
Kirchen feiern am 17. Jänner "Tag des Judentums"
Die Kirchen in Österreich feiern am 17. Jänner den "Tag des Judentums". Das Christentum ist in seinem Selbstverständnis wesentlich mit dem Judentum verbunden; damit dies den Christen immer deutlicher bewusst wird, hat der Ökumenische Rat der Kirchen in Österreich (ÖRKÖ) im Jahr 2000 den "17. Jänner - Tag des Judentums" als Gedenktag im Kirchenjahr eingeführt. Dabei sollen sich die Christen in besonderer Weise ihrer Weggemeinschaft mit dem Judentum bewusst werden und zugleich des von ihnen an jüdischen Menschen und ihrem Glauben begangenen Unrechts in der Geschichte gedenken.
Heuer steht der "Tag des Judentums" zusätzlich unter einem besonderen Vorzeichen: Vor 50 Jahren wurde auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-65) das Dokument "Nostra Aetate" verabschiedet. Die Katholische Kirche definierte damit 1965 ihre Beziehungen zu den anderen Religionen neu. Sie anerkannte Wahres und Heiliges in den anderen Religionen und bestätigte die bleibende Erwählung des Judentums, in dem das Christentum wurzelt. Dies markierte eine Abkehr von einem antijüdisch definierten Absolutheitsanspruch.
| Kirche und Judentum - Stichwort "Nostra Aetate" |
| Die Erklärung "Nostra Aetate" ("In unserer Zeit") klärt das Verhältnis der römisch-katholischen Kirche zu den nichtchristlichen Religionen. "Nostra Aetate" ist das erste offizielle Dokument der römisch-katholischen Kirche, in der die anderen Religionen positiv anerkannt werden. Das Kapitel über das Judentum ist dabei das umfangreichste. Das Dokument wurde von den Konzilsvätern am 28. Oktober 1965 mit 96-prozentiger Zustimmung angenommen und von Papst Paul VI. rechtskräftig verkündete. Das Dokument betont das Verbindende mit den anderen Religionen, ohne den eigenen Wahrheitsanspruch zu schmälern. Die Katholische Kirche, so heißt es, lehne nichts von dem ab, was in den Religionen "wahr und heilig" sei. Christen, Juden und Muslime werden ermuntert, gegenseitige Missverständnisse im Dialog auszuräumen. Mit einer klaren Absage an den traditionellen Antijudaismus beginnt eine umfassende Aussöhnung der Kirche mit dem Judentum. Schon im September 1960 zwei Jahre vor Beginn des Zweiten Vatikanischen Konzils - beauftragte Papst Johannes XXIII. Kardinal Bea, den Präsidenten des Sekretariats für christliche Einheit, eine Erklärung über die inneren Beziehungen zwischen der Kirche und dem Volk Israel vorzubereiten. Diese war zum einen eine durchaus persönliche Initiative des Papstes, zum anderen mehrten sich Anfang der 1960er-Jahre bereits die Stimmen, die auf eine neue, positive Bewertung des Verhältnisses zwischen Christentum und Judentum drängten. Zu diesen Stimmen gehörte u.a. auch Prälat Johannes Österreicher, ein getaufter Jude aus Österreich, sowie Kardinal Franz König. Zwei zentrale Anliegen wurden deutlich: zum einen die Verurteilung des Antisemitismus, verbunden mit einem Schuldeingeständnis der Kirche als Mitverursacherin und zum anderen eine positive Lehräußerung, dass die Kirche die Wurzeln ihres Glaubens in Israel nie vergessen dürfe. Die für das Konzil geplante Erklärung war zunächst nur auf das Judentum gerichtet und sollte als eigenes Kapitel im Ökumenismusdekret des Konzils Platz finden. Durch die Indiskretion einer Journalistin, die ein vertrauliches Gespräch mit Kardinal Bea als Interview veröffentlichte, erfuhren die arabischen Staaten von der geplanten katholischen Judenerklärung und reagierten mit heftigen Interventionen. Man fürchtete, dass eine betonte Freundlichkeit der Christen gegenüber den Juden zu einer internationalen Aufwertung des Staates Israel führen könnte, von dem die arabische Welt