
Kardinal Schönborn: 70. Geburtstag
Wie der Wiener Erzbischof in einem Interview für das ORF-Religionsmagazin "Orientierung" anlässlich seines 70. Geburtstages am 22. Jänner betonte, sei Franziskus vom Heiligen Geist an die Spitze der Weltkirche gestellt worden. Seine Wähler hätten nicht geahnt, wie sich sein Pontifikat entwickeln wird. Ihm selbst sei es ein "brennendes Anliegen", dass das Reformprogramm des Papstes auch in der Kirche angenommen und umgesetzt wird. Franziskus Aufruf "Geht hinaus!" und sein Wort, ihm sei eine verbeulte Kirche, die an die Peripherie hinausgeht lieber als eine, "die sitzenbleibt", inspiriert laut Schönborn auch den gegenwärtigen Reformprozess in der Erzdiözese Wien.
Für ihn selbst sei der Papst immer wieder eine "große Herausforderung". Dessen vorweihnachtliche Ansprache vor der Kurie, in der Franziskus 15 "Krankheiten" benannte, umschrieb Kardinal Schönborn mit dem Satz: "Das ist schon steil." Diesen "Beichtspiegel", den sich alle großen Institutionen zu Herzen nehmen sollten, werde man sich auch in der Wiener Kirche genau anschauen.
"Nicht verschreckt in der Sakristei verschanzen"
Das Großprojekt der Diözesanreform errege vor allem durch damit verbundene Strukturveränderungen Aufsehen. Fragen wie "Wie viel Pfarren wird es in Zukunft geben? Werden Kirchen verkauft bzw. abgegeben?" bewegten die Gemüter. Für Schönborn muss sich die Kirche Tatsachen stellen wie jener, dass in Österreich und gerade in Wien katholische Schüler oftmals eine Minderheit in den Klassen bilden. Aber das müsse kein Anlass für Resignation sein, betonte der Erzbischof. Immerhin 80 Prozent der Österreicher wollten, dass ihre Heimat ein christliches Land bleibt. "Da müssen wir was dazu tun!", so Schönborn. Es gelte "christliche Grundhaltungen" zu pflegen, Quellen des Christseins abseits von "Etikette" zu erschließen - und als Gläubige in der Gesellschaft präsent zu sein, statt "Verschreckte, die sich in der Sakristei verschanzen", zu werden.
| Geburtstagsinterview in "Der Sonntag" |
|
Mit 70 Jahren ist der Durchschnittsösterreicher längst in Pension. Träumen Sie auch schon manchmal vom Ruhestand?
Kurz und bündig: ja.
Ich wüsste vieles. Ich würde liebend gerne wieder unterrichten. Aber dafür ist man als Universitätsprofessor mit 70 erst recht im Out. Das fehlt mir sehr: die Zeit zum ruhigen Studieren, zum Schreiben ohne Druck. Aber das ist halt so.
Ich glaube, Wien bleibt mein Schicksal. Früher habe ich als gelernter Vorarlberger eine sehr kritische Einstellung gegenüber Wien gehabt. Ich gestehe, dass ich nach fast 24 Jahren als Bischof Wien lieben gelernt habe.
Ich glaube, schon die Hilfe von oben, dass Gott mir Kraft gegeben hat. Aber auch die Tatsache, dass wir da einfach durch mussten. Als ich am Freitag vor dem Palmsonntag 1995 spätabends vom Nuntius angerufen wurde – der Papst lässt mich fragen, ob ich bereit bin Koadjutor zu werden, also Nachfolger –, habe ich keine Sekunde nachgedacht und sofort gesagt: Das ist klar. In einer solchen Situation muss man dazustehen, auch der Menschen willen, der Gläubigen willen. Da ist es egal, ob das dir passt oder nicht.
Was Kardinal König in seinem Testament gesagt hat, war aber dann eines der schönsten und trostvollen Worte: dass er sich freut, dass die Erzdiözese Wien wieder auf einem guten Kurs ist. Ich habe auch dazu beitragen dürfen, aber das waren viele, die zusammengestanden sind, die zusammengehalten haben.
Es gibt ganz liebe Freunde. Freundschaften, die tragen. Das ist eine große Hilfe. Ein großes Geschenk für mich ist auch die Musik.
Das hat mein Leben entscheidend geprägt. Wir sind wirklich mit Nichts nach Österreich gekommen – meine Mutter mit zwei Kindern und zwei Koffern – und haben jahrelang in provisorischen Möbeln gelebt. Ich sehe noch die zwei Obststeigen, über die ein Stück Stoff gebreitet war. Das war das vornehme Tischerl im Salon, der zugleich Kinderzimmer, Schlafzimmer und alles war. In diesem Provisorium haben wir bis Ende der 50er Jahre gelebt, bis meine Mutter ein eigenes Haus bauen konnte.
