
Wien: Kunstinstallation verleiht Heiligen eigene Mailboxen
An eine nahezu in Vergessenheit geratene Form des Gebets erinnert eine Kunstinstallation, die ab Sonntag in der römisch-katholischen Wiener Pfarre Maria Namen zu sehen ist. "ANRUFUNG II" lautet der Titel des Werks des Künstlers Johannes Heuer, das sich auf ungewöhnliche Weise den sogenannten vierzehn Nothelfern der christlichen Tradition nähert: Sie bekommen jeweils eine Handynummer und können mittels Mobiltelefonen vor Ort auch direkt "angerufen" werden.
Die vierzehn Nothelfer zählen zu den bekanntesten Fürsprecherfiguren der christlichen Frömmigkeitsgeschichte. Die frühchristlichen Märtyrer - darunter Ägidius, Barbara, Blasius, Christophorus, Georg oder Katharina - wurden über Jahrhunderte hinweg in Situationen existenzieller Bedrohung angerufen: bei Krankheit, Angst, Seenot oder in Todesgefahr; zumal auch ihre eigenen Lebensgeschichten von Folter, Feuer und Grenzerfahrungen menschlicher Existenz geprägt waren.
Angeregt wurde Heuer zu seiner Installation durch einen Essayband des österreichischen Schriftstellers Bodo Hell, wie er gegenüber Kathpress darlegte. Im Zentrum stehen 14 rohe Holzscheite, die mit einer alten, kaputten Kettensäge zu archaisch anmutenden Figuren bearbeitet wurden. "Ohne die Bearbeitung wäre es nur Holz - so wie eine Marienstatue auch nur ein Stück Holz ist, das erst durch Zuschreibung Bedeutung bekommt." Wie Menschen Dingen Bedeutung verleihen, sei seine treibende Frage als Künstler. Heuer: "Besonders die religiösen Artefakte faszinieren mich - und wie sie durch Aufladung der Menschen, die daran glauben, erst ihre Wirkung entfalten."
Besonderer Bestandteil der Installation sind 14 Mobiltelefone mit Mailboxfunktion, die den Figuren zugeordnet sind. Besucherinnen und Besucher können dort persönliche Anliegen, Bitten oder Gedanken hinterlassen: "Und wer glaubt, kann sich auch an diese stellvertretenden Holzfiguren werden." Die Anrufung werde somit "technisch weitergedacht" mit dem realen Ansprechen auf eine Mailbox, erklärte Heuer. Abhören werde er die Sprachnachrichten nicht: "Ich denke, dass es schon hilfreich sein kann, seinen Hilferuf nicht zu verschlucken, sondern nach außen zu tragen und auszusprechen."
Kirchlicher Kunstort in Gürtel-Nähe
Die eine Parallelstraße zum Wiener Gürtel gelegene, erst kürzlich renovierte Pfarrkirche Maria Namen versteht sich seit Jahren auch als Ort zeitgenössischer Kunst mit religiösem Bezug. In den vergangenen Jahren waren dort unter anderem Arbeiten von Alfred Graselli, Eva Jansenberger und mehreren Künstlerkollektiven zu sehen.
Die Vernissage von Heuers Werk findet am Sonntag, 17. Mai, im Anschluss an die Heilige Messe um 9.30 Uhr in der Pfarrkirche (Hasnerstraße 11, 1160 Wien) statt. Danach lädt die Pfarrgemeinde zum Pfarrkaffee mit Künstlergespräch. "ANRUFUNG II" wird zudem auch im Rahmen der "Langen Nacht der Kirchen" am 29. Mai ab 18 Uhr zu sehen sein. Dabei gestalten die drei in der Pfarre beheimateten Sprachgemeinden einen gemeinsamen Gebets- und Begegnungsabend. (Infos: www.johannesheuer.com)
Quelle: kathpress