
Spitzendiplomat: Politischer Einfluss der Päpste nimmt ab
Für den heimischen Spitzendiplomaten Emil Brix nimmt das politische Gewicht der Päpste auf dem internationalen politischen Parkett immer mehr ab, was sich beim Einsatz für den Frieden deutlich zeigt, wie er im Interview mit der Wiener Kirchenzeitung "Der Sonntag" und "Radio Klassik Stephansdom" sagte. Zwar sei selbst in jenen Staaten, wo es keine katholischen Mehrheiten gibt, die Autorität des Papstes "etwas, das man nicht ignorieren kann". Es sei zugleich aber nicht der Fall, "dass der Papst tatsächlich politisches Verhalten von Staaten beeinflussen kann".
Es sei Tatsache, dass heutzutage "moralische Autorität kaum mehr umgesetzt wird in politisches Handeln", so Brix. Dies betreffe auch die moralische Autorität des Papstes; etwa "wenn er darauf hinweist, dass Kriege etwas sind, was die Menschheit verhindern muss, dass wir dem Frieden verpflichtet sein müssen". Im politischen Handeln werde dies nicht umgesetzt, "sondern politisch bestenfalls mit Kopfnicken zur Kenntnis genommen". Sogar US-Präsident Donald Trump und sein Vizepräsident JD Vance würden nach Rom fahren "und freuen sich, wenn sie den Papst treffen dürfen. Aber ihr Verhalten ändern sie deswegen gar nicht. Das war nicht immer so."
Auch Papst Leo sei sich wohl dieser Entwicklung bewusst, so Brix, "dass es nicht mehr so entscheidend ist, wer der Papst ist und ob alle seiner Fahne folgen, sondern entscheidend ist, was denken denn die Gläubigen". Der wichtigere Kontakt der Päpste heute scheine wohl darin zu bestehen, "mit den Gläubigen ins richtige Gespräch zu kommen und bei ihnen diese Notwendigkeit zum Frieden aktiv werden zu lassen, auch gegen Kriege zu opponieren und nicht so sehr selbst mit der weißen Fahne herumzulaufen".
Neutralität schützt militärisch nicht
Emil Brix war jahrelang Direktor der Diplomatischen Akademie in Wien, davor österreichischer Botschafter in Moskau und in London. Wie er im Interview sagte, habe sich das bisherige Verständnis der österreichischen Neutralität überholt und werde der aktuellen Sicherheitslage nicht mehr gerecht. "Wir sind mit der Neutralität sehr gut gefahren. Das hat sich dann geändert, als ich gemerkt habe, dass die Neutralität uns militärisch nicht schützt und wir uns auch nicht ersparen können, eine ordentliche Diskussion über die österreichische Identität zu führen. Denn wir haben gesagt, die Neutralität ist unser Identitätsmerkmal", so Brix.
Die Sicherheitslage habe sich aber völlig geändert: "Wir brauchen Partner, die uns nicht nur beschützen, weil sie rund um uns liegen und wir daher nicht wirklich angegriffen werden können. Inzwischen erfolgen die Angriffe nicht mit Panzern."
Auf der anderen Seite brauche Österreich auch für sich selbst etwas anderes, "was uns ausmacht, als nur zu sagen, wir sind neutral". Es gebe Situationen wie den russischen Angriffskrieg in der Ukraine, "da kannst du nicht, da darfst du nicht neutral sein. Und das hat Österreich Gott sei Dank von Anfang an auch sehr, sehr deutlich gemacht."
Quelle: kathpress