
Heutigem Antisemitismus entgegentreten
Christen müssen dem heute wieder wachsenden Antisemitismus entgegentreten und Solidarität mit den jüdischen Gemeinden zeigen. Das forderte der Vorsitzende des Ökumenischen Rates der Kirchen in Österreich (ÖRKÖ), Lothar Pöll, am Sonntag bei einem ökumenischen Gottesdienst in der Wiener Ruprechtskirche, mit dem die katholische und die evangelische Kirche der jüdischen Opfer der Reichspogromnacht am 9. November 1938 gedachten. Laut Pöll ist es ein Faktum, dass der Judenhass in den letzten Jahren wieder stark zunimmt. So habe es im Vorjahr in Österreich 137 Vorfälle mit klar antisemitischem Hintergrund gegeben. Wer davor die Augen verschließe, mache sich mitschuldig, sagte der evangelisch-methodistische Superintendent in seiner Predigt.
Pöll erinnerte, dass der nationalsozialistische Judenhass, der schlussendlich in der Schoa gipfelte, auch ein Ergebnis der antijüdischen Theologie der Kirchen war. Man müsse als Kirche "das eigene Versagen eingestehen" und aus den Fehlern der Vergangenheit lernen. Die Kirchen hätten die Pflicht, sich heute auf die Seite ihrer jüdischen Mitbürger zu stellen, wenn diese Anfeindungen ausgesetzt sind. Bei den Novemberpogromen 1938 hätten viel zu viele dem NS-Terror tatenlos zugesehen, wies der ÖRKÖ-Vorsitzende hin.
Der Gedenkgottesdienst bildete den Abschluss der alljährlichen Bedenkwoche "Mechaye Hametim - Der die Toten auferweckt". In Erinnerung an die Ereignisse vor 76 Jahren fanden bis 9. November zahlreiche religiöse, wissenschaftliche und kulturelle Veranstaltungen in Wien und Niederösterreich statt. Im Anschluss an den Gottesdienst in der Ruprechtskirche gingen die Teilnehmer schweigend zum Mahnmal für die Opfer der Schoa auf dem Wiener Judenplatz.
In der Nacht vom 9. auf 10. November 1938, die noch immer unter dem euphemistischen Nazi-Ausdruck "Reichskristallnacht" bekannt ist, wurden im gesamten deutschen Machtbereich Synagogen in Brand gesteckt, jüdische Geschäfte sowie Wohnungen zerstört und verwüstet. Zahlreiche Juden wurden bei den Pogromen getötet oder verletzt. Allein in Wien wurden im Zuge der Pogrome insgesamt 42 Synagogen und Bethäuser zerstört. 6.547 Wiener Juden kamen in Haft, knapp 4.000 davon wurden in das Konzentrationslager Dachau verschleppt.