Anfang der 1960er-Jahre ja noch hoffte, er werde sich nicht halten können. Unter den Konzilsvätern selbst kam eine unerwartete Opposition von Bischöfen der Christen in arabischen Länder. Diese fürchteten, dass eine den Juden entgegenkommende Erklärung des Konzils den Christen in Israel feindlich gesinnten Staaten schwer schaden würde. Von Anfang an, bis knapp vor der letzten Abstimmung, gab es freilich auch eine kleine, aber sehr kämpferische Gruppe unter den Konzilsvätern, die grundsätzlich, also auch theologisch, gegen ein erneuertes Verhältnis der katholischen Kirche zum Judentum bzw. allgemein zu den Weltreligionen war. Verschiedene Konzilsvorlagen wurden jedenfalls von 1962 an heftig und mitunter sehr kontrovers diskutiert. Den eigentlichen Durchbruch für das Weiterverhandeln der Konzilsvorlage brachte die historische Pilgerfahrt Papst Pauls VI ins Heilige Land vom 4. bis 6. Jänner 1964. Jerusalem war damals noch geteilt. Zunächst wurde der Papst von König Hussein von Jordanien begrüßt, dann, nach Betreten des israelischen Bodens, vom Präsidenten des Staates Israel Zalman Shazar. Im Laufe der so bewegten Geschichte des Textes, vor allem aber angeregt durch die vielen negativen Interventionen, entwickelte sich auf dem Konzil eine Erklärung über die Haltung der katholischen Kirche zu den Weltreligionen mit 5 Artikeln. In dieser war nun die Judenerklärung als Artikel 4 eingeschlossen. Über das Verhältnis der Kirche zum Judentum heißt es in "Nostra Aetate": "Bei ihrer Besinnung auf das Geheimnis der Kirche gedenkt die Heilige Synode des Bandes, wodurch das Volk des Neuen Bundes mit dem Stamme Abrahams geistlich verbunden ist. So anerkennt die Kirche Christi, dass nach dem Heilsgeheimnis Gottes die Anfänge ihres Glaubens und ihrer Erwählung sich schon bei den Patriarchen, bei Moses und den Propheten finden... Das Konzil betont das Christen und Juden gemeinsame reiche geistliche Erbe." Mit "Nostra Aetate" wurde klar festgeschrieben, dass die jüdische Religion für Christen nicht etwas Äußerliches ist, sondern in gewisser Weise zum Inneren ihrer eigenen Religion gehört. Zum Judentum haben die Christen eine so enge Beziehung wie zu keiner anderen Religion. Weiters stellten die Konzilsväter unmissverständlich fest, dass den Juden als Volk keine kollektive Schuld wegen der "Ereignisse des Leidens" Jesu angelastet werden könne. Aus der Heiligen Schrift sei auch nicht zu folgern, dass die Juden von Gott "verworfen" seien. Das Konzil betont sogar mehrfach mit Berufung auf die Heilige Schrift, dass die Juden "weiterhin von Gott geliebt werden", der sie mit einer "unwiderruflichen Berufung" erwählt hat. Deutlich wendet sich das Konzil gegen jede Form von Antijudaismus und Antisemitismus: "Im Bewusstsein des Erbes, das sie mit den Juden gemeinsam hat, beklagt die Kirche, die alle Verfolgungen gegen irgendwelche Menschen verwirft, nicht aus politischen Gründen, sondern auf Antrieb der religiösen Liebe des Evangeliums alle Hassausbrüche, Verfolgungen und Manifestationen des Antisemitismus, die sich zu irgendeiner Zeit und von irgend jemandem gegen die Juden gerichtet haben." |
Die Initiative zum "Tag des Judentums" geht auf die Zweite Europäische Ökumenische Versammlung 1997 in Graz zurück. Auch in Italien, Polen und den Niederlanden wird der Tag des Judentums begangen.
Das Datum für den Tag des Judentums ist bewusst gewählt: Den Geist dieses Tages sollen die Kirchen in die anschließende weltweite "Gebetswoche für die Einheit der Christen" (18. bis 25. Jänner) weiter tragen. Denn bei allen Trennungen der Christenheit untereinander sei allen Kirchen gemeinsam, dass sie im Judentum verwurzelt sind, so die Veranstalter.
