
Kapellari: Es muss zuerst um Gott, Christus und Menschen gehen
Der Kirche und einem Bischof muss es zuerst und zuletzt um Gott, seinen menschgewordenen Sohn Jesus Christus und den Menschen als Geschöpf und Kind Gottes gehen. Mit diesen Worten bilanzierte der emeritierte Grazer Diözesanbischof Egon Kapellari seine 33 Jahre bischöflichen Dienst in der Leitung von insgesamt zwei Diözesen. "Wenn die Kirche sich zu einem eigenständigen Thema macht und sich zu sehr mit sich selbst beschäftigt, dann verfällt sie in eine sterile Selbstbezogenheit", warnte der Bischof beim offiziellen Dankgottesdienst am Sonntagnachmittag im Grazer Dom im Beisein zahlreicher Verantwortungsträger aus Kirche, Politik und Gesellschaft.
Mit Blick auf die Lage des Glaubens sagte der Bischof, dass Gott heute weltweit für unzählige Menschen eine "zutiefst lebensprägende Wirklichkeit" ist. Und für sehr viele davon sei Jesus Christus, als Gottessohn und Menschensohn, ein "Angelpunkt der Weltgeschichte". Gleichzeitig ortete er eine Glaubenskrise in der sogenannten westlichen Welt, wo viele Menschen lebten, "so als ob es Gott nicht gäbe". Es handle sich dabei weniger um einen überzeugte Atheismus, als vielmehr um eine "Gleichgültigkeit gegenüber der Frage nach dem Sinn des Lebens und ein beliebiges Vermengen verschiedener Religionen", so Kapellari unter Verweis auf Kurienkardinal Gianfranco Ravasi. Dennoch gäbe es von Philosophen wie Jürgen Habermas und Literaten wie Martin Walser die eindringliche Frage: "Was fehlt, wenn Gott fehlt?"
Vor diesem Hintergrund seien "ernsthafte Christen", die Christus wirklich gefunden haben, herausgefordert, ihn auch anderen Menschen einladend zu zeigen. Die stärkste Kraft dafür sei ein glaubhaftes Leben als Mensch und Christ mit viel Solidarität und Empathie in der Kirche und über alle ihre Grenzen hinaus. "Erst auf dieser Basis werden Argumente tragfähig, die suchende Menschen zu Gott führen und Kirche als Heimat erschließen wollen", so Bischof Kapellari.
Warnung vor "überzogener political correctness"
Echtes christliches Leben zeichne eine Freude aus, die ihren tiefsten Quellgrund in der gekreuzigten Liebe Christi hat, führte der Bischof weiter aus und verwies dabei auf Papst Franziskus und dessen Lehrschreiben "Evangelii gaudium". Es sei kein dogmatisches Lehrbuch, sondern ein großer spiritueller Impuls, der nicht nur der Christenheit, sondern der ganzen Menschheit ein Wegbegleiter in die nächsten Jahre und Jahrzehnte hinein sein sollte. Im Blick auf Irritationen rund um einige Aussagen des Papstes sagte der Bischof: "Ich hoffe inständig, dass eine überzogene 'political correctness' innerhalb und außerhalb der Kirche gegenüber einzelnen Worten und Gesten des Papstes diesen großen prophetischen Grundimpuls nicht hemmen kann."
| Die Predigt im WortlauT |
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"Nicht uns, o Herr, nicht uns, sondern deinem Namen die Ehre", sagt einer der biblischen Psalmen als Gebetsruf an Gott. Unter diesem Vorbehalt steht jede Danksagung, die Christen einander im Rahmen einer Liturgie zusprechen und so besonders auch die heutige Liturgie am 4. Fastensonntag dieses Kirchenjahres. Am Ende von 33 Jahren bischöflichen Dienstes in der Leitung von insgesamt zwei Diözesen kann ich in dieser Domkirche mit Ihnen entsprechend einem von vielen Seiten ausgesprochenen Wunsch diesen Dankgottesdienst feiern als Dank an Gott und als Bitte an Gott, mit dem wir seit unserer Geburt und Taufe unterwegs sind auf dem Weg des Lebens und des Glaubens.
