
Steindl-Rast: "Die Gottesbeziehung ist uns angeboren"
Br. David Steindl-Rast, Mönch, spiritueller Lehrer und Buchautor, feiert am 12. Juli seinen 100. Geburtstag. Im Interview mit dem steirischen "Sonntagsblatt" (aktuelle Ausgabe) hat er einmal mehr einige zentrale spirituelle Leitlinien, die sein Leben und Wirken prägten und prägen, erläutert. So hält er etwa fest: "Die Gottesbeziehung ist uns angeboren, die haben wir, ob wir je von einer Religion gehört haben oder nicht. Wir kennen dieses große Geheimnis. Das macht uns ja zu Menschen, dass wir auf dieses Geheimnis angelegt sind und uns mit ihm auseinandersetzen müssen, dass wir tiefe Fragen stellen: Was ist denn eigentlich alles? Warum gibt es überhaupt etwas? Wie soll ich leben?"
Diese existentiellen Fragen würden jeden Menschen unabhängig von irgendeiner Religion leiten, wenn die dringendsten Bedürfnisse wie das nach Nahrung erfüllt sind. Steindl Rast: "Diese Fragen stellen sich jedem Menschen, der ein menschenwürdiges Leben führt, auch in unserer Gesellschaft, zumindest beim Tod eines Freundes, bei einer schweren Erkrankung, bei der Geburt eines Kindes oder in Gipfelerlebnissen, die einfach aus dem Blauen kommen."
Die menschliche Grundreligiosität drücke sich nun aber in den verschiedenen Religionen unterschiedlich aus, so der Ordensmann: "Unsere Gottesbeziehung ist zu unerschöpflich, als dass eine Religion sie ganz ausschöpfen könnte. Wir haben uns als Christen auf das Wort konzentriert. Ebenso haben sich die Buddhisten auf das Schweigen und die Hindus auf das Verstehen konzentriert. Wunderschön. Wir können alles Mögliche voneinander lernen und tun es auch."
Lebensvertrauen wiedergewinnen
Der Benediktiner thematisierte im Interview auch einmal mehr zwei zentrale Themen, die ihn sein Leben lang bewegten: Dankbarkeit und Lebensvertrauen: "Dankbarkeit ist ein Wort, das jeder Mensch kennt. Viele andere Stichworte, die in der Spiritualität verwendet werden, sind sehr speziell und man muss erst lernen, was sie bedeuten. Aber Dankbarkeit versteht jedes Kind. (...) Ich freue mich über etwas Wichtiges, das mir völlig frei geschenkt wird. Ich muss nicht zahlen oder arbeiten dafür, ich muss mich nicht bemühen, es wird mir frei geschenkt. So gesehen ist das größte Geschenk das Leben selbst. Das ist mir eigentlich das Wichtigste in dieser ganzen Dankbarkeitsspiritualität: das Lebensvertrauen."
Wer dem Leben vertraut, sei schon dankbar. Heute hätten aber viele Menschen ihr Lebensvertrauen verloren und darum diese Schwierigkeit mit der Dankbarkeit. Die Frage müsse also heißen: "Wie können wir unser Lebensvertrauen wiedergewinnen?"
Er glaube, dass das Lebensvertrauen "wegen unserer Oberflächlichkeit verloren gegangen ist, unsere Gesellschaft krankt an einem Mangel an Ehrfurcht". Für viele junge Menschen sei das Wort Ehrfurcht etwas Unbekanntes. Steindl-Rast: "Ich würde mit Kindern in eine dunkle Kirche gehen und in der Stille eine Kerze anzünden. Oder sie in die Berge mitnehmen, einen Regenbogen anschauen, ein Gewitter erleben. Also etwas tun, das die Ehrfurcht stärkt."
So wolle er einem fragenden und suchenden Menschen der Gegenwart raten: "Du vertraust dem Leben doch ohnehin zu 99,9 Prozent. Und du konzentrierst dich auf das eine Zehntelprozent, wo du das intellektuell nicht nachvollziehen kannst. Du kannst nicht einmal dein Frühstück selbst verdauen, das muss das Leben machen. Alles macht das Leben. Jede Sekunde sterben in deinem Leib zwei Millionen rote Blutkörperchen und müssen ersetzt werden. Versuch das einmal! Du vertraust dem Leben, das alles zu erledigen. Also sag dir doch: Auch wenn ich dieses eine kleine Zehntel von einem Prozent nicht so klar sehe, gehe ich trotzdem davon aus, dass das, was im körperlichen Leben so nachweislich ist, auch für das psychische Leben gilt."
Und weiter: "Du denkst, dass du unabhängig bist, doch du hattest keinen Einfluss darauf, wann und wo du geboren bist, von welchen Eltern und damit Hunderttausenden von Vorfahren, die alle in dich hineinwirken. Du vertraust dem Leben, dass das alles richtig war, oder du sagst, es war alles falsch. Dann wird es irgendwann so unerträglich werden, dass du dir überlegen musst, ob es da vielleicht noch eine andere Möglichkeit gibt. Diese andere Möglichkeit ist, dem Leben zu vertrauen, jeden Augenblick."
Kolloquium zum 100er in Kremsmünster
Mit einem zweitägigen Kolloquium im Stift Kremsmünster wird am 11. und 12. Juli der Geburtstag Steindl-Rast gebührend gefeiert. Die Veranstaltung steht unter dem Titel "Geheimnis des Lebens". Neben Vorträgen umfasst das Programm spirituelle und kulturelle Elemente, u. a. eine Festmesse mit dem Wiener Erzbischof Josef Grünwidl sowie ein Live-Gesprächsformat mit Br. David selbst. Die bereits vor Anmeldeschluss ausgebuchte Veranstaltung wird aufgrund des großen Interesses auf dem YouTube-Kanal des Stiftes Kremsmünster via Livestream übertragen. Erwartet werden 450 Gäste, darunter auch internationales Publikum.
David Steindl-Rast wurde 1926 in Wien geboren. Nach Studien an der Akademie der Bildenden Künste und der Universität Wien promovierte er in Psychologie und Anthropologie. 1953 trat er in das Benediktinerkloster Mount Saviour im US-Bundesstaat New York ein. Er ist Mitbegründer des Center for Spiritual Studies und seit Jahrzehnten eine zentrale Stimme im interreligiösen Dialog. Heute lebt und wirkt er im Europakloster Gut Aich.
Quelle: kathpress