
Podiumsdiskussion: Religion und Kultur prägen einander wesentlich
Religion und Kultur sind keine Gegensätze, sondern stehen in ständigem Austausch miteinander. Sie prägen und verändern einander wechselseitig, oft auch spannungsvoll. Das war der Tenor der zweiten Veranstaltung der "Klosterneuburger Diskurse 2026" am Montagabend im Stift Klosterneuburg. Drei Gäste brachten dabei sehr unterschiedliche biografische und theologische Perspektiven ein: Sr. Brigitta Raith, Ordensfrau mit mehr als 30 Jahren Erfahrung in der Demokratischen Republik Kongo, P. Antony Arockiam, Ordenspriester aus Indien und Dogmatik-Professor am Pontifical Institute in Bangalore, sowie Aho Shemunkasho, syrisch-orthodoxer Theologe mit Wurzeln im Turabdin, einer historischen Kernregion des syrischen Christentums in der Südosttürkei.
P. Arockiam gehört der Ordensgemeinschaft der Missionare des heiligen Franz von Sales an. Er beschrieb, wie Identität je nach gesellschaftlichem Kontext anders wahrgenommen wird, und berichtete über seine Erfahrungen zwischen Indien und Österreich. Als Christ gehöre er in Indien einer Minderheit an und werde dort zuerst religiös wahrgenommen. In Österreich hingegen werde er vor allem als Inder gelesen - kulturelle Herkunft überlagere hier die religiöse Identität. "Wer bin ich eigentlich?", fragte der Theologe. Seine Jahre in Österreich hätten ihn verändert; die Rückkehr nach Indien sei deshalb auch ein Prozess des erneuten Fremdwerdens im eigenen Land gewesen. Humorvoll erzählte er von Missverständnissen im Alltag, die bereits an sprachlichen Feinheiten wie dem österreichischen Gebrauch des Konjunktivs sichtbar würden.
Der aus dem Turabdin stammende und in Salzburg lehrende Theologe Shemunkasho beschrieb Religion im Nahen Osten als grundlegenden Teil kultureller Identität. In den syrisch-christlichen Traditionen seien Sprache und Religion eng miteinander verwoben. - Die syrischen Christen sprechen Aramäisch, die Sprache Jesu. - Ein prägendes Erlebnis sei für ihn als Jugendlicher der Besuch einer katholischen Messe in Deutschland gewesen: Trotz völlig anderer Liturgie habe er in der Eucharistie plötzlich Vertrautheit gespürt. "Da wusste ich: Es ist doch dasselbe", sagte Shemunkasho. Er erinnerte daran, wie stark religiöse Zugehörigkeit das Leben orientalischer Christen bis heute strukturiere, vom Jahreskreis bis zum täglichen Gebet.
Druck auf Christen in Indien
Breiten Raum nahm die Diskussion über Mission und Missionsverständnis ein. Arockiam erinnerte daran, dass das Christentum in Indien wesentlich durch Missionare verbreitet worden sei. Gleichzeitig sei "Missionar" heute oft negativ besetzt. Christliche Orden könnten vielerorts kaum mehr offen missionarisch auftreten, engagierten sich jedoch weiterhin stark in Schulen, Krankenhäusern und sozialen Einrichtungen. Zugleich schilderte er den wachsenden Druck auf christliche Minderheiten in Indien. Nationalistische Strömungen würden Hinduismus und nationale Identität zunehmend miteinander verschmelzen. Mehrfach verwies er auf die schwierige Situation kirchlicher Einrichtungen und eingefrorene Konten von Diözesen und Pfarren.
Wandel im Missionsverständnis
Sr. Raith, die mehr als drei Jahrzehnte im Kongo lebte, schilderte einen tiefgreifenden Wandel im Missionsverständnis. "Wir wollen nicht missionieren, sondern missionarisch sein, das heißt mit den Menschen das Leben teilen, ihnen zugewandt sein." Das äußere sich auch dadurch, dass ihre Ordenstracht der Kleidung afrikanischer Frauen nachempfunden ist. Sie selbst sei im Kongo ebenso zutiefst geprägt worden. Besonders vermisse sie seit ihrer Rückkehr nach Österreich die lebendige Glaubenspraxis Afrikas, vor allem das gemeinsame Singen in den Gottesdiensten. Religion und Kultur seien für sie untrennbar miteinander verbunden und würden sich gegenseitig prägen.
Zugleich machte die Ordensfrau von den Missionarinnen Christi deutlich, welche gesellschaftliche Rolle Kirchen in der Demokratischen Republik Kongo übernehmen. Weil staatliche Strukturen vielfach schwach seien, würden Bildungseinrichtungen, Krankenhäuser und soziale Dienste großteils von kirchlichen Trägern geführt. Dadurch genieße die Kirche großes Vertrauen in der Bevölkerung. Kritisch sprach sie aber auch koloniale Aspekte der Missionsgeschichte an: Tatsächlich seien kulturelle Traditionen teilweise verdrängt worden, gleichzeitig hätten Missionare jedoch auch viel für die jeweiligen Kulturen vor Ort getan, etwa lokale Sprachen dokumentiert und erhalten.
Auch säkulare Menschen christlich geprägt
Trotz aller Unterschiede verband die Diskutierenden die Überzeugung, dass Religionen weiterhin gesellschaftliche Werte prägen. Arockiam hob etwa hervor, dass auch säkulare Menschen oft Werte lebten, die historisch stark vom Christentum geprägt seien, wie etwa Respekt, Hilfsbereitschaft oder Menschenwürde. Shemunkasho verwies auf die Bedeutung von Bildung, Demokratie und Menschenrechten als kulturelle Errungenschaften, die wesentlich vom Christentum geprägt worden seien.
Der Klosterneuburger Stiftskämmerer Elias Carr, Gastgeber der Veranstaltung, betonte in seiner Eröffnung die Bedeutung des Dialogformats in einer zunehmend polarisierten Gesellschaft. Es brauche Räume, in denen Menschen einander zuhören, unterschiedliche Perspektiven wahrnehmen und gemeinsam über Fragen von Würde, Gerechtigkeit und gesellschaftlichem Zusammenhalt nachdenken könnten. Genau dafür stünden die "Klosterneuburger Diskurse" des Augustiner-Chorherren Stiftes Klosterneuburg.
Die "Klosterneuburger Diskurse" werden von "radio klassik Stephansdom" aufgezeichnet. Der Mitschnitt der Veranstaltung wird am Dienstag, 26. Mai, um 19 Uhr ausgestrahlt und ist im Anschluss auch als Podcast abrufbar. (Der Mitschnitt der ersten Veranstaltung ist schon als Podcast abrufbar: http://radioklassik.at/programm/sendungsformat/16808/)
Quelle: kathpress