
Studiengang für frühe Hilfen
Erstmals in Österreich startet im Herbst ein Studienlehrgang mit akademischen Abschluss, der sich der Unterstützung von Kindern und ihren Familien am Lebensbeginn widmet. Der Lehrgang "Early Life Care", den das katholische Bildungszentrum St. Virgil und die Paracelsus Medizinische Privatuniversität gemeinsam anbieten, strebt die bessere Vernetzung aller Berufe an, "die gemeinsam daran arbeiten, die Bedingungen für eine gedeihliche Entwicklung von Kindern bestmöglich auszurichten", erklärte Michaela Luckmann, Studienleiterin in St.Virgil, am Dienstag bei einer Pressekonferenz in Wien.
Erfahrungen in der Schwangerschaft und frühen Kindheit stellen lebenslang wirksame Weichen für die spätere Lebensqualität und Gesundheit. Mit der Erkenntnis haben sich auch die Aktivitäten rund um das Thema "Frühe Hilfen" verstärkt und die "Frühe Prävention" bei Kindern zum klaren Gesundheitsziel gemacht, erklärte Wolfgang Sperl von der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde in Salzburg. Wissen und professionelle Begleitung von allen Seiten werde zunehmend gefordert, weshalb nun der Studienlehrgang ein neues Weiterbildungsangebot schaffe, "das Schlüsselpersonen standardisiertes Wissen und vernetztes interdisziplinäres Lernen ermöglicht, auf Evaluierung achtet und neue fundierte wissenschaftliche Erkenntnisse mit hereinbringt", so Sperl.
Präventive Wirkung enorm
Klaus Vavrik, Präsident der Liga für Kinder- und Jugendgesundheit, bezeichnete "gesundheitliche Chancengleichheit ab Lebensbeginn" als "eines der wichtigsten Güter, das wir Kindern mit auf ihren Lebensweg geben können". Wie der Pädiater betonte, fließe jeder für die Entwicklung eines Kindes in der Frühphase ausgegebene Euro im Erwachsenenalter 18-fach in die Gesellschaft zurück. Klares Ziel müsse deshalb sein, "dass Frühe Hilfen in Österreich gleichermaßen für alle Menschen, die sie brauchen, schon bald ein flächendeckendes Regelangebot sind". Realität sei das laut Vavrik bereits in Vorarlberg, wo es eine flächendeckende Frühversorgung bereits seit fünf Jahren als Regelversorgung gebe.
Einen "Schlüsselmechanismus" werde die "Frühen Hilfe" laut dem Spezialisten für Kinder- und Jugendmedizin auch bei der Bewältigung von negativen Auswirkungen der modernen Reproduktionsmedizin spielen. Schließlich habe sich die Rate an Frühgeburten und Mehrlingsschwangerschaften in den letzten Jahren deutlich erhöht, was zu einem großen Teil auf Methoden wie etwa die künstlichen Befruchtung durch "In-Vitro-Fertilisation" (IVF) zurückgehe.
Die IVF führe mit zur finanziellen Belastung des Gesundheitssystems. Eine Drillingsgeburt und die Nachsorge für die Kinder in den ersten Wochen koste rund 110.000 Euro, im Vergleich dazu kostet einen Einlingsgeburt nur rund 9.000 Euro.
Völlig unklar seien auch die Spätfolgen der IVF. Das erste IVF-Kind sei vor rund 30 Jahren geboren worden. Daten dazu, wie es diesen Kindern nun im Erwachsenenalter gehe, würden vollkommen fehlen.
Multiprofessionell und interdisziplinär
Der neue Studienlehrgang richtet sich vor allem an Berufsgruppen, die mit Schwangerschaft, Geburt und dem ersten Lebensjahr eines Kindes zu tun haben und zielt auf fachlich interdisziplinäre Weiterbildung und Förderung der multiprofessionellen Zusammenarbeit und Kommunikation ab.
Nach erfolgreicher Absolvierung des in drei Stufen gegliederten Lehrgangs über sieben Semester erhalten die Teilnehmer den akademischen Grad "Master of Science". Die drei Stufen können aber auch einzeln belegt werden. Damit wolle man den Lebensumständen der Zielpersonen, die oft berufsbegleitend studieren, gerecht werden, wie Luckmann darlegte. Je Studienort - zur Auswahl stehen Salzburg und Wien - werden für Herbst 25-30 Studierende aufgenommen. Der Kostenpunkt beträgt pro Semester rund 2.000 Euro.
Mit dem Studienlehrgang wird im Herbst 2015 auch die eigenes dafür eingerichtete "Early-Life-Care"-Akademie mit einer eigenen Professur an den Start gehen. Damit soll auch der Erforschung der psychosozialen, emotionalen und biologischen Entwicklungsphasen rund um den Zeitraum Schwangerschaft, Geburt und erstes Lebensjahr Platz gegeben werden, betonte Oberarzt Karl Heinz Brisch, Leiter des Forschungsinstituts für den Bereich "Early Life Care". Ein besonderer Schwerpunkt liege auf der Prävention.