
Kardinal Német: Europa soll "Kontinent der Hoffnung" sein
Nicht mit geopolitischen Analysen, sondern mit einem ausdrücklichen Plädoyer für Hoffnung hat Kardinal Ladislav Német am Mittwochabend seinen theologischen Impuls beim steirischen Pfingstdialog auf Schloss Seggau eröffnet. Europa werde derzeit vielfach als Kontinent der Krisen beschrieben - geprägt von Polarisierung, Vertrauensverlust und gesellschaftlicher Müdigkeit. Der Belgrader Erzbischof warnte jedoch davor, die "tieferen Kräfte" zu übersehen, "die Europa schwächen können, aber auch Kräfte, die Europa stärken".
"EUROPA(s) STÄRKEN" ist auch das Motto des diesjährigen Pfingstdialogs, der noch bis Donnerstagabend Kirchenvertreter, Wissenschaftler und Politiker in Seggau versammelt. Bereits zuvor hatten der Grazer Bischof Wilhelm Krautwaschl und der evangelische Superintendent Wolfgang Rehner auf die Bedeutung christlicher Werte und kirchlicher Bildungsarbeit für Europa verwiesen. Der Politikwissenschafter Carlo Masala warnte vor Bedrohungen der liberalen Demokratie in Europa.
Jugend als moralischer Seismograf
Német gliederte seinen Vortrag in "Hoffnungen, Herausforderungen und Aufgaben" Europas. Als erstes Hoffnungszeichen nannte er die Jugend. In Ländern wie Serbien oder Ungarn würden junge Menschen Korruption und autoritäre Strukturen zunehmend infrage stellen. Wörtlich sagte der Kardinal: "Vielleicht können wir sagen: Die Jugend ist heute so etwas wie ein moralischer Seismograf. Sie reagiert sensibel auf Erschütterungen, sie spürt Unrecht, bevor es in den Statistiken sichtbar wird. Sie ist fähig, die Urängste der älteren Generation abzuschütten. Und sie ist bereit, dafür auf die Straße zu gehen, den eigenen Alltag zu unterbrechen, persönliche Risiken einzugehen."
Ausführlich verwies Német auf die anhaltenden Studentenproteste in Serbien nach dem tödlichen Einsturz eines Bahnhofsvordachs in Novi Sad im November 2024. Hunderttausende Menschen hätten gegen Korruption demonstriert. "Man konnte spüren: Hier artikuliert sich nicht nur Wut, sondern auch eine neue Hoffnung - die Hoffnung, dass Veränderung zum Besseren möglich ist", sagte der Vizepräisdent des Rats der Bischofskonferenzen Europas (CCEE).
Sehnsucht nach Transzendenz "nicht auszurotten"
Ein weiteres Hoffnungszeichen sei die "Wiederentdeckung des Religiösen". Trotz fortschreitender Säkularisierung beobachte man bei jungen Menschen eine neue Offenheit für Liturgie, Gebet und geistliche Gemeinschaften. "Die Sehnsucht nach Sinn, nach Verwurzelung, nach Transzendenz ist nicht verschwunden, diese sind urmenschliche, nicht auszurottenden Aspirationen", so der Kardinal.
Zugleich sprach er von einer Anfrage an die europäischen Kirchen durch neue religiöse Bewegungen aus Amerika und Afrika. Diese würden zeigen, "dass Glaube nicht nur eine private Angelegenheit ist, sondern gesellschaftliche Kraft entfalten kann".
Aufstehen gegen Religions-Missbrauch und Waffenhandel
Besorgt äußerte sich der Kardinal über die Instrumentalisierung von Religion durch populistische und nationalistische Bewegungen. "Religion, die ihrem Wesen nach Brücken bauen und Versöhnung stiften soll, wird so zum Werkzeug der Polarisierung", warnte er. Kirchen müssten daher lernen, "deutlich 'Nein' zu sagen, wenn der Glaube missbraucht wird".
Einen breiten Raum nahm auch die Kritik an wachsender Militarisierung und am Verlust multilateraler Zusammenarbeit ein. "Es droht eine neue Spirale des Misstrauens: Aufrüstung scheint zur notwendigen Antwort auf die Aufrüstung der anderen zu werden", sagte Német. Jeder Euro, der in Waffen investiert werde, fehle in Bildung, Gesundheitssystem oder Armutsbekämpfung.
Dabei verwies der Kardinal ausdrücklich auf Papst Leo XIV., der den Frieden ins Zentrum seines Pontifikats gestellt habe. Német zitierte aus einem Friedensgebet des Papstes: "Das Gebet ist kein Zufluchtsort, um uns unserer Verantwortung zu entziehen, kein Betäubungsmittel, um den Schmerz zu vermeiden. Die begrenzten menschlichen Möglichkeiten verbinden sich im Gebet mit den unendlichen Möglichkeiten Gottes." Gedanken, Worte und Taten müssten dadurch "in den Dienst des Reiches Gottes" treten.
Friedensprojekt Europa und Synodalität
Mit Blick auf Europas Zukunft warnte Német davor, den "Traum von der Einheit unseres Kontinents" preiszugeben. "In einer Welt wachsender Konflikte ist ein geeintes Europa ein Friedensprojekt", sagte er. Er verband dies mit dem Pfingstgedanken: "Wenn der Geist Gottes in Europa erfahrbar wird, dann kann aus einem Kontinent der Angst wieder ein Kontinent der Hoffnung werden, aus einem Nebeneinander kann ein Miteinander werden, aus einem Europa der Interessen ein Europa der Verantwortung."
Eingehend ging der Kardinal dabei auch auf die Rolle der Kirchen ein, die in diesem Prozess als "Laboratorien des Dialogs" wirken und zu "Schulen der Versöhnung" werden könnten, insbesondere durch einen stärkeren ökumenischen Geist. Eine synodale Kirche höre zu, "bevor sie spricht; sie lernt, bevor sie lehrt; sie geht gemeinsam, statt nur Anweisungen von oben zu geben".
Synodalität bedeute für ihn, die Stimmen der Menschen ernst zu nehmen - "nicht nur die der Armen, der Ausgegrenzten, derer, die sich von Europa nicht mehr vertreten fühlen, sondern auch die Stimmen der Frauen, der jungen Generation, der Andersdenkenden", sagte der Kardinal. Gerade dadurch könne die Kirche glaubwürdig "von Partizipation, von Demokratie, von Menschenwürde sprechen, weil sie diese Werte auch in ihren eigenen Strukturen einübt".
Gemeinschaft der Werte
Zum Abschluss warb Német eindringlich dafür, Europa nicht bloß als wirtschaftliches oder technokratisches Projekt zu verstehen, sondern als "Gemeinschaft der Werte". Europa brauche "nicht nur technische Lösungen und politische Programme, sondern glaubwürdige Zeuginnen und Zeugen mit Vision".
Zugleich plädierte er dafür, den Kontinent "neu zu strukturieren - nicht ideologisch und nicht technokratisch, sondern aus einer erneuerten Vision des Menschen heraus". Im Mittelpunkt müsse dabei die "unantastbare Würde jeder Person" stehen. Ein Europa, das nur wirtschaftliche Eigeninteressen verfolge, "verliert seine Seele", warnte der Kardinal.
Quelle: kathpress