
Hiroshima: Wiener Superintendent warnt vor neuer atomarer Eskalation
Vor einer neuen atomaren Eskalation und einer zunehmenden Geringschätzung des Völkerrechts hat der Wiener evangelische Superintendent Matthias Geist gewarnt. "Die Gefahr atomarer Eskalation ist nicht Vergangenheit, sondern bedrückende Gegenwart", erklärte Geist anlässlich des Hiroshima-Gedenktages am 6. August. "Atomwaffen werden modernisiert, ihre Anwendung wird wieder öffentlich erwogen, militärische Stärke gilt vielerorts mehr als das Völkerrecht, und Millionen Menschen werden zu Opfern einer Politik, die Macht über Menschlichkeit stellt", so der Superintendent.
Zum 81. Jahrestag des Atombombenabwurfs auf Hiroshima findet am Donnerstag, 6. August, in Wien ein Gedenken an die Opfer der Atomwaffen statt. Die Veranstaltung beginnt um 19 Uhr beim Teich am Karlsplatz. Veranstalter sind die Hiroshima-Gruppe Wien und die Wiener Friedensbewegung.
Die Kirchen dürften sich angesichts der aktuellen Entwicklungen nicht auf eine historische Erinnerung an die Atombombenabwürfe von Hiroshima und Nagasaki beschränken, sondern müssten öffentlich für Frieden eintreten, betonte Geist. "Wer Christus nachfolgt, kann Krieg niemals verherrlichen und Atomwaffen niemals als Garanten der Zukunft akzeptieren." Die Botschaft der Kirche müsse eine Botschaft des Friedens sein und dürfe sich nicht nationalen Interessen unterordnen.
Kritisch äußerte sich Geist auch zur Rechtfertigung von Atomwaffen durch den russisch-orthodoxen Patriarchen Kyrill. Es sei "erschreckend, widersinnig und gegen jede christliche Botschaft", wenn Atomwaffen als Ausdruck von Glauben und Gebet dargestellt würden. "Der Gott Jesu Christi heiligt keine Massenvernichtungswaffen", erklärte der Superintendent. Und weiter: "Glaube ist Vertrauen auf das Leben Gottes - nicht religiöse Legitimation für nukleare Abschreckung oder Krieg."
Nahostkonflikt
Mit Blick auf den Nahostkonflikt zeigte sich Geist besorgt über die Folgen des israelischen Vorgehens für die palästinensische Zivilbevölkerung. Die Zerstörung ziviler Lebensgrundlagen und die Einschränkung humanitärer Hilfe verschärften Leid. Zugleich verurteilte er den Terror der Hamas und jede Gewalt gegen Zivilisten. Jeder Mensch im Heiligen Land sei "Ebenbild Gottes" und habe Anspruch auf Schutz, Nahrung, medizinische Versorgung und eine Friedensperspektive.
Auch mögliche militärische Vernichtungsschläge und die gezielte Tötung politischer Verantwortlicher als Mittel internationaler Politik kritisierte Geist. Europa dürfe sich nicht allein auf militärische Sicherheit verlassen, sondern müsse Friedensinitiativen stärken, das Völkerrecht verteidigen und Menschen auf der Flucht vor Krieg Schutz bieten.
"Hiroshima erinnert uns daran: Nicht die Fähigkeit zur Vernichtung bewahrt die Welt, sondern die Bereitschaft zur Versöhnung", erklärte der Superintendent. "Frieden ist kein Traum. Frieden ist Gottes Wille." Die Kirchen dürften daher nicht schweigen, wo Menschenverachtung, Krieg und die Drohung mit atomarer Gewalt wieder salonfähig würden, so Geist.
Vor 81 Jahren, am 6. August 1945, hatte die US-Luftwaffe eine Atombombe über der japanischen Großstadt Hiroshima abgeworfen, drei Tage später eine zweite über Nagasaki. Nach Schätzungen starben insgesamt mehr als 250.000 Menschen sofort oder teils Jahre später an Verbrennungen und Strahlenschäden.
Quelle: kathpress