
Sprung ins Dasein - Eine Pilgerreportage
So ruhig ist es selten in der Stiftskirche von Heiligenkreuz, jenem Zisterzienserstift, das durch seine "singenden Mönche" Weltruhm erlangt hat. Es ist neun Uhr morgens an einem warmen Julitag, die Sonne vertreibt gerade die letzten Schatten aus dem idyllischen Klosterhof mitten in den sanften Hügeln des Wienerwaldes.
Wie zwei Schulbuben stehen mein Freund Dominik und ich allein in der eindrucksvollen Stiftskirche, vor uns P. Karl Wallner, Buchautor und Professor an der Hochschule Heiligenkreuz: "Möge der Geist Gottes euch auf dem kommenden Weg begleiten und eure Freundschaft stärken." Er legt uns die Hände auf, segnet uns. Ein rasches "Amen" und schon marschieren wir los. Vier Tagesetappen liegen vor uns bis nach Mariazell, einem der wichtigsten Wallfahrtsorte Mitteleuropas.
Alle paar Jahre packt es mich. Raus aus dem Alltag und hinein in die Wander- bzw. Pilgerschuhe. Seit ich als Jugendlicher zunächst aus sportlichem Ehrgeiz, später aufgrund der tiefen Gemeinschafts- und wohl auch Glaubenserfahrung jährlich mit einer Gruppe aus meinem Heimatort am Niederrhein ins 250 Kilometer entfernte Trier zum Grab des Apostels Matthias gepilgert bin, lässt mich das Pilgern nicht mehr los. Ausbrechen, nicht, um abzubrechen, sondern um den Schmerz an den Füßen und die Freiheit im Kopf zu spüren. Und schließlich stärker zurückzukehren.
Auskehr des Alltäglichen
So auch in diesem Juli. Bereits kurz nach unserem Ausgangsort Heiligenkreuz führt der Weg nurmehr durch satte Wiesen, kleine verschlafene Ortschaften und weite Täler. Vergessen die Nähe zur Großstadt Wien, vergessen nach wenigen Schritten auch Büro, Sitzungen, Stress. Noch ist es allerdings zu früh für Spiritualität oder gar Gebet. Zunächst tauschen wir uns aus, erzählen von unseren Familien, vom Beruf, plaudern so intensiv, wie es enge Freunde tun, die sich nur noch selten sehen.
Ein erster Anstieg nach Hafnerberg, eine erste Rast. Die schweren Rucksäcke lasten noch ungewohnt auf unseren Schultern. Nach 25 Kilometern erreichen wir unser erstes Etappenziel: Kaumberg. Keine übertriebenen Etappen gleich zu Beginn, lautet das Motto. Pilgern – nach dem ersten Tag noch ein wenig das Gefühl von Ferien und Freizeit, keine Einkehr, eher Auskehr des Alltäglichen.
Reden und Schweigen
Der nächste Tag wartet nicht nur mit strahlendem Wetter, sondern auch gleich mit dem alpinistischen Höhepunkt auf: dem Kieneck. Auf über 1.100 Meter schraubt sich der Weg hinauf. Dort bietet sich uns eine grandiose Kulisse: Eine mächtige Gewitterfront rückt näher – Zeit für die erste spirituelle Dosis: Wir lesen im Buch Hiob. Immer wieder hat uns die Figur Hiobs, sein demütiges und doch bestimmtes Aufbegehren gegen Gott während unseres gemeinsamen Studiums begleitet, herausgefordert.
Die dritte Etappe von Rohr im Gebirge nach St. Aegyd wartet mit Regen und Kälte auf. Je näher wir Mariazell kommen, desto mehr wird der Ort seinem Ruf als Wetterloch gerecht. Wirkliches "Ziel" ist uns Mariazell nicht. Unser Herz hängt am Weg, an jedem Schritt. Während der Regen die Kleidung durchnässt, die Schritte langsamer und uns stiller werden lässt, wird der Kopf frei. Stille – auch das gehört zu den wichtigen, intensiven Pilgererfahrungen.
Entschleunigung
Die letzten Kilometer. Von Ferne ist bereits die mächtige Basilika inmitten des weiten grünen Tales zu sehen. Mit jedem Schritt rücken sie langsam wieder näher, die Gedanken an den Job, den Terminkalender. Muss das alles so sein? Ließ sich nicht so mancher Zwang einfach über Bord werfen? Der pilgernde Sprung ins bloße, nackte Dasein – er stärkt nicht nur für die Rückkehr in den Alltag, er schafft auch wohltuende, reinigende Distanz zum vermeintlich Unvermeidlichen.
Fast ein wenig enttäuscht betreten wir die Basilika. Es herrscht ein ständiges Kommen und Gehen, vor der Gnadenstatue wird ein Gottesdienst mit anderen Neuankömmlingen gefeiert. Nach einem kurzen Gebet entschließen wir uns, unsere Ankunft in einem der nahen Gasthäuser zu feiern. Wir lassen die Tage noch einmal Revue passieren, Müdigkeit stellt sich ein, die Vorfreude auf die Familien und auf das "normale Leben", auf die Pilgerfahrt im Alltäglichen wächst.
"Ich ließ meine Seele ruhig werden und still, wie ein kleines Kind" heißt es in einem Wallfahrtslied Davids. Ebenso ruhig und still kehren wir nach Wien zurück. Gehen, Wandern, gemeinsam unterwegs sein: Das Leben wird langsamer in dieser urbiblischen Erfahrung des Pilgerns. Aber es wird auch intensiver, dichter – manchmal schmerz-, aber immer geschmackvoller. Und am Ende dürstet man nach mehr von diesem Leben.
Henning Klingen | Kathpress
erschienen in "miteinander" 7-8/13