Gottesdienste, Vorträge, Begegnungen
Der Tag des Judentums wird in ganz Österreich mit verschiedenen Veranstaltungen und Gottesdiensten begangen. Der zentrale Gottesdienst des ÖRKÖ zum "Tag des Judentums" findet am Samstag, 17. Jänner, um 18 Uhr in der Wiener altkatholischen Heilandskirche (Rauchfangkehrergasse 12, 1150 Wien) statt. Das biblische Motto des Gottesdienstes ist dem Buch der Psalmen entnommen: "Lobet den Herrn, alle Völker! Preist ihn, alle Nationen!" (Ps 117,1). Die Predigt hält der Vizepräsident des Koordinierungsausschusses für christlich-jüdische Zusammenarbeit und frühere methodistische Superintendent Helmut Nausner.
Das Christlich-jüdisches Komitee Steiermark lädt am 17 Jänner (19 Uhr) zu einem Gottesdienst in die Grazer Heilandskirche (Kaiser Joseph Platz 9). Der Gottesdienst steht unter dem Motto: "Ist die Wurzel heilig, sind es auch die Zweige".
Anlässlich des Jubiläums von "Nostra Aetate" veranstalten alle wissenschaftlichen katholisch-theologischen Einrichtungen in Österreich - darunter die vier Fakultäten in Wien, Salzburg, Innsbruck und Graz - sowie viele weitere Einrichtungen rund um den 17. Jänner Seminare, Studientage oder Vorträge zur bleibenden Relevanz des Konzilsdokuments.
An der Universität Wien ziehen beispielsweise internationale Referentinnen und Referenten am 15. Jänner (14-18 Uhr, HS 47) Bilanz über den christlich-jüdischen Dialog. Beim Studiennachmittag (15-19 Uhr) zum Thema "Über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen" am 15. Jänner an der Universität Salzburg geht es zentral um eine kritische Auseinandersetzung mit dem Dialog von Christentum und Judentum. Die Katholisch-Theologische Fakultät der Karl Franzens-Universität Graz macht sich bei ihrer Veranstaltung am 14. Jänner (9-21 Uhr) mit dem Titel "Religionen und die Begegnung mit dem Anderen" auf "den Weg zu einer neuen Kultur des Miteinanders". Die Katholisch-Theologische Fakultät der Universität Innsbruck beleuchtet am 16. Jänner (14-17 Uhr) u.a. die wechselhafte und spannungsreiche Geschichte des Konzildokuments.
Die Philosophisch-Theologische Hochschule St. Pölten weist am 15. Jänner auf unterschiedliche theologische Dimensionen von "Nostra Aetate" ein. Die Katholisch-Theologische Fakultät der Universität Innsbruck beleuchtet am 16. Jänner (14-17 Uhr) u.a. die wechselhafte und spannungsreiche Geschichte des Konzildokuments. Die Hochschule Heilgenkreuz beschäftigte sich schon am 12. Jänner mit Abraham Josuah Heschel und jüdischen Impulsen für das Konzilsdokument. Die Philosophisch-Theologische Hochschule St. Pölten beleuchtet am 15. Jänner (13.30-18 Uhr) die Wirkungsgeschichte von "Nostra Aetate". Die Katholisch Theologische Privatuniversität Linz hat am 19. Jänner (19.30 Uhr) die Darstellung des Judentums in den Gesangbüchern der Kirchen im Fokus.
Das Ordens- und Begegnungszentrum "Quo Vadis" am Wiener Stephansplatz lädt am 19 Jänner um 19 Uhr zur Veranstaltung "Entwurzelt Warum die jüdische Religion für Christen unverzichtbar ist": Otto Friedrich (Die Furche) im Gespräch mit Maximilian Gottschlich. Der Abend ist Teil des Rahmenprogramms zur Ausstellung "Kunst der Balance" mit Bildern von Maximilian Gottschlich (16. Jänner bis 1. April 2015). Im St. Pöltner Bildungshaus St. Hippolyt referieren am 19 Jänner (19 Uhr) namhafte Experten zum Thema "Was Christinnen und Christen vom Judentum wissen sollten".
Weitere Informationen zu diesen und vielen weiteren Veranstaltungen sind im Internet auf der Website des Koordinierungsausschusses für christlich-jüdische Zusammenarbeit unter www.christenundjuden.org abrufbar.