Unterwegs zum diesjährigen Osterfest sind wir am 4. Fastensonntag angekommen. Von alters her trägt dieser Sonntag den Namen "Sonntag Laetare" entsprechend dem ersten Wort im lateinischen Eingangslied seiner Liturgie. Es lautet als Anruf an das biblische Jerusalem und an jede liturgische Gemeinde unserer katholischen Weltkirche "Freue dich!" Inmitten der Fastenzeit ist dies nur ein Vorklang von Osterfreude. Die Grundmelodie der Fastenzeit ist ja eine andere. Sie redet nicht mit einer trompetenhaften Freude, sondern sie redet von dem, was Freude behindert und gefährdet. Das sind Tragik und Schuld im Leben der Menschen und Völker, Tragik und Schuld auch im Leben der Christenheit und ihrer kleinen und großen Gemeinschaften und im Leben von Menschen wie wir es sind. Und sie redet von der möglichen Umkehr aus Sackgassen, in die Menschen sich verlaufen haben, durch Hinwendung zu Gott und zu einem entschlosseneren Leben als Mitmensch.
"Laetare Jerusalem! - Freue dich, Jerusalem!" - Gerade heute gibt es weltweit für die Christenheit viel Bedrängendes, das den Schwung, die Dynamik dieses Rufes behindert, und zwar bezogen nicht nur auf die Christenheit, sondern auf die Menschheit im Ganzen. Instabilität hat es weltweit immer gegeben, aber heute sind wir nachrichtentechnisch global so vernetzt wie nie zuvor. Die Menschheit und in ihrer Mitte die Christenheit sind betreffend ihre Kraft zu Solidarität, zu einer aktiven Hoffnung eminent herausgefordert. Viele Menschen verdrängen allerdings diese Herausforderung entsprechend dem alten irischen Sprichwort "Menschenart kann nicht viel Wirklichkeit ertragen". Ernsthafte Christen müssten aber viel Wirklichkeit ertragen wollen und können, beklemmende ebenso wie Hoffnung gebende Wirklichkeit, also Freude und Hoffnung, "Gaudium et Spes", wie das Zweite Vatikanische Konzil am Beginn seines Dokumentes über Kirche und Welt gesagt hat. Diese Freude, lateinisch "gaudium" genannt, hat ihren tiefsten Quellgrund in der gekreuzigten Liebe Christi und lässt sich nicht auf irgendeinen Spaß reduzieren, wenngleich wir als Christen nicht simple Spaßverderber sind. Von dieser tiefen Freude spricht auch Papst Franziskus in seinem großen Lehrschreiben "Evangelii gaudium". Es ist kein dogmatisches Lehrbuch, sondern ein großer spiritueller Impuls, der nicht nur der Christenheit, sondern der ganzen Menschheit ein Wegbegleiter in die nächsten Jahre und Jahrzehnte hinein sein sollte. Ich hoffe inständig, dass eine überzogene "political correctness" innerhalb und außerhalb der Kirche gegenüber einzelnen Worten und Gesten des Papstes diesen großen prophetischen Grundimpuls nicht hemmen kann.
Der mir besonders verbunden gewesene Theologe von Weltrang, Hans Urs von Balthasar, wurde im Jahr 1975 aus Anlass seines 70. Geburtstages gefragt, ob er im Rückblick in Kürze etwas Bilanzierendes sagen wolle. Balthasar antwortete, er könne nicht die Wurzel aus sich selbst ziehen. Er habe aber in all seinen Jahren als Priester nichts anderes gewollt, als ein Zeigefinger zu sein, der auf den gekreuzigten und auferstandenen Jesus Christus hinweist. Balthasar erinnerte so an den weltbekannten Isenheimer Altar von Matthias Grünewald in der elsässischen Stadt Colmar. Das zentrale Bild dieses Altars zeigt die ragende Gestalt des Täufers Johannes, der unter dem Kreuz Christi steht und mit dem expressiv verlängerten Zeigefinger seiner rechten Hand eindringlich auf Christus hinweist. Der Maler Grünewald hat darunter den lateinischen Text einer Selbstaussage des Täufers geschrieben, die uns im Evangelium überliefert ist: "Illum oportet crescere, me autem minui" (Joh 3,30). "Jener (der Christus) muss wachsen, ich muss mich zurücknehmen."
Der Wunsch, ein Johannesfinger zu sein, der auf Christus hinweist, ist eigentlich ein Programm für jeden Priester und Bischof. Als ich im Dezember 1981 einen Wahlspruch für meinen bischöflichen Dienst zu finden hatte, habe ich daher ein auf Christus bezogenes Wort aus dem 1. Korintherbrief des Apostels Paulus gewählt. Es lautet: "Omnia vestra - vos autem Christi", auf Deutsch: "Alles gehört Euch, Ihr aber gehört Christus."
