
Soziologin: Vance-Angriff auf Papst folgt Logik der Neuen Rechten
"In manchen Fällen wäre es das Beste für den Vatikan, sich auf moralische Angelegenheiten zu konzentrieren": Mit diesen Worten hatte sich US-Vizepräsident James David Vance im Interview mit dem Sender Fox News vor wenigen Tagen noch auf die Seite von Präsident Donald Trump geschlagen und Kritik von Papst Leo XIV. an der US-Administration zurückgewiesen. Auch wenn der Ton in der Zwischenzeit wieder etwas diplomatischer geworden ist und die Botschaften von Vance in Richtung Papst freundlicher wurden, so sage die Eskalation doch viel über die Konstitution einer moral-konservativen rechten Internationalen, die Religion politisch-ideologisch benutze. Das hat die Religionssoziologin Kristina Stoeckl in einem Gastbeitrag in der Wochenzeitung "Die Furche" (23. April) betont.
Mit seiner Papst-Kritik und dem Verweis auf eine Beschränkung auf "moralische Angelegenheiten" zeige sich Vance klar als Fürsprecher einer neuen, knapp zehn Jahre alten postliberalen, christlich-konservativen Bewegung, die inzwischen weit über die USA und auch über Konfessionsgrenzen hinaus ein Netzwerk gebildet habe, dass sich vor allem durch das gemeinsame Feindbild - die liberale Demokratie und die universalen Menschenrechte - verbunden fühle. "Ihre Knotenpunkte reichen von politischen Bewegungen wie MAGA in den USA über transnationale Plattformen wie den World Congress of Families bis hin zu konservativen Medien, Stiftungen und kirchennahen Organisationen, die Narrative, Strategien und Akteure zirkulieren lassen."
Christentum dient als "symbolischer Klebstoff"
Das Christentum diene bei diesem Netzwerk nur mehr als "symbolischer Klebstoff, der die passenden Schlagworte liefert" - so etwa Parolen wie "für die traditionelle Familie", "gegen den Gender-Wahn", gegen Abtreibung oder "für ein christliches Europa", so die aus Österreich stammende und an der römischen LUISS-Universität lehrende Soziologin. Dieses Netzwerk sei auf Papst Leo "nicht angewiesen", stellte Stoeckl klar: "Der Katholizismus ist hier weniger als Bindung an eine kirchliche Autorität, denn als Ressource in einem politischen Deutungskampf zu verstehen." Vances theologische Einlassungen gegen Papst Leo stünden insofern "exemplarisch für eine Form religiöser Aneignung, in der konfessionelle Zugehörigkeit nicht Gehorsam impliziert, sondern selektiv in ein ideologisches Projekt eingebunden wird."
Stützen kann sich das Netzwerk laut Stoeckl auf andere große religiöse "Player" wie etwa evangelikale Kirchen, die russisch-orthodoxe Kirche und andere Kirchen im Globalen Süden, die "bedroht von einem aggressiven Islam oder irritiert von liberaler Menschenrechtspolitik Anschluss und Anerkennung bei erzkonservativen Kräften aus den USA und Russland suchen". Zusammengehalten werde dieses heterogene Bündnis daher auch weniger durch ein gemeinsames Bekenntnis als vielmehr durch die Ablehnung der liberalen Demokratie und ihrer Institutionen. "An ihre Stelle tritt die Vorstellung einer Ordnung, in der nicht alle gleich sind, sondern klare Grenzen zwischen Privilegierten und Anderen gezogen werden - entlang von Herkunft, Ethnizität, Geschlecht und Lebensweise. In einer solchen Konstellation verliert auch der katholische Papst seinen einstigen Anspruch auf singuläre religiöse Autorität."
Quelle: kathpress