
Pride Month: "Toleranz allein reicht nicht aus"
Queere Christinnen und Christen wünschen sich mehr als bloße Duldung: "Toleranz allein reicht nicht aus", betonte die Obfrau des Vereins "Queer Glauben Wien", Claudia Marleen Schröder, im Kathpress-Interview anlässlich des ökumenischen "Pride Prayer" am 10. Juni in Wien. Nötig seien Akzeptanz, sichtbare Unterstützung und sichere Räume für Gläubige unabhängig von sexueller Orientierung oder Geschlechtsidentität. Franz Harant, Leiter der katholischen Regenbogenpastoral Österreich, sieht dies ähnlich. So seien Regenbogenfahnen an Kirchen oder die Teilnahme kirchlicher Gruppen an Pride-Veranstaltungen Ausdruck von Offenheit: "Mit der gehissten Regenbogenfahne wird nach außen sichtbar, was innen gelebt werden soll: eine Kirche, die Menschen in ihrer Verschiedenheit achtet und ihnen offen begegnet."
Toleranz bedeute letztlich, jemanden zu ertragen. Das entspreche aber nicht dem christlichen Verständnis von Annahme und Nächstenliebe, stellte Schröder gegenüber der Nachrichtenagentur Kathpress klar. Menschen müssten unabhängig von ihrer Lebensrealität als gleichwertiger Teil kirchlicher Gemeinschaft wahrgenommen werden, so die evangelische trans Frau.
Für viele queere Menschen sei das Verhältnis zur Kirche ambivalent, sagte die Gründerin des Vereins "EvanQueer", der sich aktiv für die Sichtbarkeit, Gleichstellung und Akzeptanz von queeren Lebensweisen einsetzt. Auch sie selbst erfahre immer wieder Ausgrenzung oder befremdliche Situationen, etwa wenn Menschen ihr bewusst aus dem Weg gingen. Queere Gläubige hätten in kirchlichen Zusammenhängen Verletzungen oder Ablehnung erfahren, andere fänden dort Gemeinschaft und spirituelle Heimat. Entscheidend sei, ob Menschen die Erfahrung machten, mit ihrer Identität angenommen zu werden, so Schröder.
Ökumenischer Pride Prayer
Der am Mittwoch (10. Juni, 19 Uhr) in Wien stattfindende ökumenische Pride Prayer unter dem Motto "Atmen und Aufstehen" versteht sich als Angebot für queere Menschen sowie für deren Angehörige und Unterstützer. Dahinter stehe auch die Erfahrung, dass viele Betroffene trotz schwieriger Erfahrungen den Bezug zu ihrem Glauben nicht verloren hätten, meinte Schröder. Mitorganisator des queeren Gottesdienstes ist das ökumenische Netzwerk VCQN (Vienna Christian Queer Network), das auch vonseiten der katholischen Regenbogenpastoral unterstützt wird.
Auch in Linz findet am Mittwoch ein Pride Prayer statt; die Feier beginnt um 19 Uhr in der Martin-Luther-Kirche und steht unter dem Motto "Beten, singen, Gottes Segen spüren". In Graz findet am 23. Juni ein ökumenischer Regenbogen-Gottesdienst zum Christopher Street Day in der Heilandskirche Graz statt.
Nach Einschätzung Schröders werden Fragen von Geschlechtsidentität und sexueller Orientierung in Kirchen häufig besonders emotional diskutiert, weil sie die persönliche Lebenswirklichkeit vieler Menschen unmittelbar berühren. Gesellschaftliche oder soziale Fragen ließen oft mehr Distanz zu als Themen, die das eigene Selbstverständnis betreffen.
Zugleich sieht Schröder in der queeren Theologie einen Beitrag für die gesamte Kirche. Neue Perspektiven auf biblische Texte könnten helfen, vertraute Erzählungen anders zu lesen und bisher wenig beachtete Erfahrungen stärker in den Blick zu nehmen. Jede neue Lesart eröffne zusätzliche Einsichten. Für Schröder bleibt die entscheidende Orientierung die Botschaft des Evangeliums. Als Leitwort für die Kirchenleitungen verwies Schröder auf das Johannesevangelium: "Liebt einander, wie ich euch geliebt habe." Dies müsse sich auch im konkreten Umgang mit queeren Gläubigen widerspiegeln.
Sichtbare Zeichen im Pride Month
Für Franz Harant, Leiter der Regenbogenpastoral Österreich und der Regenbogenakademie Österreich, sind die zunehmenden Aktivitäten kirchlicher Gruppen während des Pride Month ein wichtiges Signal. Gleichzeitig warnte er vor einem raueren gesellschaftlichen Klima. Hass und Hetze gegenüber LGBTIQ-Personen nähmen zu: "Rechtspolitische Parteien und rechtskatholische Kräfte trainieren die Öffentlichkeit gegen LGBTIQ* zu sein. Das ist unchristlich und widerspricht der Botschaft Jesu, dem es um Inklusion geht." Gerade deshalb brauche es eine Pastoral, die Menschen in ihrer Verschiedenheit wahrnehme, wertschätze und einbeziehe, so der katholische Seelsorger.
Mehr Unterstützung gefordert
Positiv bewertete Harant die gewachsene Aufmerksamkeit für queere Themen innerhalb der katholischen Kirche. Als Beispiel verwies er auf die österreichweite Ausbildung zur LGBTIQ*-Kompetenz für Seelsorgerinnen und Seelsorger, die nach ihrer Einführung im Vorjahr fortgesetzt wird.
Aus seiner Sicht braucht es jedoch noch weitere Schritte. Von der Österreichischen Bischofskonferenz wünsche er sich eine "eindeutige Zustimmung zur queersensiblen Regenbogenpastoral auf allen Ebenen der Kirche". Auch die personellen und finanziellen Ressourcen für entsprechende Angebote sollten deutlich ausgebaut werden.
"Gehemmter Sprung nach vorne"
Als wichtigen Impuls nannte Harant das vatikanische Schreiben "Fiducia supplicans", das Segensfeiern für gleichgeschlechtliche Paare ausdrücklich nicht ausschließt. "Das Dokument, das stark die Handschrift von Papst Franziskus zeigt, war ein kleiner, gehemmter Sprung nach vorne." Das darin enthaltene grundsätzliche Ja zur Segnung sei jedoch ein Schritt, hinter den die Kirche nicht mehr zurückgehen könne.
Mit Blick auf Papst Leo XIV. hofft Harant nun auf eine Fortsetzung des von Papst Franziskus eingeschlagenen Kurses. Er erwarte zwar keine raschen Veränderungen, rechne aber damit, dass sich der neue Papst den Fragen rund um sexuelle Orientierung und Geschlechtsidentität ernsthaft stellen werde.
Quelle: kathpress