Paulus hat dies den Christen der damals noch kleinen Gemeinde in der wichtigen Hafenstadt Korinth geschrieben, die im Schnittpunkt vieler Land- und Seestraßen gelegen war und daher ein großer Markt von Waren und ein Feld der Begegnung, aber auch der Konkurrenz sehr verschiedener Religionen, Philosophien und Lebensmodelle gewesen ist. In manchem lässt sich die damalige plurale Gesellschaft in Korinth mit unserer heutigen Gesellschaft in Europa und auch in Österreich vergleichen. In diese Situation hinein hat Paulus den Christen gesagt, dass ihnen prinzipiell die ganze Fülle der Weltwirklichkeit offen steht. "Alles gehört Euch" - "Omnia vestra". Diese generelle Zusage wird dann ausgefächert, indem Paulus sagt, was da in Breite und Tiefe gemeint ist: "Paulus, Apollos, Kephas, Welt, Leben und Tod, Gegenwart und Zukunft, alles gehört euch." Nichts wird hier also ausgeblendet, aber alles steht unter einer alles einschließenden und überbietenden Bedingung und Perspektive: "Ihr aber gehört Christus", sagt der Apostel abschließend und weist so einen Weg für das Leben und den Glauben der Christen von damals und von heute.
Liebe hier versammelte Christen, Brüder und Schwestern! Im Leben und im Denken der Kirche und so auch eines Bischofs muss es zuerst und zuletzt vor allem um zwei Themen gehen: es geht um Gott und seinen menschgewordenen Sohn Jesus Christus und es geht um den Menschen als Geschöpf und Kind Gottes und um die Menschheit im Ganzen. Erst dann geht es immer wieder auch um die Kirche und zwar als Gottesvolk und mystischer Leib Christi und nicht nur als eine soziologische Realität. Wenn die Kirche sich zu einem eigenständigen Thema macht und sich zu sehr mit sich selbst beschäftigt, dann verfällt sie ja in eine sterile Selbstbezogenheit.
Weltweit ist Gott heute für unzählige Menschen eine zutiefst lebensprägende Wirklichkeit und darüber hinaus gilt dies für unzählige Menschen auch bezogen auf Jesus Christus als Gottessohn und Menschensohn, als Angelpunkt der Weltgeschichte. In der sogenannten westlichen Welt leben freilich auch viele Menschen so als ob es Gott nicht gäbe, so als ob Gott nur ein Wort mit vier Buchstaben wäre oder ein anderer Name für Evolution. Der Präsident des Päpstlichen Kulturrates, Kardinal Gianfranco Ravasi, hat bezogen auf diese westliche Welt vor kurzem gesagt, dass hier die Gleichgültigkeit gegenüber der Frage nach dem Sinn des Lebens und ein beliebiges Vermengen verschiedener Religionen für die katholische Kirche die größte Herausforderung ist. Atheisten im eigentlichen Sinn seien mittlerweile eine Minderheit. Philosophen wie Jürgen Habermas und Literaten wie Martin Walser stellen aber gerade vor diesem Hintergrund die eindringliche Frage: "Was fehlt, wenn Gott fehlt?" In dieses Generalpanorama sind Christen und zumal auch Katholiken auch in Österreich hineingestellt. Wer Gott, wer Christus wirklich gefunden hat, der wird versuchen, ihn auch anderen Menschen einladend zu zeigen. Die stärkste Kraft dafür ist ein glaubhaftes Leben als Mensch und Christ mit viel Solidarität und Empathie innerhalb der Kirche und über alle ihre Grenzen hinaus. Erst auf dieser Basis werden Argumente wirksam, die suchende Menschen zu Gott führen und Kirche als Heimat erschließen wollen.
Die Menschheit, heute zahlreicher als jemals in ihrer bisherigen Geschichte, ist in ihrer Stabilität auf viele Weisen gefährdet und in einer großen Suchbewegung unterwegs auf ihrem Weg in die Zukunft, ausgestattet mit Milliarden von Lebenskeimen und zugleich bedroht durch viele Todeskeime. Inmitten dieser wimmelnden Menge sind die Christenheit und die katholische Kirche als deren größte Teilgemeinschaft unterwegs, auch sie in einer Suchbewegung, aber ausgerüstet mit dem Kompass des Evangeliums und mit dem Licht von Fixsternen oder auch Wandelsternen, die freilich oft durch Bodennebel verdeckt sind.
