
Kirche zu 40 Jahre Tschernobyl: Atomkraft "nicht enkeltauglich"
Zum 40. Jahrestag der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl warnt die katholische Kirche in Österreich vor anhaltenden Folgen und aktuellen Risiken der Atomenergie. Die Ereignisse von 1986 wirkten bis heute in kontaminierten Böden, unbewohnbaren Regionen und im Leben vieler Menschen fort, hieß es in einer Stellungnahme vom Donnerstag, in der sich Bischof Hermann Glettler als neuer Leiter des Umweltreferats der Österreichischen Bischofskonferenz äußerte. Atomkraft sei bedrohlich für die Schöpfung und "keine enkeltaugliche Technologie", so der Bischof.
Glettler zeigte sich zudem besorgt über eine neue Diskussion über Atomenergie, um die ein neuer Hype entstanden sei. "Die aktuellen Konflikte zeigen auch, dass Atomkraft zum Spielball der Kriegstreiber werden kann, wenn gedroht wird, Atomkraftwerke zur Zielscheibe von Angriffen zu machen." Die Folgen solcher Szenarien wären - wie Tschernobyl gezeigt habe - katastrophal, insbesondere für die Zivilbevölkerung in umliegenden Gebieten.
Neben den ökologischen stünden auch friedensethische Fragen im Zentrum der Debatte. "Die aktuellen geopolitischen Spannungen zeigen, wie verletzlich diese Form der Energieerzeugung ist", so Glettler. Wo Anlagen ein existenzielles Gefahrenpotenzial in sich trügen, seien es letztlich Menschen, die die Konsequenzen tragen müssten. Im Ernstfall würden oft diejenigen den Preis zahlen, die keinerlei Verantwortung für solche Entscheidungen tragen.
Ungelöstes Atommüll-Problem
Der Sprecher der katholischen Umweltbeauftragten, Markus Gerhartinger, verwies auch auf langfristige Kosten und ungelöste Fragen der Atommüll-Endlagerung. "Es mag sein, dass Atomkraft uns in der aktuellen CO2-Bilanz hilft, aber Klimaschutz ist viel mehr als das", sagte Gerhartinger. Die Entsorgung radioaktiver Abfälle verursache enorme Kosten und sei weiterhin nicht zufriedenstellend gelöst. "Wir schieben damit die Verantwortung und die Kosten auf die kommenden Generationen ab. Das ist für mich keine verantwortungsvolle Klimapolitik."
Kritisch äußerte sich Gerhartinger auch zur energiepolitischen Debatte in der EU und verwies auf die Einschätzung von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, die einen Ausstieg aus der Atomkraft als strategischen Fehler bezeichnet hatte. Bei vollständiger Kostenwahrheit würde Atomstrom seiner Einschätzung nach nicht als günstige Alternative bestehen können, so der kirchliche Umweltexperte.
Widerspruch zum Gemeinwohl
Diese Kritik erhob auch Bischof Glettler: "Eine Technologie, deren Risiken und Abfälle über Generationen hinweg wirken, widerspricht dem Auftrag, das Leben zu schützen und das Gemeinwohl zu fördern." Tschernobyl bleibe "ein Mahnmal dafür, dass Fortschritt nur mit Verantwortung möglich ist", so der Bischof. Mit Blick auf Energieverbrauch und Einsparpotenziale ergänzte Gerhartinger: "Die Energie, die wir nicht brauchen, ist die beste Energie."
Quelle: kathpress