
Kinderärzte-Präsidentin: Transgender-Behandlungen kritisch prüfen
Die Präsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde, Daniela Karall, fordert angesichts steigender Zahlen von Transgender-Behandlungen bei Kindern und Jugendlichen eine breitere Diskussion über Risiken und Langzeitfolgen. Derartige Fakten würden im öffentlichen Diskurs häufig fehlen, betonte sie im Interview mit dem Bioethik-Institut IMABE (Mittwoch). "Im Sinne der umfassenden Aufklärung müssen manche Aspekte definitiv Erwähnung finden", so Karall.
Anlass für die Äußerung waren aktuelle Angaben des Transgender Center Innsbruck (TGCI), das rund 900 Patientinnen und Patienten betreut, darunter etwa 300 Minderjährige. Die Leiterin des Zentrums, Katharina Feil, führte gegenüber dem ORF den Anstieg der Erstgespräche auf das Dreifache binnen zehn Jahren unter anderem auf soziale Medien sowie eine größere Offenheit Betroffener zurück. Karall hielt dem entgegen, dass auch die mögliche Rolle sozialer Medien bei der Entstehung von Geschlechtsdysphorie untersucht werden müsse.
Dauerpatient, Prothese, Infertilität
Die Kinder- und Jugendärztin wies auf wesentliche medizinische Folgen hin: "Wer sich einer Transgender-Behandlung unterzieht, wird dauerhafter Patient: anhaltende Hormongaben und bei operativen Eingriffen lebenslange Anbindung an das Betreuungssystem wird die Regel." Die Chirurgie führe in der Regel zur Infertilität, und die chirurgisch hergestellten Äquivalente seien Prothesen, die "dem Original funktionell nie entsprechen können, auch nicht in der sexuellen Empfindung". Zudem verliere das Gesundheitssystem die medizinische Aufmerksamkeit, die dem biologischen Geschlecht entspreche, wenn der Personenstand geändert wird.
Karall kritisierte zwei weitverbreitete Annahmen: dass Hormonblockaden reversibel seien und dass die Suizidalität nach Behandlungen abnehme. Finnische Daten - befragt wurden knapp 19.000 jungen Menschen - zeigten, dass zwei Jahre oder länger nach einer Transgender-Behandlung fast zwei von drei Betroffenen weiterhin psychiatrische Hilfe benötigten. Betroffene suchten womöglich eine Erklärung für ihr ständiges Gefühl der Niedergeschlagenheit oder ihre Ängstlichkeit, zitiert der IMABE-Bericht einen Kommentar des Münchner Kinder- und Jugendpsychiaters Alexander Korte dazu. Da es einen "Hype um Trans" gebe, glaube man dort die Lösung zu finden - "aber die Transition löst dann die psychischen Probleme nicht".
Kasse zahlt nicht für Detransition
Die Kostenfrage wird in dem Bericht als weiterer Aspekt genannt: Hormone und operative Eingriffe werden vom solidarischen Gesundheitssystem getragen. Für Detransitionen - also die Rückumwandlung - gelte dies jedoch in der Regel nicht.
International zeigt sich laut IMABE ein konträrer Trend: Finnland habe die Vergabe von Pubertätsblockern beschränkt und empfehle zunächst psychotherapeutische Unterstützung, Schweden und Großbritannien hätten Behandlungen mit Pubertätsblockern und gegengeschlechtlichen Hormonen für Minderjährige eingeschränkt oder verboten, nachdem die Gesundheitsbehörde festgestellt hatte, dass die Risiken die Vorteile überwiegen. Auch in Norwegen und Dänemark würden die Regelungen derzeit überprüft.
Österreich auf affirmativem Weg
Österreich hingegen folge weiterhin dem affirmativen Ansatz, also der unkritischen Bestätigung des Geschlechtsumwandlungswunsches. Der IMABE-Bericht verwies zudem auf ein im Mai 2025 geleaktes Gesetzesvorhaben von SPÖ, NEOS und Grüne, wonach ein geplantes "Konversionsmaßnahmen-Schutz-Gesetz" den Ärzten, Therapeuten und Eltern unter Strafandrohung von bis zu einem Jahr Freiheitsstrafe oder 30.000 Euro Geldstrafe verbieten sollte, den Geschlechtsumwandlungswunsch eines Jugendlichen ergebnisoffen zu hinterfragen. Erziehungsberechtigte, die Einwände erheben, würden sogar den Verlust des Sorgerechts riskieren.
Umstritten sind auch jene Leitlinien ("S2k"), die in den deutschsprachigen Ländern den affirmativen Ansatz für Minderjährige als Standard festschreiben. Gegen deren Entwurf hätten sich zahlreiche Fachvertreter aus der Kinder- und Jugendpsychiatrie, darunter 14 Universitätsprofessoren und die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, ausgesprochen, bemerkt IMABE. Auch internationale Leitlinien, etwa der World Professional Association for Transgender Health (WPATH), seien zuletzt wegen methodischer Mängel und unzureichender Transparenz bei der Bewertung wissenschaftlicher Evidenz in die Kritik geraten.
Medizinische Grundsätze hochhalten
Karall plädiert vor diesem Hintergrund für größere Zurückhaltung bei medizinischen Eingriffen im Kindes- und Jugendalter. Aufgabe der Medizin sei es, "erstens nicht zu schaden, zweitens Vorsicht walten zu lassen und drittens zu heilen". Angesichts der stark steigenden Patientenzahlen sei eine kritische Überprüfung der gegenwärtigen Praxis notwendig, um sicherzustellen, dass diese Grundsätze gewahrt bleiben.
Quelle: kathpress