Ohne Bedauern denke ich an die alte Heimat, an Böhmen. Das ist wirklich Geschichte, und ich kann die nicht verstehen, die immer noch Ressentiments haben. Ja, wir sind vertrieben worden. Aber wir haben ein neues Leben – und die Freiheit, die die Verwandten in der kommunistischen Tschechoslowakei verloren hatten.
Ja das stimmt beides. Das Beste im Leben die Mühsal und Beschwer... Ich kann das so verstehen: Ich bin sehr dankbar für die schweren Zeiten in meinem Leben. Im Rückblick erkenne ich, dass ich dadurch unglaublich viel gelernt habe. Aber ich bin sehr dankbar, dass ich durch bin, dass ich es halbwegs heil überstanden habe und nicht zugrunde gegangen bin.
Was sind Ihre Kraftquellen?
Ich bin vor 44 Jahren hier in Wien von Kardinal König zum Priester geweiht worden. Und ich habe in diesen 44 Jahren nie die tägliche Heilige Messe ausgelassen, außer wenn ich krank war. Ich sage ohne Zögern: Das ist die Hauptkraftquelle.
Da berühren Sie einen sehr schmerzlichen Punkt. Was mir am meisten fehlt in der Zeit meines Bischofsdienstes, das ist die klösterliche Gemeinschaft, in der ich 30 Jahre gelebt hat, mit ihrem regelmäßigen Rhythmus. Ich habe nicht gelernt, mir diesen Rhythmus selber zu machen, ich musste es lernen, und ich lerne es schwer. Wenn im Kloster die Glocke läutet, lässt man die Füllfeder fallen und geht zum gemeinsamen Chorgebet. Jetzt läutet keine Glocke. Ich muss mir die Zeit selber erkämpfen.
Ja absolut. Man könne jetzt mit Woody Allen ironisch sagen: Ich habe keine Angst vor dem Tod, ich will nur nicht da sein, wenn er kommt.
Aber nein. Ich habe mir beim Tod von Udo Jürgens gedacht: Möchte ich so plötzlich aus dem Leben gerissen werden? Nein, möchte ich nicht. Ich möchte schon bei meinem Tod dabei sein. Ich habe so beeindruckend den Tod meines eigenen Vaters erlebt. Ich war bei ihm bis zum letzten Atemzug. So bewusst Abschied nehmen und dann hinübergehen, das ist mir schon sehr viel wünschenswerter als ein plötzlicher Tod.
Für mich persönlich schlicht und einfach mehr Zeit für das Besinnliche, das Lesen, das Beten. Mehr Zeit auch für die Freunde. Für meinen Dienst wünsche ich mir, dass der Geist, der mit Papst Franziskus so spürbar durch die Kirche und die Welt weht, bei uns wirklich ankommt und dass die Freude des Evangeliums spürbarer wird.
Ich höre von so vielen Menschen, die mit der Kirche ganz wenig am Hut haben, wie sehr sie diesen Papst schätzen. Warum? Aus dem einfachen Grund: Sie fühlen sich von ihm angenommen, sie fühlen sich wertgeschätzt. Wenn das rüberkommt, wenn das stärker wird – das wäre für mich schon der große Wunsch.
Der Sonntag |
Angesprochen auf die "Pegida"-Demonstrationen in Deutschland äußerte der Kardinal die Überzeugung, er sehe den religiösen Dialog in Österreich durch derlei Strömungen nicht in Gefahr. "Dazu haben wir eine zu gute und solide Tradition des Miteinanders", die weit in die Zeit der Habsburger-Monarchie zurückreiche, als ein "Vielvölkerstaat" unterschiedliche Kulturen und auch Religionen unter einem gemeinsamen Dach zusammenführte. Diese Tradition lebe in Österreich weiter, auch das Bemühen darum, dass sie lebendig bleibt.
Vor dem Hintergrund der aktuellen Gewaltakte in Frankreich äußerte Schönborn die Sorge, dass die sozialen Spannungen in Europa größer werden. Auch die Schere zwischen Modernisierungsverlierern und -profiteuren gehe auseinander. Gleichzeitig sei aber "faszinierend", wie viel Solidarität sich rund um die tragischen Ereignisse in Paris gezeigt habe - quer durch alle Schichten der Bevölkerung. Als ein "gutes Zeichen" wertete Schönborn auch, dass die Töne jener, die aus den Terrorakten "schlechtes politisches Kleingeld" machen wollten, nicht sehr laut gewesen seien. Viele Europäer ganz unterschiedlicher Herkunft würden nach den Toten von Paris spüren: "Das kann nicht der Weg sein", so Schönborns Eindruck.
