
Philosoph: Frage nach Sinn des Lebens wieder öffentlich diskutieren
Für eine verstärkte öffentliche Diskussion über Fragen des Lebenssinns hat sich der Bonner Philosoph Michael Zichy ausgesprochen. Heute werde die Frage meist privatisiert und als bloß existenzielle Frage verstanden und aus öffentlichen Debatten herausgehalten. "Die Frage ist vielen Menschen unangenehm, wird ironisch abgetan. Dabei hat sie nicht nur eine hohe individuelle, sondern auch eine gesellschaftliche Relevanz und lässt sie sich darüber hinaus rational verhandeln", sagte Zichy bei einem Vortrag im Rahmen der "Salzburger Hochschulwochen" am Freitag.
Eine "Privatisierung der Sinnfrage" führe gar zu einer "Untergrabung der Voraussetzungen unserer Freiheit", erklärte der Philosoph. Denn wenn die Sinnfrage aus dem öffentlichen Raum verbannt werde, würde auch die "Sprachfähigkeit" im privaten Raum darunter leiden. "Woher sollten wir auch sonst die Argumente, Begriffe und Methoden kennen, um über die Sinnfrage im Privaten zu diskutieren, wenn wir sie nicht öffentlich hören und lernen?" Mit dem Rückzug der Sinndebatten ins Private würde damit auch ein "Kompetenzverlust" einhergehen - und die Menschen anfälliger werden für konsum- bzw. marktkonform generierte Sinnangebote, warnte der Philosoph.
Zichy: "Unter dem Vorwand der Freiheit werden wir unfreier, weil wir nicht mehr mit den marktförmigen Sinnangeboten - 'Werde schöner', 'Sei erfolgreich', 'Verwirkliche dich' - umzugehen wissen." Wenn die Marktlogik in die Sinnfrage eindringe, führe dies langfristig dazu, dass diese Marktlogik und ihre wechselnden Trends mit Sinnstiftung verwechselt werden, so die Mahnung des Philosophen.
Individueller Sinnverlust fördert Demokratieskepsis
Dass dies durchaus auch demokratiepolitisch relevant und gefährlich werden kann, zeigen empirische Studien, denen Zichy zufolge Menschen, die ihr Leben als sinnerfüllt empfinden, auch demokratischen Verfahren und Institutionen stärker vertrauten, sich stärker beteiligten und für die Demokratie einsetzen. Dagegen würde die Erfahrung des Sinnverlusts mit Unsicherheit auch im politischen korrelieren - und eine Anfälligkeit durch Autoritarismus, Populismus und Demokratieskepsis befördern.
In einem philosophiegeschichtlichen Aufriss zeigte Zichy auf, wie die philosophische sowie die individuelle Frage nach dem Lebenssinn zunächst mit der aufkommenden Religionskritik Mitte des 19. Jahrhunderts aufkam und zugleich in den privaten Raum verbannt wurde. Die Frage nach dem Sinn "des" Lebens wurde unter Ideologieverdacht gestellt, mit weltanschaulichen oder religiösen Momenten verknüpft und damit zur Frage nach dem individuellen Sinn "im" Leben herunternivelliert. Von Zichy ist zuletzt das Buch "Anderen wichtig sein. Eine Philosophie des Lebenssinns" (Suhrkamp-Verlag) erschienen.
Die "Salzburger Hochschulwochen" stehen heuer unter dem Generaltitel "Wer wir sind und sein wollen. Identität: Superkraft und Problemzone". Sie dauern noch bis zum 9. August. Den Abschlussvortrag hält am Sonntag der Paderborner Erzbischof Udo Markus Bentz. (Infos: www.salzburger-hochschulwochen.at)
Quelle: kathpress