
Wiener Festwochen: Glaubenstribunal erteilt "Gottesstaat" klare Absage
Eine Jury des dreitägigen theatralen Dokumentationsformats "Das Glaubenstribunal" von Festivalintendant Milo Rau hat in einem "Urteil" am Sonntag theokratischen Herrschaftsformen in Form eines Gottesstaates eine endgültige Absage gegeben. Nach dem insgesamt dritten verhandelten Fall "Bad Religion. In den Kerkern des Allmächtigen und seiner Theokratien", bei dem iranische Frauen der Bewegung "Frau, Leben, Freiheit" Zeugnis über ihre Inhaftierung, Folter und Verfolgung unter dem "Mullah-Regime" gaben, hätte diese Entscheidung wohl nicht anders ausgehen können.
"Wir haben diese Bewegung, wie schon viele andere Aufstandsbewegungen, mit einem der grausamsten Regime der letzten 50 Jahre alleingelassen", erklärte Wolfgang Kaleck, Menschenrechtsanwalt und Tribunalleiter, am Sonntag im Odeon Theater. Es sei "erschreckend, wie wenig das Wohl der iranischen Bevölkerung in unserer Öffentlichkeit eine Rolle spielt."
Es werde anlässlich des Krieges, der dort geführt wird, über Ölreserven und die geschlossene Straße von Hormus gesprochen. Die Grenzen für Menschen, die diesem mörderischen Regime entfliehen wollen, blieben nach Europa geschlossen. Eine "unheilvolle Mischung von politischer Macht, Maskulinität und einer apokalyptischen Kreuzzugsmentalität" sei auch in den USA zu finden, wie in den Worten von Präsident Trump, der damit drohte, eine ganze Zivilisation in einer Nacht auszulöschen, so Kaleck.
Peter Thiel ausgeladen
Letztlich ist auch die Absage der Veranstaltung mit Peter Thiel in diesem Kontext zu sehen, die zwar den Prinzipien der "Freien Republik" Raus widerspricht, aber der Forderung einer ganzen Boykott-Bewegung von Kunstschaffenden nachkommt, die sich nicht die Bühne mit jemandem teilen wollten, der einen religiös inspirierten Unternehmer-Staat anstrebt. Obwohl der basisdemokratische "Rat der Republik" der Festwochen grünes Licht für die Veranstaltung gab, habe es aber "beginnend mit der Absage von Geoffroy de Lagasnerie irgendwann erdrutschmäßig eine ganze Boykott-Bewegung von Festwochen-Teilnehmenden" gegeben, erklärte Rau im Interview mit dem "Standard" (31. Mai). Er halte die Absage nicht für richtig, "nichtsdestotrotz musste ich das Festival letztlich schützen, ich kann es nicht opfern für eine einzige Sache, die ich wichtig finde".
Auch die in der Minderzahl bei der Veranstaltung auftretenden religiösen Vertreter lehnten mit einer eingeschränkten Ausnahme Theokratie ab. Der Schweizer Theologe Jan Juhani Steinmann trat für einen christlichen Staat ein, der die postulierte Trennung von Staat und Religion überwindet und unter den Prämissen "Gnade, Demut und Liebe" regiert wird. Er hatte einen schweren Stand, seine Idee einer Herrschaftsform - die letztlich aufgrund der Unzulänglichkeiten der Menschen immer nur eine utopische Verheißung bleiben müsse - zu verteidigen.
"Frau, Leben, Freiheit"
Zwei iranische Frauen der Bewegung "Frau, Leben, Freiheit" berichteten darüber, was es bedeutet, in einem "Gottesstaat" zu leben. Die iranische Schauspielerin und Aktivistin Kosar Eftekhari ist prominente Überlebende der "Frau, Leben, Freiheit"-Proteste. Infolge des Todes von Mahsa Amini im Herbst 2022 ging auch Eftekhari auf die Straßen und wurde von iranischen Sicherheitskräften gezielt ins Auge geschossen, woraufhin sie auf dem rechten Auge erblindete. Mehrmals habe sie die Beamten aufgefordert, Gewalt zu unterlassen. Sie habe versucht, zwei Frauen zu helfen. "Ein Polizist hat mich daraufhin angegrinst und mir ins Auge geschossen." Im Krankenhaus sei ihr nahegelegt worden, sich umzubringen, doch sie habe eines Tages das Ende der Islamischen Republik erleben wollen. Eftekhari lebt heute in Berlin, ist aufgrund ihrer aktivistischen Tätigkeit jedoch immer noch den Drohungen des Regimes ausgesetzt.
Auch die iranische Aktivistin und erste Chefredakteurin eines Sportmagazins ihres Landes, Saeedeh Fathi, ging nach dem Tod der 22-jährigen kurdisch-iranischen Amini im September 2022, der die historischen "Frauen, Leben, Freiheit"-Proteste im Iran auslöste, auf die Straße. Sie wurde in Teheran verhaftet und für zwei Monate im berüchtigten Evin-Gefängnis festgehalten, erlitt psychische und physische Folter. Sie sei für das Regime aus mehreren Gründen zur Zielscheibe geworden, wie sie sagte: als Frau, als Aktivistin, als Journalistin, die über das Motorrad- oder Box-Verbot von Frauen berichtete, als Teil der größten nichtmuslimischen religiösen Minderheit der Bahai. Zudem sei ihr Spionage für das Ausland vorgeworfen worden. Sie lebt heute im Exil in Wien.