Eine für mich unverwechselbare und große Ortskirche war mir in 33 Jahren jeweils zum Hirtendienst anvertraut: die Diözese Gurk-Klagenfurt und dann die Diözese Graz-Seckau. Es waren und sind im Ganzen sehr lebendige Ortskirchen mit vielen Schwächen, aber auch mit großen Stärken, wenn und wo sie sich wirklich als von Gott, von Christus geführt verstanden haben und verstehen. Eine solche Ortskirche steht besonders heute in einer Spannung zwischen Breite und Tiefe, die in der Mitte auszuhalten und auszutragen ist. Dieser Mitte am nächsten sind jene Getauften, die am tiefsten glauben und zugleich Gott und die Menschen am meisten lieben. Um sie herum gibt es konzentrische Kreise bis hin zu jenen Christen, die vielleicht nur den Mantelsaum Christi berühren. Aber auch auf sie hat Christus in der Taufe seine Hand gelegt und die näher der Mitte oder vielleicht sogar ganz in der Mitte angesiedelten Christen, zumal auch die Priester, tragen Verantwortung auch für diese Christen am Rand und sollen ihnen helfen, Schritte zur Mitte zu tun. Deren Situation kann freilich nicht einfach zum Maßstab für die Verfassung der Kirche werden. Und weil viele Getaufte in unserer heutigen Situation der Kirche Schritte zur Mitte und Tiefe nicht zuwege bringen, können, ja müssen wir, die hoffentlich in der Mitte oder nahe bei ihr sind, stellvertretend auch für alle anderen vor Gott für sie beten und je nach unserer spirituellen Kraft auch sühnen und opfern. Das Mysterium der Stellvertretung gewinnt in unserer Epoche der Kirchengeschichte gerade in den deutschsprachigen Ländern eine wachsende Bedeutung. Tiefste Gedanken darüber hat Papst Benedikt XVI. schon als Professor Joseph Ratzinger vor Jahrzehnten in einem Aufsatz über das Thema Stellvertretung vorgelegt. Ernsthafte Katholiken an den beiden einander entgegengesetzten Flügeln unserer Kirche können vielen randständigen Katholiken einen Weg in die Mitte erschließen, wenn sie von je ihrem Standort aus versuchen, das Mysterium der Stellvertretung besser zu begreifen und selber näher zur Mitte zu rücken. Es scheint mir aber, dass nicht wenige Katholiken am sogenannten rechten wie am sogenannten linken Rand der Kirche glauben, sie seien ja ohnedies schon in der Mitte angekommen oder schon von jeher dort gewesen. Dabei übersehen sie leicht die spezifischen Gefährdungen und auch Pathologien des je eigenen Flügels. Man sieht den Splitter im Auge des Bruders und der Schwester, aber den Balken im eigenen Auge sieht man nicht." Das Prinzip Stellvertretung gilt aber nicht nur für das Verhältnis von Christen innerhalb der Kirche zueinander, sondern darüber hinaus für das Verhältnis der Kirche zur gesamten Menschheit. So wird die Liturgie der Messe für das Heil der ganzen Welt gefeiert - "pro totius mundi salute". In ihr geben Menschen lobend, dankend und bittend Gott stellvertretend auch für alle anderen eine Antwort auf sein Wort, das er in Schöpfung und Erlösung gesprochen hat und immer neu spricht.
Liebe Christen, Brüder und Schwestern! Wir feiern Eucharistie, also Danksagung an den Dreifaltigen Gott. In diesen Rahmen füge ich heute besonders auch meinen Dank an Gott für viele Menschen ein, denen ich als Bischof und Priester in so vielen Jahren begegnet bin, Dank an unzählige Lebende, aber auch viele Verstorbene, Dank auch an Nicht-Christen und Menschen ohne Bindung an eine Religionsgemeinschaft. Da wäre viel zu erzählen, aber ich beschränke mich hier abschließend auf die Begegnung mit einem psychisch kranken Menschen mittleren Alters am Tag nach der Promulgation meiner Ernennung zum Bischof von Gurk in Klagenfurt im Dezember 1981. Ich habe in der Kapelle der Psychiatrischen Abteilung des Landeskrankenhauses die Sonntagsmesse gefeiert. Nachher kam dieser Mann zu mir, gab mir eine nicht mehr ganz frische Semmel vom Samstagmorgen und sagte in berührender Herzlichkeit: "Herr Bischof, ich schenke Ihnen ein Brot; das werden Sie brauchen können." Viele Jahre später habe ich diesen Mann irgendwo im Lavanttal wieder getroffen und er hat mich gefragt, ob ich mich an diese Begegnung noch erinnere. Selbstverständlich hatte ich das nicht vergessen. Auch sehr viele andere Menschen haben mir seither auf ähnliche Weise Bestärkendes gesagt und geschenkt. Wahrscheinlich haben auch Sie, liebe Christen, irgendwann Ähnliches erlebt und sind so in Ihrem Menschsein und Christsein bestärkt worden. Solche Erinnerungen sind auch eine Wegzehrung für unsere Zukunft unterwegs mit Christus, der war und ist und kommen wird - "Christus gestern, Christus heute, Christus in Ewigkeit". |
Im Rückblick auf seine 33 Jahre Hirtendienst in den Diözesen Gurk-Klagenfurt und Graz-Seckau bezeichnete er diese als "im Ganzen sehr lebendige Ortskirchen". Dennoch stünden solche Ortskirche heute "in einer Spannung zwischen Breite und Tiefe, die in der Mitte auszuhalten und auszutragen ist". Dem am nächsten seien jene Getauften, "die am tiefsten glauben und zugleich Gott und die Menschen am meisten lieben. Um sie herum gibt es konzentrische Kreise bis hin zu jenen Christen, die vielleicht nur den Mantelsaum Christi berühren." Alle, die der Mitte näher seien als jene, "tragen Verantwortung auch für diese Christen am Rand und sollen ihnen helfen, Schritte zur Mitte zu tun." Zumindest gelte es stellvertretend vor Gott für sie zu beten, zu opfern und auch zu sühnen.
