
Johannes Paul II. war Entdecker der Barmherzigkeit
Johannes Paul II. war jener Papst, der die Barmherzigkeit als zentrale Eigenschaft Gottes für die Kirche auf lehramtlicher Basis neu entdeckte und sie zum Schlüssel seiner Theologie machte: Das hat der Innsbrucker Theologe Jozef Niewiadomski im Interview mit "Kathpress" zum bevorstehenden 10. Sterbetag des Heiligen aus Polen erklärt. Das Erbe des Wojtyla-Papstes werde von dessen zweitem Nachfolger aus Argentinien angetreten: "Auch für Franziskus ist Barmherzigkeit das Leitmotto, womit er Johannes Paul II. direkt fortsetzt", so der aus Polen stammende Dogmatiker.
Seine eigenen Erfahrungen als NS-Zwangsarbeiter in einem Steinbruch habe den jungen Karol Wojtyla zu diesem Leitmotiv geführt, erklärte Niewiadomski. Er bekam in seiner Heimatstadt Krakau Zugang zu der Erfahrung der hier 1938 an Tuberkulose verstorbenen Ordensfrau Maria Faustyna Kowalska, dass die Barmherzigkeit das Hauptmerkmal Gottes ist. Im deutschen Sprachraum sei Kowalska in Misskredit gekommen, da sich ihrer laut dem Innsbrucker Theologen nur "ultrakonservative Kreise" angenommen hätten, was "zu Unrecht" geschehen sei: "Ihre Botschaft war revolutionär und kam genau in einer Zeit, wo Gerechtigkeit und normengeleitete objektive moralische Ordnung die Kirchenlehre bestimmten."
Für die katholische Kirche damals sei die Barmherzigkeit und Schwester Faustyna jedenfalls "derart gefährlich" gewesen, "dass sie von der Kongregation für die Glaubenslehre auf den Index der verbotenen Visionen und Schriften gesetzt wurde", erinnerte Niewiadomski. Wojtyla ließ sich hingegen von ihrer Frömmigkeit für sein Leben prägen und setzte sich als Krakauer Bischof für die Revision des vatikanischen Urteils und später für die Seligsprechung Kowalskas ein, die er als Papst 1993 ebenso wie deren Heiligsprechung im Jahr 2000 selbst leiten sollte.
Bereits Ende der 1940er-Jahre stellte Wojtyla in einem Theaterstück die Gerechtigkeit alleine als ungenügend, unmenschlich und "Sackgasse" dar, während Barmherzigkeit einen Ausweg biete und den Einzelnen zur Nachfolge bewege, erklärte Niewiadomski. Das theologische Fundament folgte dann in seinen Papstenzykliken, wo die Erlösung durch Jesus Christus als Motto stets "programmatisch durchleuchtete": "Nach fast 1.500 Jahren Dogmengeschichte beschritt Johannes Paul II. radikal einen neuen Weg, indem er Christologie personalistisch deutete: Jesus Christus hat sich mit jedem Menschen verbunden durch die Menschwerdung, in deren Zentrum die Passion und Erlösung steht", legte der Dogmatiker dar.
Programm für das gesamte Pontifikat
Das gesamte 26-jährige Pontifikat sei von dem für alle Menschen offenen christlichen Erlösungsglauben geprägt gewesen, den Wojtyla schon als Konzilsvater im II. Vaticanum bei "Gaudium et spes" eingebracht haben dürfte, so der Theologe. Vieles sei davon ableitbar - von der Begegnung mit anderen Religionen, wo Johannes Paul II. starke und innerkirchlich teils kritisierte Gesten wie etwa den Kuss des Korans setzte, bis hin zur erstmaligen Beschreibung der Menschenrechte als Weg des Evangeliums; "Menschenrechte wie etwa Religionsfreiheit werden dabei nicht im bürgerlichen Sinn für sich selbst eingeklagt, sondern dem anderen gewährt, wobei der Papst aus den Erfahrungen des Schicksals der polnischen Juden schöpfte", führte Niewiadomski aus.
Papst Franziskus sei weitaus stärker in der Traditionslinie seines Vorvorgängers als dies wahrgenommen werde, so die Einschätzung des Innsbrucker Professors, der daran erinnerte, dass es Johannes Paul II. war, der einst den Jesuiten Jorge Mario Bergolio "in die kirchliche Hierarchie geholt und ihm eine Bühne gegeben" habe. Franziskus führe das Grundmotto der Barmherzigkeit fort, durch persönliches Zeugnis und Gehen an die Peripherie als Antwort auf die radikalen Widersprüche und Konflikte der Welt, durch die Positionierung der Religion als versöhnende Kraft gegen Gewalt, sowie durch Fokus auf Menschenrechte. Beide Päpste hätten reiche Lebenserfahrungen eingebracht, was sie authentisch gemacht habe bzw. mache.
So wie der jetzige Papst sei schon Johannes Paul II. gegen die Konsumkultur aufgetreten und habe "phänomenal gut erkannt, dass dessen Steigerung zu einer vom Zerstörerischen gespeisten 'Kultur des Todes' führt", betonte Niewiadomski. Parallel zu seiner entschiedenen Ablehnung des Tötens unschuldigen Lebens und trotz seines Verständnis des Menschen als Gottes Ebenbild sei es dem Wojtyla-Papst jedoch nicht ausreichend gelungen, den "historischen Umbruch" bei der Sexualität als "Zeichen der Zeit zu erkennen und darauf zu reagieren": Stattdessen habe er die traditionelle kirchliche Perspektive weitergeführt, die Sexualität auf die Empfängnis verenge und darüber hinaus mit Missbrauchs oder Sünde verbinde, so die Beurteilung des Theologen, der von Papst Franziskus in diesem Punkt einen "Mentalitätswandel" erhoffte.
Leben im Widerspruch bis zuletzt
Mit Blick auf sein gesamtes Pontifikat sei sein Landsmann ein "Gigant" und ein "begnadeter Mensch" gewesen, der immer als "Zeichen des Widerspruchs" gelebt habe, fasste Niewiadomski zusammen. Ganz besonders treffe dies auf die letzten Lebensjahre zu: Just in einer Zeit, in der ethische Fragen rund um das Lebensende erst gerade aufkamen, habe der Wojtyla-Papst durch seinen Umgang mit seiner Parkinson-Erkrankung, den Kritiker als "frommen Masochismus" abgetan hätten, ein Zeichen gesetzt und sei so zur "Ermutigung und Quelle der Hoffnung" für viele - besonders die einsam Leidenden - geworden.
Niewiadomski erinnerte hier etwa an eine Szene während des Österreich-Besuches 1998, als der Papst während eines Gottesdienstes in Salzburg minutenlag brauchte, um bis zum Altar zu kommen - "eines der wenigen Bilder, wo man einen kranken, fast hilflosen Mann in der Öffentlichkeit ohne Bloßstellung sehen konnte", wie der Theologe unterstrich. Johannes Paul II. habe mit seinem Leiden "eine für die Theologie und Kirchengeschichte ebenso revolutionäre Tat wie der Amtsverzicht von Benedikt XVI." vollbracht.