
Dank "Langer Nacht": Wiener Chorprojekt in drei Sprachen
Ein Hotspot der Sprachen- und Kulturvielfalt ist die Pfarre Maria Namen in Wien-Ottakring seit jeher: Gleich am Brunnenmarkt in Gürtel-Nähe gelegen, mit zwei Moscheen in direkter Nachbarschaft, sind hier außer der deutschsprachigen auch eine große polnische und eine spanischsprachige Gemeinde beheimatet. Man teilt sich Kirche und Pfarrräume, feiert manche Liturgien des Jahres gemeinsam, der Gemeindealltag bleibt jedoch stets fein getrennt organisiert. Es brauchte die "Lange Nacht der Kirchen", um daran etwas zu ändern: Erstmals gestalteten heuer die Chöre und Musikensembles aller drei Sprachgemeinden gemeinsam einen Anbetungsabend.
Die Kulisse des Abends ist die frisch renovierte Pfarrkirche von Maria Namen, ein in den 1970er-Jahren eingeweihtes Gebäude im Brutalismus-Stil, Schauplatz regelmäßiger Ausstellungen zeitgenössischer sakraler Kunst; auch aktuell ziert die Monumentalwand hinter dem Altar ein spektakuläres Werk des Künstlers Johannes Heuer ("Anrufungen II"). Beim Kircheneingang verweisen Luftballons in den Farben der Langen Nacht auf den besonderen Anlass.
Als die Besucher am diesem Freitagabend die Kirche betreten, ist noch nicht alles fertig aufgebaut. Vorne im Altarraum wird emsig an Mikrofonen geschraubt, Instrumente werden gestimmt und letzte Absprachen getroffen. Die technische Seite erweist sich als größere Herausforderung als gedacht, schließlich sollen rund 25 Instrumentalisten und Sänger - gut die Hälfte davon Kinder und Jugendliche - gleichzeitig verstärkt werden.
Kennenlernprojekt
Im Altarraum sitzen die Musiker dicht nebeneinander: Je zwei Querflöten und Violinen, mehrere Ukulelen, Gitarre, Klavier, Bass, Akkordeon und Saxophon sowie die Sängerinnen und Sänger bilden gemeinsam das Orchester des Abends. Die größte Gruppe stellt der polnische Kinderchor in weiß-blauem Matrosenlook. Die spanischsprachigen Sänger tragen Schwarz, das deutschsprachige Ensemble "Allegro" kleidet sich nach Belieben, unter ihnen die musikalische Gesamtleiterin Beate.
Die Idee für den Abend kam aus einer einfachen Beobachtung. "Wir haben beim vorjährigen Fronleichnamsfest festgestellt, dass wir teilweise dieselben Lieder singen, nur jeder in der eigenen Sprache", erzählt Beate. Warum also nicht einmal gemeinsam musizieren? Die Idee sickerte dann ein Dreivierteljahr, bis zur Initialzündung des Projekts. Damals mussten sich die Chorleiter erst einmal gegenseitig vorstellen, denn nicht einmal die Namen der anderen kannte man. Mit Begeisterung wurde dann aber der Rückstand im Nu aufgeholt, man entwarf gemeinsam das Programm, in dem sich ein- und mehrsprachige Lieder abwechselten, arrangierte Noten, schrieb Instrumentalstimmen und vereinbarte zwei Gesamtproben. "Auffallend war, dass wir eigentlich sehr wenig gemeinsam Üben mussten. Es hat erstaunlich schnell funktioniert", so die Wienerin.
Papst-Lieblingslied als Auftakt
Jetzt warten rund 100 Besucher in den Kirchenbänken auf die Premiere, und auch den Darbietenden selbst ist die Neugier ins Gesicht geschrieben darauf, was da nun kommt. Der Auftakt ist zehn Minuten später als geplant, mit der "Barka" als Eröffnungslied. Für die Polen eine Art geistliche Hymne, galt es doch als Lieblingsnummer "ihres" Papstes Johannes Paul II., doch ursprünglich stammt das Lied aus dem Spanischen und existiert auch in deutscher Übersetzung. Nachdem später Pfarrer Jesús David Villalobos Jaen - er ist Spanier - die Monstranz mit dem Allerheiligsten zur Anbetung aussetzt, folgen weitere Lieder aus internationalen Wallfahrtsorten wie Medjugorje oder aus der Gemeinschaft von Taizé, wo Mehrsprachigkeit seit Jahrzehnten selbstverständlich ist.
