"Religionsunterricht beugt Fundamentalismus vor"
Auf den hohen gesellschaftlichen Wert des Religionsunterrichts im Blick auf die Vorbeugung von Extremismus und Gewalt hat der Grazer Religionspädagoge Wolfgang Weirer hingewiesen. "Ein gut gemachter Religionsunterricht ist die beste Fundamentalismus-Prophylaxe", unterstrich Weirer in einem Interview in der Zeitschrift "miteinander" des Canisiuswerkes (Jänner-Ausgabe). Auf diese Leistung müsse gerade in einer Zeit hingewiesen werden, wo der Religionsunterricht verstärkten Angriffen ausgesetzt sei: "Eine Privatisierung von Religion hinter verschlossene Kirchen- oder Moscheetüren kann nicht das Ziel sein. Religion braucht den öffentlichen Diskurs, sie muss daher auch an Schulen einen Platz haben."
Zugleich zeigte sich Weirer optimistisch, dass man in der Politik um eben diesen Mehrwert des Religionsunterrichts weiß und der Religionsunterricht von Seiten der verantwortlichen Politiker nicht in Frage gestellt wird. Die Kirchen und Religionsgesellschaften seien aber dennoch gut beraten, sich um eine tragfähige Begründung des Religionsunterrichts zu bemühen und sich nicht etwa auf ein "Selbstverständnis als katholisches Land zu verlassen oder gar auf das Konkordat mit dem Vatikan zu pochen". Der Religionspädagoge ist überzeugt: "Wir müssen plausibel machen können, was unser Beitrag für Schüler und Gesellschaft ist."
Vorwürfe gegen Religionsunterricht nicht haltbar
Religionsunterricht sei heute auch in seiner konfessionell gebundenen Form ein modernes Fach. Die Angriffe etwa von Seiten der Initiative Religion ist Privatsache zielten hingegen auf einen Unterrichtstyp, den es heute in Österreich nicht mehr gibt: "Die Vorwürfe gehen schließlich dahin, dass der Religionsunterricht nur der Indoktrinierung und der Rekrutierung von kirchlichem Nachwuchs dient. Von diesem Bild eines katechetischen Unterrichts sind wir sehr weit entfernt."
Weiters verteidigte Weirer die bestehende konfessionelle Ausprägung des Religionsunterrichtes: Ein konfessionsübergreifendes Modell würde "dem Phänomen der Religion und der Art, wie tief Religion das menschliche Leben beeinflusst, nicht gerecht." Es sei daher gut, wenn der Religionsunterricht die jeweiligen konfessionellen Traditionen ausleuchte und von dort ausgehend einen Blick auf die religiöse Vielfalt werfe.
Als bedauerlich bezeichnete Weirer die Tatsache, dass es um den Ethikunterricht in jüngster Zeit etwas ruhiger geworden ist. Dabei halte er dessen Einführung als verpflichtendes Alternativfach für jene, die sich vom Religionsunterricht abmelden oder keiner Religion angehören, als ein "Gebot der Stunde".
"PädagogInnenbildung NEU": Auch Religionspädagogik betroffen
Für die Lehrerausbildung in Österreich wird das Jahr 2015 unter dem Stichwort "PädagogInnenbildung NEU" zahlreiche Neuerungen mit sich bringen - Neuerungen, die auch die Religionspädagogik in hohem Maße betrifft, wie Weirer, der u.a. die Fachzeitschrift "Österreichisches Religionspädagogisches Forum" (ÖRF) als Schriftleiter betreut, berichtet. So werden derzeit Lehrpläne zwischen den Universitäten, kirchlichen Hochschulen und Pädagogischen Hochschulen harmonisiert, um die Lehrerausbildung künftig gleich zu gestalten. Auf den Religionsunterricht angewendet bedeute dies: "Egal, wo man ein Lehramtsstudium beginnt - es wird nach einem gemeinsamen Lehrplan absolviert, der ein vierjähriges Bachelor-Studium vorsieht, dann eine Zeit der Berufspraxis und schließlich ein berufsbegleitendes, ein bis zweijähriges Masterstudium."
Diese Umstellung bedeute für die kirchlichen Hochschulen ein hohes Maß an Abstimmungsarbeit, so Weirer. Die Erwartungen seien entsprechend hoch, der selbst erwarte von diesem Schritt eine "engere Verzahnung von Fachwissenschaft, Fachdidaktik und schulischer Praxis" und eine "Aufwertung aller beteiligten Bildungseinrichtungen auf Augenhöhe".
Insgesamt stellt Weirer der österreichischen Religionspädagogik ein gutes Zeugnis aus: Im internationalen Vergleich müsse man sich "nicht verstecken", auch wenn es durchaus "optimierbare" Bereiche gebe. Darüber hinaus bleibe der Religionslehrerberuf auch in Zukunft attraktiv, da aufgrund der Altersstruktur der Religionslehrerbedarf in den kommenden fünf bis zehn Jahren deutlich steigen werde, so Weirer.
Die Zeitschrift "miteinander" des Canisiuswerkes widmet sich in ihrer Jänner/Februar-Ausgabe dem Schwerpunktthema Religionsunterricht. Unter dem Titel "Glaube macht Schule" kommen neben Prof. Weirer u.a. auch der Religionsjournalist Otto Friedrich ("Die Furche") und der Bonner Erziehungswissenschaftler Volker Ladenthin zu Wort.
Quelle: Kathpress