
Paul VI. selig gesprochen
Die Katholische Kirche hat einen neuen Seligen: Am Sonntag hat Papst Franziskus in einer feierlichen Messe auf dem Petersplatz seinen vor 36 Jahren verstorbenen Vorgänger Paul VI. (Giovanni Battista Montini) selig gesprochen. An dem Gottesdienst nahm u.a. auch der emeritierte Papst Benedikt XVI. teil. Mit der Seligsprechung des Konzils- und Reform-Papstes endete auch die zweiwöchige Weltbischofssynode zu Ehe und Familien.
Paul VI., der vierte Papst des 20. Jahrhunderts, der zur Ehre der Altäre erhoben wird, hatte 1965 die Bischofssynode als feste Einrichtung der katholischen Kirche installiert. Mit der Anwesenheit des Weltepiskopats ehrt Franziskus einen Kirchenmann, der von Zeitgenossen vielfach geschmäht und als "Pillenpapst" abgekanzelt wurde. Dabei treten seine Größe und sein prophetischer Weitblick gerade im derzeitigen Pontifikat wieder deutlicher zutage.
Als "großen Steuermann des Konzils" hat Papst Franziskus den neuen Seligen Papst Paul VI. gewürdigt. In einer schwierigen Phase habe es Paul VI. verstanden, weitblickend, weise und manchmal einsam die Kirche zu leiten, betonte Franziskus in seiner Predigt. Paul VI. sei ein großer Papst, ein mutiger Christ und ein unermüdlicher Apostel gewesen, dem die Kirche Dank schulde. Der Gottesdienst mit rund 70.000 Gläubigen auf dem Petersplatz bildete zugleich den Abschluss der Außerordentlichen Bischofssynode, die seit dem 5. Oktober über Fragen der Familienpastoral beraten hatte.
In den ersten Reihen von dem Papst Altar saßen die 190 Kardinäle und Bischöfe, die in den vergangenen 14 Tagen am ersten Teil der Familiensynode teilgenommen hatten. Besonders groß war die Pilgergruppe, die aus dem norditalienischen Brescia, der Heimat des neuen Seligen, und aus seiner früheren Bischofsstadt Mailand zur Festzeremonie in den Vatikan gekommen waren. Langer Applaus kam auf, als Franziskus die offizielle Erhebungsformel sprach und an der Fassade ein großes Porträt enthüllt wurde, das Paul VI. mit rotem Umhang und ausgebreiteten Armen zeigte. Dazu wurden auch Reliquien des neuen Seligen zum Papstaltar getragen: Ein blutbeflecktes Hemd, das er 1970 bei einem Attentatsversuch auf den Philippinen getragen hatte, als er von einem offensichtlich geistesgestörten Mann mit einem Messer verletzt wurde.
Franziskus würdigte Paul VI. insbesondere im Blick auf seine Leistungen rund um das Konzil: "Während sich eine säkularisierte und feindliche Gesellschaft abzeichnete, hat er es verstanden, weitblickend und weise und manchmal einsam das Schiff Petri zu steuern, ohne jemals die Freude am Herrn und das Vertrauen auf ihn zu verlieren." Der neue Selige habe es "wirklich verstanden, Gott zu geben, was Gott gehört, indem er sein ganzes Leben der heiligen, gewaltigen und äußerst gewichtigen Aufgabe widmete, die Sendung Christi in der Zeit fortzuführen und über die Erde auszudehnen".
Angesichts dieses Lebens und dieses Engagements schulde die Kirche dem neuen Seligen Dank, betonte Franziskus. "Danke, unser lieber und geliebter Papst Paul VI.! Danke für dein demütiges und prophetisches Zeugnis der Liebe zu Christus und seiner Kirche!", sagte er in der Predigt unter dem Applaus der Gläubigen.
Katholiken begehen fortan am 26. September jeden Jahres den Gedenktag für Paul VI. Das gab Papst Franziskus am Sonntag bei der Seligsprechung seines Vorgängers auf dem Petersplatz bekannt. Anders als bei einem Heiligen, wird der Gedenktag eines Seligen nur regional begangen. Im Falle eines Papstes ist das neben der Diözese Rom zumeist dessen Heimatdiözese und dessen langjährige Wirtkungsstätte.
Benedikt XVI. nahm an Seligsprechung teil
Der emeritierte Papst Benedikt XVI. ist ein weiteres Mal in der Öffentlichkeit aufgetreten: Am Sonntag nahm er auf dem Petersplatz an der Seligsprechung seines Vorgängers Pauls VI. (1963-1978) durch Papst Franziskus teil. Benedikt XVI. kam in Begleitung seines Privatsekretärs Erzbischof Georg Gänswein und wurde auf dem Petersplatz mit Applaus begrüßt. Während der Zeremonie und dem anschließend Gottesdienst saß er im weißen Gewand auf einem Sessel in der ersten Reihe unter den Kardinälen. Franziskus begrüßte ihn mit einem kräftigen Händedruck.
Der emeritierte Papst ist einer von drei noch lebenden kirchlichen Würdenträgern, die von Paul VI. ins Kardinalskollegium aufgenommen wurden. Paul VI. verlieh dem damaligen Münchner Erzbischof Joseph Ratzinger am 27. Juni 1977 die Kardinalswürde.
Benedikt XVI. hatte im April auch der Heiligsprechung der beiden Päpste Johannes XXIII. (1958-1963) und Johannes Paul II. (1978-2005) beigewohnt. Zuletzt war er Ende September öffentlich aufgetreten, als er an einer Begegnung des Papstes mit Senioren auf dem Petersplatz teilnahm. Bei seinem Rücktritt im Februar 2013 hatte er angekündigt, fortan zurückgezogen im Vatikan leben zu wollen.
