
Vor 70 Jahren brannte das Herz von Wien
Was vor 70 Jahren im Herzen Wiens passierte, trieb vielen entsetzten Bewohnern die Tränen in die Augen und fügte dem Unheil des mehr als fünfjährigen Weltkriegsfurors in Wien einen weiteren, letzten Höhepunkt hinzu: Am 12. April 1945 stürzte die Pummerin, die größte Glocke des Stephansdoms, als Folge eines Dachbrandes in die Turmhalle herab und zerbrach; tags darauf durchschlug eine einbrechende Stützmauer das Gewölbe des südlichen Seitenchors, das in den Dom eindringende Feuer zerstörte Chorgestühl und Chororgel, Kaiseroratorium und Lettnerkreuz. Der Stephansdom bot ein erbarmenswürdiges Bild sinnloser Zerstörung, und das fast am Ende jener Schreckenszeit, in der die Wiener nach jedem Bombenangriff bang fragten: "Steht der Steffl noch?"
"Als steinerner Zeuge des Unvergänglichen" hatte der Dom durch über 800 Jahre hinweg "allen Widrigkeiten getrotzt, hatte Feuersbrünste, Türkenbelagerungen und Franzosenkriege überstanden. Doch in den letzten Wochen des Zweiten Weltkrieges ... blieb auch St. Stephan nicht mehr verschont vor der Wut der Vernichtung", heißt es zur Katastrophe auf www.stephansdom.at. Der spätere legendäre Hochschulseelsorger und Zeitzeuge Karl Strobl beobachtete damals "eine alte Wienerin, die über den brennenden Dom weinte". Er erinnerte sich bei diesem Anblick an die am Karfreitag gesungenen Klagelieder des Propheten Jeremia, in denen die Rede ist von der "einsam sitzenden Stadt", wie eine Witwe "klagend weint sie in der Nacht ... keiner ist, der sie tröstet".
Und doch - zu den fassungslosen Betrachtern der Zerstörung gesellte sich laut Presseberichten ein Mann in ausgebeulten Hosen und mit abgeschabtem Hut, der so nebenbei bemerkte: "Na, wir werden ihn (den Dom) halt wieder aufbauen müssen." Es handelte sich - wie die Kirchenhistorikerin Annemarie Fenzl im Gespräch mit "Kathpress" berichtete - um Kardinal Theodor Innitzer. Nur wenige Wochen danach, am 15. Mai 1945, ließ der Wiener Erzbischof an die Gläubigen seiner Diözese verlautbaren: "Unsere Kathedrale, den Stephansdom, wieder in seiner ursprünglichen Schönheit erstehen zu helfen, ist eine Herzenssache aller Katholiken, eine Ehrenpflicht aller!" Innitzers Appell sollte sich in den folgenden sieben Jahren als eine Tatsachenfeststellung erweisen.
Chronologie der Ereignisse
Doch der Reihe nach, zurück zur Chronologie der Ereignisse in der letzten Kriegsphase in Wien, die die langjährige Diözesanarchivarin Annemarie Fenzl für eine Ausstellung im Jahr 1995 penibel rekonstruierte: Ab März mehrten sich die Bombenangriffe der Alliierten auf Wien. Einer davon - ein US-Angriff am 12. März - sollte für die Brandkatastrophe einen Monat später fatale Folgen haben, wurden dabei doch die beiden großen Wasserleitungen des kaum in Mitleidenschaft gezogenen Doms zerstört.
Zum wichtigsten Zeugen der Geschehnisse vom 11. bis 13. April wurde Domkurat Lothar Kodeischka (1905-1994), der als Sakristeidirektor von St. Stephan in diesen Tagen praktisch durchgehend vor Ort war. Viele Wiener - auch Geistliche - hatten vor den Bombardements Schutz in den weitverzweigten Kellern der Wiener Innenstadtkirchen und -klöster gesucht, Kodeischka verblieb teilweise als einziger Verteidiger und Brandherdlöscher im Dom, notfalls bis zum Tod, wie er später in seinen Erinnerungen schilderte.
Als am 11. April 1945 Waffen-SS und Rote Armee einander am Donaukanal gegenüberstanden, war laut Kodeischka die Nachricht aufgetaucht, SS-Einheiten würden einen Gegenstoß über die Augartenbrücke unternehmen. Teile der sowjetischen Artillerie wurden daraufhin vom Stephansplatz abgezogen. Für einige Stunden sei der zentrale Bereich der Innenstadt ohne Besatzung gewesen. Dies nützten Banden von Plünderern, die laut Kodeischka Feuer in den heimgesuchten Geschäften legten.
