
Pädagogische Werktagung: Soziologe Joas plädiert für gelebte Werte
Werte lassen sich weder verordnen noch einfach lehren: Mit dieser These hat der deutsche Soziologe Hans Joas am Mittwochabend die 74. Internationale Pädagogische Werktagung in Salzburg eröffnet. "Wertebindung ist nicht direkt herstellbar", so der Sozialphilosoph, der sich damit gegen die Vorstellung wandte, Werte könnten durch Unterricht oder moralische Appelle einfach vermittelt werden; entscheidend seien glaubwürdige Vorbilder. Die bis Freitag dauernde Tagung steht unter dem Motto "Wert.schätzen" und widmet sich der Frage, welche Werte das gesellschaftliche Zusammenleben angesichts wachsender Polarisierung und globaler Krisen tragen können. Eröffnet wurde die Tagung von Salzburgs Erzbischof Franz Lackner.
Die Bindung an einen Wert sei nicht bloß Ergebnis einer rationalen Entscheidung oder pädagogischer Vermittlung, sondern sei dem Verliebtsein ähnlich: Werte "ergreifen" Menschen. Die Bindung an einen Wert entstehe aus einer tiefen persönlichen Erfahrung und schaffe zugleich Freiheit und Identität, so Joas.
Der Sozialphilosoph unterschied dabei zwischen Werten, Normen und Wünschen. Normen seien verpflichtend und schränkten Handlungsmöglichkeiten ein, während Werte anziehend wirkten und neue Handlungsspielräume eröffneten. Werte seien "emotional stark besetzte Vorstellungen dessen, was wünschenswert ist". Sie entstünden insbesondere in Erfahrungen der Selbsttranszendenz, etwa in Gemeinschaft, Begeisterung oder Grenzerfahrungen wie Leid und Angst.
Werte könnten nur glaubwürdig vermittelt werden, wenn sie auch gelebt und verkörpert würden. Deshalb müssten Begriffe wie Vorbilder und Zeugnisse wieder stärker in den Mittelpunkt rücken. Auch Institutionen wie Schulen, Universitäten und öffentliche Einrichtungen hätten eine Vorbildfunktion, betonte der u. a. Mitglied der Grundwertekommission der SPD ist. Wertebildung lebe folglich von Erfahrungen und könne nicht allein in einem neutralen Ethikunterricht stattfinden. Nötig seien daher Räume, in denen Wertfragen gemeinsam reflektiert und gelebt werden könnten. Zugleich müssten Werte immer wieder neu erklärt und begründet werden, damit sie auch unter veränderten gesellschaftlichen Bedingungen nachvollziehbar blieben.
Joas zeichnete auch die Geschichte des Wertbegriffs nach. Erst im 19. Jahrhundert habe sich der Begriff "Wert" als Ablösebegriff zum klassischen philosophischen Begriff des "Guten" durchgesetzt. Während das Gute traditionell als universell und zeitlos verstanden worden sei, habe der Wertbegriff ermöglicht, historische Entwicklungen und persönliche Erfahrungen stärker einzubeziehen. Anhand von Begriffen wie Selbstverwirklichung oder Menschenwürde zeigte Joas, wie neue Wertvorstellungen im Laufe der Geschichte entstehen und gesellschaftliche Bedeutung gewinnen können.
Lackner: Krisen stellen Grundüberzeugungen auf die Probe
Werte und Menschenwürde seien heute keineswegs selbstverständlich, erklärte Lackner in seinen Grußworten. Der Blick auf aktuelle Krisen zeige, dass Grundüberzeugungen immer wieder auf die Probe gestellt würden. Gerade deshalb brauche es die Bereitschaft, den Ursprüngen von Werten nachzugehen. Ausgehend von den Franziskanern Bonaventura und Johannes Duns Scotus betonte der Erzbischof die unveräußerliche Würde jedes Menschen. Werte seien nicht beliebig festlegbar, sondern verwiesen über den Menschen hinaus auf eine transzendente Dimension und verwirklichten sich in der Liebe zum Mitmenschen. Mit einem Gedanken des Franziskaners Duns Scotus brachte Lackner dies auf den Punkt: "Gott will Mitliebende."
Für eine "Kultur der Wertschätzung"
Der Präsident der Internationalen Pädagogischen Werktagung, Andreas Paschon, bezeichnete Wertschätzung als Grundhaltung pädagogischen Handelns. Bildung beginne mit Respekt und Anerkennung; Werte entstünden im gemeinsamen Leben und seien Grundlage verantwortlichen Handelns. Auch die Salzburger Bildungslandesrätin Daniela Gutschi plädierte für mehr gegenseitige Wertschätzung in Gesellschaft und Politik. Gerade in der Politik, wo oft wenig respektvoll miteinander umgegangen werde, müsse es Ziel sein, trotz unterschiedlicher Standpunkte auf der Grundlage des gemeinsamen Wertes, "die Welt ein Stück besser machen zu wollen", zusammenzuarbeiten.
Pädagogische Werktagung
Die Internationale Pädagogische Werktagung gilt mit jährlich etwa 400 bis 500 Teilnehmenden als eine der wichtigsten pädagogischen Fachtagungen im deutschsprachigen Raum. Sie richtet sich an Personen, die mit Kindern und Jugendlichen arbeiten.
Veranstaltet wird die jährliche Tagung vom Katholischen Bildungswerk Salzburg (KBW) in Kooperation mit der Caritas Österreich, der Paris Lodron Universität Salzburg und der Pädagogischen Hochschule Salzburg Stefan Zweig. Unterstützt wird die Tagung vom Land und der Stadt Salzburg. (Infos: www.bildungskirche.at/werktagung)
Quelle: kathpress