Unterdessen berichtete die italienische Tageszeitung "La Repubblica" am Sonntag, dass während der Synode angeblich eine Gruppe konservativer Bischöfe Benedikt XVI. aufgesucht habe, um ihn für die Unterstützung ihrer Position zu gewinnen. Der emeritierte Papst habe dieses Ansinnen jedoch abgelehnt, so "La Repubblica" ohne Nennung von Quellen. Zudem habe Benedikt XVI. kurz darauf eine Nachricht an Franziskus geschickt. Darin könnte er seinen Nachfolger, wie die Zeitung mutmaßt, über den Vorgang informiert haben. Aus dem Vatikan ist lediglich zu hören, dass in den vergangenen Wochen mehrere Bischöfe Benedikt an seinem Altersruhesitz in den vatikanischen Gärten aufgesucht hätten.
Biografische Notizen
Giovanni Battista Montini Paul VI. wurde am 26. September 1897 im norditalienischen Brescia geboren. Nach kurzer Pfarrseelsorge war er über drei Jahrzehnte im Staatssekretariat tätig, ab 1937 als Substitut (Innenminister) und enger Vertrauter von Kardinalstaatssekretär Eugenio Pacelli, des späteren Papstes Pius XII. In dieser Funktion sorgte Montini während des Zweiten Weltkriegs und unter der deutschen Besatzung maßgeblich dafür, dass in kirchlichen Gebäuden Roms und des Vatikan jüdische Flüchtlinge versteckt wurden.
1954 ernannte Pius XII. Montini zum Erzbischof von Mailand. In der größten Diözese Europas konnte er pastorale Erfahrung sammeln. Beim Konklave nach dem Tod von Johannes XXIII. war Montini Favorit und wurde am 21. Juni 1963 im fünften Wahlgang gewählt.
Als Papst setzte Paul VI. das Konzil fort. Als erstes Kirchenoberhaupt der Moderne unternahm er im Jänner 1964 eine Auslandsreise. Sie führte ins Heilige Land. Sein Treffen mit Patriarch Athenagoras in Jerusalem legte den Grundstein für eine neue Ökumene.
Als "Jahrhundert-Rede" galt ein Jahr später seine Ansprache vor der UNO in New York mit dem leidenschaftlichen Appell: "Nie wieder Krieg!"
Nach dem Konzil passte Montini die vatikanische Kurie den neuen Aufgaben an. Er errichtete Behörden für eine sich der Welt öffnende Kirche: für die Ökumene, für Gerechtigkeit und Frieden, für interreligiösen Dialog und für die Medien. Außerdem begann er eine Neufassung des Kirchenrechts, die 1983 abgeschlossen wurde.
Im Schatten seines Vorgängers und Nachfolgers
Paul VI. steht zweifach im Schatten: zum einen seines populären Vorgängers Johannes XXIII. (1958-1963), und zum anderen seines charismatischen Nachfolgers Johannes Paul II. (1978-2005). Freilich leitete er die Kirche in einer besonders schwierigen Zeit. Sein Bemühen, die Umbrüche des Konzils behutsam umzusetzen, ging Reformern nicht weit genug; er galt ihnen als zu zögerlich.
Die von Pauls Außenminister Agostino Casaroli gestaltete "vatikanische Ostpolitik", die mit kleinen Schritten einen Modus vivendi für die Kirchen im Sozialismus suchte, irritierte konservative Politiker. Sein polnischer Nachfolger zog die Pläne zur Gründung einer DDR-Bischofskonferenz sofort zurück. Er schaltete auf eine härtere Linie gegenüber den Kommunisten.
Breite Beachtung fand Paul VI. durch seine Friedens- und Sozialenzykliken. Durch sie zählt er zu den großen Päpsten des 20. Jahrhunderts.
Prägend blieb etwa das Zitat seines Dritte-Welt-Schreibens "Populorum progressio", wonach "der neue Name für Friede Entwicklung heißt". Nicht weniger bedeutsam ist des Dokument "Evangelii nuntiandi" von 1975. Darin analysierte Paul VI. die Schwierigkeiten der Kirche mit der Glaubensverkündigung in der modernen Welt und fordert neue Ansätze zur Überwindung des Grabens zwischen Kirche und zeitgenössischer Kultur.
Konflikt um "Humanae vitae"
Auf Kritik und Häme stieß Paul VI. mit seinem Schreiben "Humanae vitae" (1968), in dem er die Trennung von Sexualität und Fortpflanzung als schwerwiegendes Problem bezeichnete und künstliche Mittel zur Empfängnisverhütung für Katholiken verbot. Die derzeitige Familiensynode im Vatikan versucht die umfassende Sicht dieses Schreibens für die personale Würde des Menschen herauszustreichen.
Während seines Sommerurlaubs in Castel Gandolfo im Juli 1978 erlitt Paul VI. einen Herzinfarkt. An dessen Folgen starb er am 6. August 1978. Paul VI. wurde in den vatikanischen Grotten bestattet.
Johannes Paul II. eröffnete am 11. Mai 1993 das Seligsprechungsverfahren. Postulator wurde der italienische Redemptorist P. Antonio Marrazzo. Im Dezember 2012 stellte Papst Benedikt XVI. den heroischen Tugendgrad fest und erhob Paul VI. zum Diener Gottes.
Mitte Februar dieses Jahres erkannte die Heiligsprechungskommission die Heilung eines ungeborenen Kindes im Jahre 2001 im US-Bundesstaat Florida als Wunder an. Am 10. Mai gab der Vatikan bekannt, dass Paul VI. am 19. Oktober seliggesprochen wird; am 26. September wurde offiziell bekanntgegeben, dass die Seligsprechungsfeier auf dem Petersplatz sein wird und vom Papst höchstpersönlich geleitet wird.