
Stabilität in Europa nicht selbstverständlich
Der Grazer Diözesanbischof Egon Kapellari hat mehr Einsatz für sozialen Frieden und Gerechtigkeit in Europa eingemahnt. "Wir haben keine Vollkaskoversicherung für Harmonie und sozialen Frieden", so Kapellari in einem nachweihnachtlichen Interview in der Tageszeitung "Salzburger Nachrichten". Es wäre eine "gefährliche Illusion", dies als selbstverständlich hinzunehmen, denn "zu keiner anderen Zeit gab es in Europa mehr als 50 Jahre im Ganzen eine solche Stabilität, wie wir sie erleben dürfen".
Wie "gefährlich bedroht" die gesellschaftliche Stabilität sei, zeige sich derzeit sogar in einigen "besonders maßgebenden EU-Ländern". Den Gefahren wie etwa der hohen Jugendarbeitslosigkeit müsse auf EU-Ebene, aber auch in den Mitgliedsländern mit entsprechender Sachkompetenz von Wirtschaft und Politik begegnet werden. Der "kleine Frieden, der im eigenen Haus und schließlich im eigenen Herzen anfängt und sich von dort aus ausbreitet", liege im Verantwortungsbereich eines jeden Einzelnen. Dafür "können wir alle etwas und manchmal auch viel tun", so der Bischof.
Angesprochen auf den deutschen Verein "Patriotischer Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes" (Pegida) teilte Kapellari einer pauschalen Allgemeinverurteilung eine Absage: "Es gibt unter diesen Menschen viele Facetten von begründet empört bis kriminell motiviert". Man müsse danach trachten, "einer blinden Dynamik entgegenzuwirken. An begründeter Kritik muss man sich abarbeiten, statt sie zu verdrängen." Das Gewaltpotential im Islam sei heute bekanntlich ein Thema innerhalb des Islams selbst und auch in der nichtislamischen Welt. Jede Religion sei in Gefahr, "eine spezifische Pathologie zu entwickeln, auch das Christentum". Dagegen brauche es verstärkte Allianzen von Kultur, Religionen, Politik und Medien.
Mitleid mit armen Menschen kirchlicher "Dauerauftrag"
Für die Kirche sei das Mitleid mit armen Menschen ein Dauerauftrag, betonte der Bischof. Es gebe zwar niemanden, der genug tut, "aber die Kirchen - da nehme ich bewusst die Mehrzahl - tun mehr als manche andere". Als Beispiel könne Kapellaris Diözese Graz-Seckau dienen: 477 Flüchtlinge fanden dort in kirchlichen Häusern Aufnahme, bis März sollten es mindestens 600 sein, so der Bischof. Die Flüchtlingsfrage sei aber ein "Gesamtproblem der ganzen Gesellschaft", das sich noch verschärfen werde und ohne idealistisch-realistische Bündnisse von Politik, Kirchen und anderen Kräften nicht bewältigbar sei.
Angesprochen auf die kirchliche Opposition zum Fortpflanzungsmedizingesetz verwies der Bischof auf die Grenzen des Freiheitsbedürfnisses der Menschen. "Ich denke dabei an einige Details im Entwurf. Da wird das Freiheitsbedürfnis einzelner Menschen auf Kosten des Gemeinwohls überdehnt." Grenzen könnten Freiheit zwar auf problematische Weise einengen, aber auch schützen und Dammbrüche verhindern.
Von der Bischofssynode im kommenden Herbst zum Thema Familie erwartet sich Kapellari eine "Entkrampfung und eine weitere Differenzierung". So müsse zum Beispiel die Spannung zwischen der Unauflöslichkeit sakramentaler Ehen und der Lebenssituation vieler Menschen benannt werden. "Man kann sie nicht harmonisch auflösen. Man muss aber mit diesen Biografien und Problemen pastoral noch viel einfühlsamer umgehen."