
Kardinal Német über Ära Orbán: "Kirchen waren zu nah an der Macht"
Der ungarischstämmige Erzbischof von Belgrad, Kardinal Ladislav Német, hat im Interview mit der Wochenzeitung "Die Furche" einmal mehr die vergangenen Jahre bzw. Jahrzehnte in Ungarn analysiert und festgehalten, welche Lehren er daraus für die Kirchen zieht. Diese seien in der Ära von Viktor Orbán "zu nah an der Macht" gewesen, so Német. Es sei ihm ein Rätsel, wie es möglich war, dass die Kirchenhierarchie so lange die Politik Orbáns mitgetragen habe.
Für die ungarische Gesellschaft sei der jüngste politische Machtwechsel ein ungeheurer Erfolg: "Die Menschen haben realisiert, dass es möglich war, gemeinsam das System zu verändern." Vor den Wahlen habe in Ungarn fast eine Volksdepression vorgeherrscht, so der Kardinal: "Der Staat kontrollierte alles, die Regierung hatte auch die meisten Medien in der Hand und versuchte, die Andersdenkenden stark zu beeinflussen, gar zu vernichten." Sogar die Kirchen seien in gewisser Weise kontrolliert worden, indem man sie u. a. finanziell zunehmend abhängig machte. Fazit: "Sie sind der Regierung und der Macht zu nahe gekommen."
Manche Politikbereiche müsse man freilich differenziert beurteilen, so der Kardinal weiter. Die Familienpolitik der Orbán-Regierung, vor allem die Unterstützung der jungen Familien, sei von den meisten in Ungarn positiv aufgenommen worden, auch von den Jüngeren. "Das ist das eine. Das andere ist, wie diese Politik selbst durch Machtmissbrauch instrumentalisiert wurde, wie damit eine ungeheure Polarisierung in der Bevölkerung erzeugt wurde, auch durch Feindbilder, durch Gegenüberstellung von Lebensgeschichten", so Német: "Kritisiert wurde an Orbán die Korruption, die hohe Inflation, die Widersprüchlichkeit zwischen Worten und Taten, die Darstellung der Ukraine als Feindbild und die Panikmache, dass jeder und jeder, der anders denkt und lebt, wie die Regierung das sich wünscht, ein Feind ist."
Dieses Spiel mit den Gefühlen, die Ideologie dahinter, die Werte und das Christentum seien zu einem Gemenge verschmolzen und durch die öffentlichen und staatlichen Medien kommuniziert worden. Und die kirchliche Hierarchie habe vergessen, angesichts dessen eine "Unterscheidung der Geister" vorzunehmen.
Religion hat ungeheure Mobilisierungskraft
Zur Frage, welche Rolle die Religion bei Viktor Orbán spielt, äußerte sich Német vorsichtig: "Das ist sehr schwer. Orbán zeigte sich religiös und ist sicher religiös. Das steht mir nicht zu zu beurteilen." Als junger Mann sei er liberal gewesen, "seine Fidesz war bei ihrer Gründung ziemlich kirchen- und religionskritisch". Später habe Orbán verstanden, "dass Religion und die Religionsgemeinschaften eine ungeheure Kraft besitzen, Menschen zu erreichen, zu versammeln und sie zu mobilisieren".
Orban sei ein Genie, "Gelegenheiten zu nutzen, Potenziale zu erkennen, Menschen zu mobilisieren, zu begeistern, Geschehnisse zu analysieren, und er ist ein genialer Redner, sonst hätte er es nicht geschafft, insgesamt 20 Jahre Ministerpräsident eines Landes zu sein".
Religion könne aber auch gegen Menschen mobilisieren und Feindbilder verstärken, räumte der Kardinal ein. "Und wenn man die richtigen Themen dazu nimmt, etwa Angst oder Hoffnungslosigkeit, dann braucht man einen Erlöser, der den Menschen Kraft gibt und sie verteidigt. Das sind die starken, populistischen Leader, die Muster sind bekannt, wissenschaftlich, geschichtlich sehen wir hier ziemlich klar, wohin all das führen kann."
Er könne nicht verstehen, so Nemet, "warum die Kirchen - insbesondere die katholische und die reformierte - so lange weitgehend geschwiegen haben, als die Politik sich einer religiösen Rhetorik bediente, um Menschen abzuwerten oder auszugrenzen". Német: "Wo Menschen mit religiösen Symbolen in der Hand rhetorisch entmenschlicht werden, wo sie vom Ministerpräsidenten öffentlich als 'Wanzen' oder 'Schädlinge' markiert werden, die ausgerottet gehören, entsteht ein tiefes Problem für die Glaubwürdigkeit der Kirche."
Insofern sei es für die Kirchen in Ungarn künftig eine wesentliche Aufgabe, "uns gerade daran messen zu lassen, ob wir in solchen Situationen das Evangelium klar genug gegen jede Form der Instrumentalisierung von Religion zur Sprache bringen und uns von den Opfern dieser Rhetorik den Spiegel vorhalten lassen".
Quelle: kathpress