Brand verursachten Plünderer, nicht Soldaten
Diese Schilderung des Domkuraten deckt sich mit jenen anderer Augenzeugen; die vom späteren Wiener Judaistik-Professor Kurt Schubert vertretene Hypothese eines deutschen Artilleriebeschusses als Brandursache gilt heute als überholt. Er könne "bezeugen, dass die ganze Zeit hindurch kein einziger Granattreffer, schon gar nicht eine Brandbombe, den Dom traf - entgegen der sonst oft gehörten Ansicht, die Deutschen hätten den Dom in Brand geschossen", heißt es in dem Kodeischka-Bericht.
Starker Südwestwind löste demnach heftigen Funkenflug aus, sodass "brennende Fetzen bis hoch über den Südturm wehten", so Kodeischka. Er habe am Abend und in der Nacht von 11. auf 12. April "immer wieder neue Brandherde entdeckt und löschen können" - allein und ohne Hilfe. Um Mitternacht jedoch fing das Gerüst auf dem Nordturm Feuer. Der Glockenstuhl begann zu brennen, die zweitgrößte Glocke des Doms, die zehn Tonnen schwere "Halbpummerin" im Nordturm, fiel in das linke Querhaus. Dort wurde das Wimpassinger Kreuz, eine monumentale toskanische Arbeit des Mittelalters, ein Raub der Flammen.
Gegen 11 Uhr des 12. April brannte das Dach zwischen den beiden Domtürmen. Stück für Stück des riesigen Dachstuhls aus zehntausend Lärchenstämmen stürzte auf die Gewölbedecken. Die hielten der Last stand - noch. Aus einem der runden Deckenlöcher, das sich über der großen Orgel des Doms öffnete, fiel Glut auf das Instrument und erfasste die Tausenden von Holzteilchen in dessen Inneren. Bald stießen Flammen aus einzelnen Orgelpfeifen hoch. Augenzeugen berichten später erschüttert von leisen Klagetönen aus den Pfeifen.
Bald war der nächste dramatische Verlust zu verzeichnen: Um 14.30 Uhr sauste die Pummerin, mit 22 Tonnen die schwerste Glocke Österreichs, samt ihrem brennenden Glockenstuhl in die Tiefe und zerschellte "mit grauenhaftem Getöse" am Gewölbering der südlichen Turmhalle.
Das Dominnere schien gerettet, aber dann...
Abends war das Dach abgebrannt, auch die Heidentürme vom Feuer ergriffen; glosende Balken lagen auf den Gewölbedecken - aber das Innere des Doms schien gerettet zu sein. Abends mussten alle mittlerweile tätigen Helfer den Stephansdom verlassen, weil die Sowjets in der "Kampfzone" Stephansplatz eine Ausgangssperre verhängt hatten. In der Nacht schien es Kodeischka, dass das Feuer unter Kontrolle sei. Doch dann sei am Freitag, den 13. April, um 4.15 Uhr "völlig unerwartet die Katastrophe erfolgt": Das Gewölbe stürzte ein und bedeckte den Kirchenraum, der Domkurat und eine zu diesem Zeitpunkt anwesende Helferin entgingen nur knapp dem Tod. "Wir wurden von einer dichten, undurchdringlichen Staubwolke eingehüllt, sodass in der gähnenden Finsternis jede Orientierung unmöglich war. Ich selbst verlor einige Augenblicke das Bewusstsein", schilderte Kodeischka. "Ich weiß wieder nur, wie wir vor dem Lettnerkreuz standen und den ganzen Gräuel der Verwüstung sahen: Unter der Wucht des Einsturzes wurde die Orgelempore, die Kaiserloge und das gesamte wertvolle Chorgestühl begraben. Auch das Gewölbe des Friedrichschiffes war zum größten Teil eingebrochen. Alles brannte lichterloh, wir wussten, jeder weitere Versuch einer Hilfe war völlig aussichts- und zwecklos."
Das gotische Lettnerkreuz wurde zum Sinnbild der gewaltigsten Zerstörung in der Geschichte des Stephansdoms: Vom Triumphbogen hing es herab, nur der obere Teil des Längsbalkens und der Querbalken mit den angebrannten, herabhängenden Unterarmen des kopflosen Corpus waren noch vorhanden - "ein Bild, das jedem unvergesslich blieb, der es gesehen hat", berichtet Annemarie Fenzl. Zufällig im Schutt gefunden wurde das hölzerne Haupt noch am 13. April vom Benediktiner P. Benedikt Pfundstein, der die noch züngelnden Flammen in einem Weihwasserbecken löschte. Seit 2009 hängt das vom Künstler Josef Troyer nach einer Vorlage rekonstruierte "Lettner-Kreuz" wieder an seinem angestammten Platz, der Kopf weist bis heute Brandspuren auf.