Auch mit 70 "Überfluss an Zeitmangel"
Auch mit 70 Lebensjahren zeige sein Terminkalender wie seit Jahren einen "Überfluss an Zeitmangel" an, wie der Kardinal scherzhaft bemerkte. Zuletzt seien neue Aufgaben auch auf weltkirchlicher Ebene hinzugekommen; "Papst Franziskus hat mich da nicht verschont", nahm Schönborn Bezug auf seine Indienstnahme etwa im Aufsichtsrat der Vatikanbank oder bei den Bischofssynoden zu Familienfragen im Vatikan. Er erfülle diese und andere Aufgaben "nach wie vor sehr gerne" und fühle sich durchaus noch in der Lage, seinen Dienst mit Freude zu tun.
Sozialpolitische Randbemerkung des Kardinals: Durch die immer höhere Lebenserwartung werde es notwendig sein, das Regelpensionsalter in Österreich ohne Tabus und offen zu diskutieren. Er führte seine eigene Mutter als Beleg dafür an, dass man bis ins hohe Alter aktiv und geistig rege bleiben kann: Eleonore Schönborn sei mit 60 in Pension gegangen und nun mit 94 fast so lange im Ruhestand wie im Berufsleben. Die Finanzierung derart langer Pensionszeiten ist nach Überzeugung Schönborns "ein Problem, dem wir uns stellen müssen".
Papst gratuliert Schönborn zum 70er
Papst Franziskus hat Kardinal Christoph Schönborn am Donnerstag zum 70. Geburtstag gratuliert. Während des Mittagessens, zu dem der Erzbischof 50 Menschen in schweren Lebenssituationen in die Wiener Dompfarre eingeladen hatte, meldete sich der Papst telefonisch am Handy eines Gastes und sprach Schönborn seine Glückwünsche aus. Der Jubilar sei "völlig überrascht" gewesen, berichtet die Pressestelle der Erzdiözese.
Schönborn bekam bei dem Treffen außerdem Glückwunschschreiben zahlreicher Prominenter aus Österreich überreicht. Bundespräsident Heinz Fischer hatte bereits am Vormittag in einer Aussendung gratuliert.
Als einziger öffentlicher Programmpunkt des Geburtstages ist am Samstag um 19.30 Uhr im Wiener Stephansdom ein Benefizkonzert unter dem Titel "Magnificat!" vorgesehen. Gelegenheit für persönliche Gratulationen gibt es laut Auskunft der Erzdiözese nach dem Konzert im Erzbischöflichen Palais. (Karten unter +43 (0)1 - 581 86 40, bzw. tickets@kunstkultur.com oder direkt im Domshop des Stephansdoms)
Schwierige Anfangsjahre als Erzbischof
Über seine fast 20-jährige Tätigkeit als Erzbischof von Wien (die Amtseinführung erfolgte am 14. September 1995 nach mehrmonatiger Phase als Erzbischof-Koadjutor) sagte Schönborn, seine Anfangsjahre seien für ihn "sehr schwierig" gewesen. Er nannte als Beispiele den "Fall Groer", Konflikte in der Bischofskonferenz wie auch in Wien mit seinem vormaligen Generalvikar Helmut Schüller sowie die Spannungen in der Kirche in Österreich und der Weltkirche. Das Pontifikat von Papst Benedikt XVI., den er seit 42 Jahren kenne und nun mit ihm befreundet sei, habe sehr positive Seiten gehabt, die "vielleicht heute zu wenig gesehen" würden. Aber auch in dieser Zeit habe es große Belastungen durch Entwicklungen innerhalb des Vatikans gegeben, "die wirklich schmerzlich waren".
Bescheiden auch Schönborns Wünsche zum Geburtstag: Mehr Zeit zum Lesen wünsche er sich, das sei immer eine "Lebenssubstanz" für ihn gewesen, und auch mehr Zeit zur Besinnung und zum Gebet. Und schließlich: Er wünsche sich noch mehr Dankbarkeit für ein bisher sehr erfülltes Leben, sagte Kardinal Schönborn.
Das ORF-Interview wurde in einer Kurzversion am Sonntag in der Reihe "Orientierung" ausgestrahlt, die 22-minütige Langversion ist auf der Website http://religion.orf.at/ abrufbar.