"Ernsthafte Katholiken an den beiden einander entgegengesetzten Flügeln unserer Kirche können vielen randständigen Katholiken einen Weg in die Mitte erschließen, wenn sie von je ihrem Standort aus versuchen, das Mysterium der Stellvertretung besser zu begreifen und selber näher zur Mitte zu rücken", gab der Bischof zu bedenken. Das "Prinzip Stellvertretung" sei aber nicht nicht nur für das Verhältnis von Christen innerhalb der Kirche anzuwenden, sondern darüber hinaus für das Verhältnis der Kirche zur gesamten Menschheit, ohne diese in ihrer Freiheit zu vereinnahmen. Bischof Kapellari erinnerte in seiner Predigt daran, dass die Liturgie der Messe "für das Heil der ganzen Welt" gefeiert wird. "In ihr geben Menschen lobend, dankend und bittend Gott stellvertretend auch für alle anderen eine Antwort auf sein Wort, das er in Schöpfung und Erlösung gesprochen hat und immer neu spricht."
Der Dankgottesdienst war der erste offizielle Auftritt von Bischof Kapellari seit der Annahme seines Rücktrittsgesuches durch Papst Franziskus am 28. Jänner. Eingeladen zum Dankgottesdienst hatten Diözesanadministrator Heinrich Schnuderl, Dompropst Gottfried Lafer und die geschäftsführenden Vorsitzenden des Priester- und Diözesanrates, Pfarrer Hermann Glettler und Friedrich Polzhofer.
Dank aus Kirche und Land
Der Dankgottesdienst für Bischof Kapellari im Grazer Dom war für die Diözese Graz-Seckau die erste Möglichkeit, dem kürzlich emeritierten Bischof ein liturgisches "Deo gratias" zu sagen. In ausdrücklicher Form sagten dies am Ende des Gottesdienstes Tamara Strohmayer namens der diözesanen Jugend- und Hochschuljugend, sowie Friedrich Polzhofer für den Diözesanrat und Pfarrer Hermann Glettler für den Priesterrat.
Der evangelische Superintendent Hermann Miklas dankte Bischof Kapellari für die Begegnung in ökumenischer Verbundenheit "auf Augenhöhe" und wünschte diesem, weiterhin ein "aktiver Dolmetscher des christlichen Glaubens" zu sein.
Der Grazer Bürgermeister Siegfried Nagl würdigte den emeritierten Diözesanbischof als "unaufgeregten aber unaufhörlich bemühten Hirten", der theologisch weit über die Landesgrenze hinaus in ganz Europa gewirkt habe. Landeshauptmannstellvertreter Hermann Schützenhöfer dankte für die gute Zusammenarbeit in 14 Jahren zwischen dem Land Steiermark und der Diözese Graz-Seckau. Er würdigte Kapellari als "Intellektuellen, der es sich aus Demut vor dem Amt nie leicht gemacht habe" und als Bischof europäischen Formats.
An der Spitze der zahlreichen Mitfeiernden stand der Apostolische Nuntius in Österreich, Erzbischof Peter Stephan Zurbriggen. Konzelebranten waren der Salzburger Erzbischof Franz Lackner, Diözesanadministrator Heinrich Schnuderl und die emeritierten Bischöfe Johann Weber (Graz), Alois Kothgasser (Salzburg) und Maximilian Aichern (Linz). Sämtliche Obere der steirischen Ordensgemeinschaften sowie zahlreiche Priester, Diakone, Ordensleute und viele Gläubige feierten im vollbesetzten Dom den Dankgottesdienst mit und für Bischof Kapellari.