Die Besucher verfolgen die Texte in ihren Liedheften, singen mit oder hören einfach andächtig zu. Viele wirken überrascht von der Klangfülle des Ensembles. Auch für die Mitwirkenden selbst ist die Erfahrung neu. "Es war viel Arbeit, aber es hat sich gelohnt", sagt "Allegro"-Querflötistin Astrid danach. "Mich hat fasziniert, wie fein wir miteinander musiziert haben." Erstaunt und besonders gefreut habe sie, dass so viele Menschen gekommen sind.
Gemeinsame Sprache Musik
Für Olga, stellvertretende Obfrau des Pfarrgemeinderats, liegt die Bedeutung des Projekts weniger im Konzertcharakter als in dem, was dadurch innerhalb der Pfarre entstanden ist. "So etwas hat es bei uns noch nie gegeben", freut sie sich. Normalerweise bleibe jeder unter sich. "Nicht weil es Konflikte gäbe, sondern weil jede Gruppe ihren eigenen Alltag hat" - was auch rein logistisch begründet ist: Die deutschsprachige Gemeinde ist meist im Pfarrgebiet verwurzelt, während die Mitglieder der polnischen und spanischsprachigen Gemeinden oft von weither nach Ottakring kommen. Gemeinsame Aktivitäten erforderten daher größeren Organisationsaufwand, so Olga, die nun umso zufriedener ist: "Die Musik schuf eine Verständigung und Vernetzung, über die wir uns sonst seit Jahren bemüht haben, sonst aber mit nur wenig Erfolg."
Auch der aus Polen stammende Kaplan Lukasz Maciej Skiba sieht darin den eigentlichen Wert des Abends. "Wir haben gesehen, wie Musik Menschen verbindet", sagt er. Besonders angesprochen hätten ihn die mehrsprachigen Lieder. Entscheidend sei aber noch etwas anderes gewesen: "Die Initiative ist nicht von uns Priestern ausgegangen, sondern von den Leuten selbst, was für mich ein Zeichen von Lebendigkeit ist." Zwar brauche jede Sprachgemeinschaft ihre eigene Identität, Sprache und Traditionen, hin und wieder aber auch "Gelegenheiten, aus dem eigenen Rahmen herauszutreten und sich bewusst zu werden, dass wir eine gemeinsame Pfarre sind".
Pfarrer Jesús betrachtet den Abend als Ausdruck dessen, was die Pfarre Maria Namen heute ausmacht. "Das ist eigentlich unsere normale Realität. Die vielen Kulturen, vielen Sprachen und viele Farben. Auch die Musiktradition, die jeder mitbringt." Gerade in einem Bezirk wie Ottakring liege darin eine Chance für die Zukunft. "Wir müssen das nutzen, was wir hier haben."
Bischof als Suppenkoch
Nach eineinhalb Stunden endet die Anbetung mit einem Segen, dann geht es ins Pfarrcafé. Dort wartet bereits Weihbischof Franz Scharl, der in seiner speziellen Funktion als Bischof für die anderssprachigen Gemeinden gemeinsam mit Mitarbeitern der Wiener Kirchenzeitung "Der Sonntag" eine "Pfarrersuppe" in zwei Varianten - vegetarisch mit Sellerie sowie etwas deftiger mit Wurst und Kraut - gekocht hat. Ergänzt wird das Buffet von polnischen Roladki z tortilli und Gebäck, die Latinos haben Nachos und Tunfischsalat beigesteuert.
Bei Suppe und Gesprächen geht die Annäherung weiter. Zufriedenheit steht allen Beteiligten ins Gesicht geschrieben. "Es sind Menschen zusammengekommen, die bisher immer nur nebeneinander gebetet haben, sich aber gar nicht kannten", sagt Beate. Die Pfarre könne dadurch nach innen gestärkt, ihre Einheit nach außen sichtbarer gemacht werden - "und es bereitet ja auch viel Freude, etwas gemeinsam zu tun". Angedacht werden auch bereits mögliche künftige Projekte, etwa das Patrozinium im September würde sich dafür anbieten. "Die WhatsApp-Gruppe dafür haben wir ja jetzt schon", so die musikalische Leiterin.
Quelle: kathpress