Zukunft des Irans
Der Westen habe viel zu spät und viel zu wenig reagiert, so die iranische Publizistin, queere Aktivistin und Künstlerin Mina Khani, die seit 20 Jahren in Deutschland lebt und über die systematischen Menschenrechtsverletzungen des Regimes im Iran berichtet. "Jetzt sind wir in einer Lage, wo die progressiven Kräfte von reaktionären Kräften angegriffen werden - auch von der iranischen Opposition, nicht nur vom Regime selbst." Die Faschisten hätten auf so eine Chance "bloß vor der Tür gewartet", warnte Khani.
Mit dem Hoffnungsträger der iranischen Opposition und einigen Akteuren im Westen habe man auf das falsche Pferd gesetzt, meinte die Juristin und Geschäftsführerin der österreichischen Sektion von Amnesty International, Shoura Zehetner-Hashemi. Man hätte besser in die progressive, feministische Grashalmbewegung der "Frau, Leben, Freiheit" investieren sollen, die Minderheiten vereint habe, und nicht in die Pahlavi-Bewegung (oft auch als Monarchisten oder Pahlavisten bezeichnet). Es sei eine reaktionäre Diaspora-Bewegung mit neofaschistischen Tendenzen, die seit Jahrzehnten nicht mehr im Iran lebten und das Land darum nicht kennen würden.
Zudem vermisse sie internationale Haftbefehle gegen die Akteure des Mullah-Regimes. Eine neue Protestbewegung im Iran hält Hashemi nicht nur für wahrscheinlich, sondern unvermeidbar.
Neointegralismus und Neoaristokratismus
Vor den Neointegralisten, die eine Rückkehr katholischer Ideen in die Staatlichkeit wünschen, und den sogenannten Neoaristokratisten, worunter auch die Tech-Oligarchen fallen, die einen Rechtslibertarismus mit oligarchisch-aristokratischen Ideen kombinieren, warnte der Soziologe Andreas Kemper. Die Strömungen seien eine Konsequenz aus der Vermögenskonzentration in wenigen Händen. Zudem sei auch der Adel in Österreich, also gerade der deutschsprachige Adel, wieder dabei, sich zu reorganisieren und zu repolitisieren. Die größte Gefahr sieht Kemper in einer neuartigen, unheilvollen Verbindung zweier Eliten, die die Demokratie als ineffizient oder falsch ablehnen: der Allianz zwischen Tech-Oligarchen und altem Adel.
Kein Plädoyer gegen den Glauben
Wie ihre Vorredner gaben auch die Abschlussredner des "Glaubenstribunals" kein Plädoyer gegen den Glauben ab, sondern vielmehr für ein friedliches Zusammenleben, das in Systemen, die die Religion für politische Zwecke missbrauchten, nicht möglich sei.
Angesichts einer so aussichtslosen Welt sei es "leicht nachzuvollziehen, warum sich Abermillionen Menschen weltweit noch immer mit aller Kraft an die Rettungsringe des Glaubens klammern", so der deutsche Philosoph und Religionskritiker Michael Schmidt-Salomon. Doch es brauche einen Prozess der "religiösen Abrüstung", die gezielte Abschwächung jener Gruppenidentitäten, die von Putin, Trump und Co. aktuell so massiv forciert werden. Die jeweiligen Regimes "haben zwar unterschiedliche konfessionelle Schwerpunkte, verbindendes Element ist jedoch, dass sie allesamt nationalen Chauvinismus mit reaktionären, religiösen Werten verbinden".
Friedvolle Enwicklung
Aus soziologischer Perspektive stärken Religionen den Zusammenhalt nach innen sowie die Abgrenzung nach außen, mit Mitgliedern fremder Gruppen oder Ketzern der eigenen Gruppen. "Für eine friedvollere Entwicklung der Menschheit wäre jedenfalls schon viel gewonnen, wenn wir uns künftig nicht mehr vorrangig als Juden, Christen, Muslime, Hindus, Buddhisten oder Atheisten wahrnehmen würden, sondern als gleichberechtigte Mitglieder einer zur Selbstüberschätzung neigenden, affenartigen Spezies, die mit sich und ihrem kleinen blauen Planeten sehr viel freundlicher umgehen sollte, als sie es in der Vergangenheit getan hat".
"Wir wissen, wie einsam die Menschen vor allem in der modernen Zeit sind. Wir verstehen, dass sie Gemeinschaft und Glauben brauchen", erklärte Jury-Mitglied und Islamkritiker Hamed Abdel-Samad. Es sei nicht Ziel der Säkularen, die Religion abzuschaffen, doch sie müsse dorthin zurück, wo sie hingehöre: "in die Herzen der Menschen, in Moscheen und Kirchen". Der Staat müsse dieses Recht schützen, dürfe aber nicht neutral bleiben.
Das Glaubenstribunal habe gezeigt, dass es möglich sei, voreinander Respekt zu haben, aufeinander zu hören und die Rechte jedes Einzelnen zu wahren, ohne die eigenen Positionen aufzugeben, so Jurymitglied Christine Mayr-Lumetzberger, ehemalige Ordensfrau der Benediktinerinnen, die nach ihrer "Weihe" zur Priesterin exkommuniziert wurde.
Quelle: kathpress