
Für Kircheneinheit kann man nie genug tun
Seit dem Ökumenismus-Dekret des Zweiten Vatikanischen Konzils vor 50 Jahren hat sich in den Bemühungen um die Einheit der Kirche laut dem Wiener Ostkirchenexperten Prof. Rudolf Prokschi "viel in positiver Richtung verändert". Nach einer Phase der Vertrauensbildung durch "gewaltige Zeichen" wie der Jerusalemer Begegnung zwischen Papst Paul VI. und Patriarch Athenagoras I. leuchte heute die "Morgenröte der Einheit" zwischen Ost- und Westkirche bereits auf, erklärte Prokschi im Interview mit der Wiener Kirchenzeitung "Der Sonntag" anlässlich der Gebetswoche für die Einheit der Christen.
Weiterhin müsse heute auch die katholische Kirche massiv für die Ökumene eintreten, betonte Prokschi: "Man kann nie sagen: Wir haben schon genug gemacht". Gestärkt werden müsse "das Bewusstsein, dass es uns wirklich schmerzt, dass wir getrennt sind", hänge doch die Glaubwürdigkeit der Sendung Jesu auch vom Zeugnis der Einheit der Kirchen gegenüber der Welt ab. Alle Gläubigen müssten noch stärker als bisher spüren, "dass uns Wesentliches fehlt, wenn wir geteilt, getrennt und zerstritten sind".
Rückblickend beschrieb der Kirchenhistoriker und Vizepräsident der Stiftung "Pro Oriente" die Kirchenspaltungen als "trauriges Kapitel der Kirchengeschichte", angefangen bei den Schismen beim dritten und vierten Ökumenischen Konzil in Ephesus im Jahr 431 und Chalkedon 451. Zu den bis heute bestehenden sogenannten "altorientalischen" oder "orientalisch-orthodoxen" Kirchen aus dieser Zeit habe die katholische Kirche nach jahrhundertelangen eigenen Wegen heute wieder ein ökumenisches Naheverhältnis bekommen.
Zwei weitere große Kirchenspaltungen folgten jedoch. Zunächst jene zwischen der konstantinopolitanischen Ostkirche und der römischen Westkirche, die im zweiten Jahrtausend zu einem Abbrechen der Beziehungen und zum Absprechen des Kirche-Seins des jeweils anderen führte. Die andere geschah schließlich im Abendland infolge der Reformation. Erst das Zweite Vatikanische Konzil (1962-65) habe hier eine Annäherung wieder möglich gemacht.
Dialog der Wahrheit
In der jüngsten Geschichte der Ökumene zwischen katholischer und orthodoxer Kirche sei laut Prokschi nach einem "Dialog der Liebe" mit dem symbolischen Austausch von Zeichen und Geschenken wie etwa der Aufhebung der "Bann-Bullen" von 1054 der theologische "Dialog der Wahrheit" gefolgt, als Vollversammlungen ab 1980 das Gemeinsame herausstellten.
Die zweite Phase beschäftigte sich mit den nach dem Fall des Eisernen Vorhangs wiedererrichteten, mit Rom unierten katholischen Ostkirchen in Rumänien und in der Ukraine.
Eine weitere Etappe ab 2006 nahm das im christlichen Osten unbekannte Thema "Primat" des Papstes und die im Westen wenig ausgeprägte "Synodalität" unter die Lupe.
Jedes Beten um die Einheit der Christen müsse deshalb vor allem eine Bitte darum sein, dass der Heilige Geist die Herzen der Kirchenführer und aller Gläubigen bewege, betonte Prokschi: Den Heiligen Geist müsse man in den Gebeten nicht von der Einheit überzeugen, da er "ohnehin für die Einheit" sei. Als "gutes und richtiges Modell" beschrieb der Wiener Theologe dabei als Zielvorgabe die "Einheit in der Vielfalt", als "Dienst an der Menschheit, für die Welt und nicht in Gegnerschaft zu anderen Religionen".