
Orden: Wegweiser für Christsein in Diaspora
Christliches Leben kann inmitten der Zerstreutheit des dauerhaft gewordenen plurireligiösen Umfeldes der Gegenwart zu neuer Identität und zu neuen Aufgaben finden: Das war der Tenor einer Fachtagung des Forums Weltreligionen und der Ordensgemeinschaften Österreich über das Phänomen der "Diaspora". Der besondere Fokus der Veranstaltung, die am Dienstag in Salzburger Johannes-Schlössl der Pallottiner zu Ende ging, lag auf der Bedeutung des Diaspora-Daseins für das Ordensleben.
Die Referenten der dreitägigen Veranstaltung skizzierten eine "postkoloniale Vielfalt" im religiösen Bereich, die man selbst durch einheitlich säkulare Verfassungen nicht auf einen Nenner bringen könne. Ein Grundkonsens sei für das Zusammenleben und im Sinne des Gemeinwohl dennoch unerlässlich, so die Experten. Entstanden sei diese Situation durch das weltweite Wachstum von Ortskirchen, deren Entfaltung, Dezentralisierung, Inkulturation sowie dem Kontakt und Austausch mit den jeweiligen Religionen und Zivilisationen vor Ort.
Die wachsende Vielfalt sollte man zum "Ausgangspunkt einer neuen Einheit nehmen, die ihrerseits Einheit stiftend wirkt", betonte Petrus Bsteh, der Leiter des Forums für Weltreligionen, in seinem Abschlussresümee. Dies wäre auch jene Sicht eines Lebens in der Diaspora, das "zu neuer Fruchtbarkeit und Selbstfindung" führen könne, wie dies auch bereits von der konziliaren Reform des Zweiten Vatikanums beabsichtigt worden sei.
Als zukunftsweisende Beispiele für Diaspora-Leben wurden bei der Tagung das Zisterziensierinnenkloster Helfta im früheren DDR-Gebiet und das Trappistenkloster Novy Dvur in der tschechischen Diözese Pilsen vorgestellt, sowie die Ordensgemeinschaft der Kleinen Brüder Jesu: Letztere "übersiedelten" ihre Klöster von der Wüste in die Ballungszentren der Städte und hätten dadurch Orte der Wüstenerfahrung, neuer Kontemplation und des Dienstes der solidarischen Freundschaft geschaffen.
Ein Diaspora-Beispiel aus Wien präsentierte Sr. Beatrix Mayrhofer: Ihr eigener Orden - die Schulschwestern von Unserer Lieben Frau - erkenne in der multikulturellen und multireligiösen Gesellschaft einen sich wandelnden Bildungsauftrag, den man im ordenseigenen Schulzentrum Friesgasse auch wahrnehme, so die Präsidentin der Vereinigung der Frauenorden in Österreich. Die katholische Privatschule in 15. Wiener Gemeindebezirk ist für ihre Schüler und Lehrer mit 40 verschiedenen Muttersprachen und 20 verschiedenen Religionsbekenntnissen besonders um multireligiöse Ausrichtung bemüht und im interreligiösen Dialog engagiert.
Einen Überblick über biblische Grundlagen ab dem babylonischen Exil der Juden bis hin zur Diasporaverfassung der Gemeinden gab bei der Tagung der international renommierte deutsche Ordenshistoriker Gert Melville. Sein Fachkollege und Landsmann Georg Gresser beschrieb die frühmittelalterlichen Klöster als Knotenpunkte der europäischen Christianisierung. Beispiele aus Islam und Buddhismus ergänzten den Gang durch die Kirchengeschichte: Die Bamberger Islamwissenschaftlerin Rotraud Wielandt und der Dominikaner Josef Dreher präsentierten die Sufiorden und -bruderschaften und ihre Rolle an der Peripherie der muslimischen Welt, der Religionswissenschaftler Peter Ramers die identitätsstiftende Bedeutung der tibetischen Klöster für die Tibeter sowie deren Rolle im Exil am Beispiel des Klosters Rikkon in der Schweiz.
Die Tagung "Diaspora - monotheistische Weltpräsenz" war bereits der fünfte Teil der Reihe "Ordenscharismen und Religionen". Bei diesem Gemeinschaftsprojekt setzen sich die Veranstalter mit der spezifischen Bedeutung der Orden in der Begegnung mit anderen Religionen in Geschichte und Gegenwart auseinander. Die Ergebnisse werden als theologische Reihe im Lit-Verlag "Spiritualität im Dialog" publiziert.