
Hochtechnik-Medizin braucht auch ethische Kompetenz
"An den Grenzen des Lebens, also ganz am Anfang und ganz am Ende, ist der Mensch oft besonders schutzbedürftig": Darauf hat der Feldkircher Bischof Benno Elbs am Freitag anlässlich des sechsten Ethikforums im Kulturhaus Dornbirn hingewiesen. Angesichts der heute hochtechnisierten Medizin mit all ihren Möglichkeiten müsse auch die ethische Kompetenz entwickelt werden, mit diesen Möglichkeiten gut und angemessen umzugehen. "Je mehr wir in die Lage versetzt sind, mehrere Handlungsmöglichkeiten in einer bestimmen Situation zu haben, umso mehr braucht es Argumente und Begründungen, warum wir das eine tun und das andere lassen", so der Bischof in seinem Grußwort. Die Gesellschaft habe die Aufgabe, "genau hinzusehen" auf Grenzen und das Tun an der Menschenwürde auszurichten.
Gerade das Sterben sei heute ein Tabuthema, sagte Elbs: "Wer möchte sich schon mit dem Sterben, geschweige denn mit dem eigenen Tod, wirklich auseinandersetzen?" Und dennoch sei diese Auseinandersetzung früher oder später für jeden erforderlich. "Den Tod als Teil des Lebens zu akzeptieren, der gerade für den religiös beheimateten Menschen seinen Schrecken verliert, kann befreiend, tröstend und erlösend wirken", so der Bischof und ausgebildete Psychotherapeut.
Ethische Fragen am Lebensende und die Frage nach dem "guten Tun und Lassen" standen im Mittelpunkt der Vorträge, Workshops und Gespräche beim Ethikforum. Die deutsche Theologin und Medizinethikerin Monika Bobbert äußerte Vorbehalte gegenüber oft gehörten Argumenten zum Thema Sterbehilfe wie "Recht auf Selbstbestimmung" und "unerträgliches Leiden". Die beanspruchte Autonomie werde von anderen zugeteilt, weil nicht jeder Tötung auf Verlangen stattgegeben wird, erklärte die Leiterin des Instituts für Sozialethik an der Universität Luzern. Und das hänge v.a. davon ab, ob Außenstehende das Leiden des Patienten als "unerträglich" und "unabänderlich" sehen. Dafür gebe es allerdings weder objektive Kriterien noch sei es Dritten "verfügbar".
Patienten vor moderner Medizin schützen?
Einen Beitrag aus der Praxis zum würdevollen Umgang mit Menschen am Lebensende lieferte Prim. Reinhard Bacher, der Leiter der gerontopsychiatrischen Abteilung am LKH Rankweil. Begriffe wie Wohlwollen, aktives Zuhören, Empathie, Ehrlichkeit, Nächstenliebe, Bescheidenheit und Zeit seien dabei wichtige Faktoren. Bacher nannte das Non-Malefizienz- bzw. Nichtschadensprinzip als zu beachtendes Moment, das Menschen überspitzt gesagt vor der modernen Medizin schützen solle. Manchmal gelte es abzuwägen, ob weitere Eingriffe wirklich zum Wohle des Patienten sind.
Der Tod werde zwar immer als "Gegner" der Mediziner gesehen, aber es sei kein Versagen, wenn jemand stirbt. Nach den Worten Bachers haben die meisten Menschen auch gar keine Angst vor dem Tod, sondern vor Schmerzen im Sterbeprozess. "Ein offensichtlicher Sterbevorgang soll nicht durch lebenserhaltende Therapien künstlich in die Länge gezogen werden", betonte der Primararzt. Das Sterben dürfe durch Unterlassen, Begrenzen oder Beenden einer begonnenen medizinischen Behandlung ermöglicht werden, wenn dies dem Willen des Patienten entspricht. Dies gilt nach den Grundsätze der Bundesärztekammer zur ärztlichen Sterbebegleitung auch für die künstliche Nahrungs- und Flüssigkeitszufuhr.
Sorgfältige und einfühlsame Aufklärung wichtig
Auch Prof. Georg Marckmann brach eine Lanze dafür, auf das Wohlergehen des Patienten zu achten und dessen Willen zu respektieren. Der Münchner Medizinethiker nannte es als Herausforderung, sterben zuzulassen, obwohl man das Leben noch verlängern könnte. Patienten seien meist leicht für Therapien zu gewinnen, auch wenn die Heilungschance noch so gering ist. Gerade deshalb sei eine sorgfältige und einfühlsame Aufklärung wichtig. Auch Angehörige setzten Patienten unter Druck, wenn sie den nahenden Tod nicht wahrhaben wollten und so offene Gespräche darüber verhinderten.
Als eindrückliches Beispiel für den Umgang mit einer tödlichen Krankheit ohne Therapie führt Marckman den Schweizer Juristen Peter Noll an, der in seinem Buch "Diktate über Sterben und Tod" sein Leben mit Blasenkrebs schilderte. "Du störst die Leute mit deinem Entschluss", habe ihm der Satz einer Angehörigen verdeutlicht, dass Menschen sich mit dem Tod nicht auseinandersetzen wollen. Dabei wäre v.a. eines wichtig, so der Medizinethiker: auch im Leben an den Tod zu denken.