstag.
Beunruhigend sei, was die Zahlen nicht zeigen: "Manche Jüdinnen und Juden haben sich an das Unerträgliche gewöhnt, andere ziehen sich zurück, verbergen ihr Judentum, meiden jüdische Orte", klagte Deutsch. Viele Jüdinnen und Juden würden vermehrt über Auswanderung nachdenken. "Antisemitismus darf in Österreich nicht salonfähig werden", appellierte der IKG-Präsident an die Zivilgesellschaft, gemeinsam aufzustehen, wenn antisemitische Angriffe in der U-Bahn, im Gasthaus oder am Fußballplatz bemerkt werden.
5 Millionen Euro für Sicherheit
5 Millionen Euro jährlich werden in die Bewachung von jüdischen Einrichtungen, Synagogen und Veranstaltungen sowie Sicherheitsmaßnahmen für Jüdinnen und Juden investiert. "Wir sind eine Religionsgemeinschaft. Das ist eigentlich absurd", sagte Deutsch. Diese finanziellen Mittel fehlten letztendlich in der Bildungs-, Jugend- oder Kulturarbeit der IKG.
Doch nur mithilfe der Polizei, des Bundesheers und des Sicherheitspersonals könne die Sicherheit von Jüdinnen und Juden garantiert werden, wenn sie jüdische Veranstaltungen besuchen. Für den alltäglichen Bereich könne das allerdings nicht garantiert werden. "Dafür müssten wir jeder Jüdin und jedem Juden einen Bodyguard zur Seite stellen. Das kann doch nicht die Lösung sein."
Höhere Dunkelzahl vermutet
Die Dunkelzahl der antisemitischen Vorfälle dürfte weitaus höher liegen, erklärte Johannan Edelman, Leiter der Antisemitismus-Stelle. Die Meldebereitschaft habe spürbar nachgelassen. Ein Gewöhnungs- und Abstumpfungseffekt seitens der Betroffenen an die anhaltend antisemitische Stimmung und Dauerbelastung sei eingetreten. Zudem werden Meldungen nur dann in die Statistik mitaufgenommen, die nach der IHRA-Arbeitsdefinition (International Holocaust Remembrance Alliance) antisemitisch sind.
Konkret wurden für das Jahr 2025 19 physische Angriffe auf Menschen und Gebäude mit oder ohne Waffen, 27 Bedrohungen, die jüdischen beziehungsweise als jüdisch wahrgenommenen Personen oder Einrichtungen physische Gewalt androhen, 205 Sachbeschädigungen, 439 Fälle von Massenzuschriften und 842 Fälle von "Verletzendem Verhalten" gemeldet. Letzteres umfasst verbale oder schriftliche antisemitische Beschimpfungen und Kommentare.
Gemeldet werden Vorfälle auch von vielen nichtjüdischen Menschen, berichtete Edelman. Einerseits wollten diese Zivilcourage zeigen, andererseits komme es vor, dass nichtjüdische Personen als jüdisch gelesen werden und Opfer von antisemitischen Angriffen werden - aufgrund ihres Aussehens oder etwa weil sie sich in bestimmter Art und Weise zum Nahostkonflikt äußern.
"Hinter all diesen Zahlen stehen Kinder, Mütter, Väter, Großeltern, Gemeindemitglieder, die uns unter Schock, nachhaltig traumatisiert und unsicher, was sie tun sollen, anrufen", betonte Benjamin Nägele, IKG-Generalsekretär. "Wir fragen Betroffene darum, an erster Stelle nicht danach, die Vorfälle zu beschreiben, sondern danach, was sie brauchen." Das Team kümmere sich um die Betroffenen über mehrere Tage, Wochen oder gar Monate, begleite sie zur Polizei, gebe eine erste Rechtsberatung. Das Psychosoziale Zentrum ESRA betreue Menschen psychologisch.
Antisemitismus aus allen Weltanschauungen
"Der Antisemitismus zieht sich durch alle ideologischen und weltpolitischen Anschauungen. Kein Milieu ist davon ausgenommen", erklärte Edelman weiter. Die Zahlen des Jahresberichts sind ausgewogen: 433 links ideologisch motivierte (28,3 Prozent), 308 rechts ideologisch motivierte (20,1 Prozent), 375 muslimisch motivierte (24,5 Prozent) und 416 (27,2 Prozent) nicht zuordenbare Fälle wurden registriert.
Seit dem 7. Oktober 2023 sei der Anstieg von israelbezogenem Antisemitismus massiv gewesen, erklärte Edelman. Er stellt mit 77,4 Prozent die mit Abstand häufigste Erscheinungsform dar. Die Schoa-Relativierung und -Leugnung erreichte 2025 ihren höchsten Anteil an Vorfällen seit der Covid-Pandemie mit 40,8 Prozent. "So wird etwa das Vorgehen Israels mit der Wehrmacht und der SS gleichgesetzt oder das Schicksal der Palästinenser mit Juden verglichen", gab Edelman ein Beispiel.
Die Meldestelle kategorisiert Vorfälle insgesamt nach fünf Erscheinungsformen. Im Jahr 2025 wurden etwa 625 Schoa-Relativierungen bzw. -Leugnungen, 1.186 Fälle von israelbezogenem Antisemitismus, 254 Fälle antisemitischer Verschwörungsmythen, 750 Fälle von antisemitischem Othering und 267 Fälle von Antijudaismus verzeichnet. Dabei können mehrere Erscheinungsformen auf einen gemeldeten Fall zutreffen. Das ist in mehr als drei Vierteln der Fälle der Fall. Am häufigsten betrifft das antisemitisches Othering (43,2 Prozent) sowie Schoa-Relativierung oder -Leugnung (42,1 Prozent).
Die IKG zähle etwa 10.000 Mitglieder. Insgesamt lebten zwischen 12.000 und 15.000 Jüdinnen und Juden in Österreich. "Wir werden uns an den Antisemitismus nicht gewöhnen, wir werden bleiben, wir werden nicht weichen und wir werden uns nicht beirren lassen", so Deutsch abschließend.
Quelle: kathpress