
Gegen Judenmission, aber "Christus zeigen"
Der Begriff "Mission" gegenüber dem Judentum ist für den emeritierten Grazer Bischof Egon Kapellari verzichtbar und "aus bekannten Gründen verletzend". Denn der Bund Gottes mit Abraham sei nicht aufgehoben und könne "für das Judentum durch den neutestamentlichen Bund nicht relativiert" werden. Zugleich nannte es Kapellari "ur-menschlich, starke Werteerfahrungen auch anderen Menschen mitzuteilen in der Hoffnung, darüber einen Konsens zu finden". Als Christ wolle er, der "nicht wenige jüdische Freunde" habe, Juden "Jesus als meinen Christus ohne Aufdringlichkeit, aber einladend zeigen".
Bischof Kapellari äußerte sich am Donnerstagabend im Wiener Schottenstift zum christlich-jüdischen Verhältnis und ergänzte damit einen Vortrag des deutschen Rabbiners Prof. Walter Homolka über religiöse Strömungen im gegenwärtigen Judentum. In dessen umfangreichem Schrifttum gebe es auch Kritik an der katholischen Kirche, konkret daran, dass Papst Benedikt XVI. für den außerordentlichen Ritus der Messliturgie die Karfreitagsbitte aus dem Jahr 1972 beibehalten hatte, erinnerte Kapellari. Darin wird zum Gebet für die Juden aufgefordert, "dass unser Gott und Herr ihre Herzen erleuchte, damit sie Jesus Christus erkennen, den Heiland aller Menschen."
Dies öffne der Judenmission Tür und Tor, so die Kritik nicht nur Homolkas, sondern auch christlicher Theologen. Mit seiner Anmerkung zur menschlichen Grundkonstante, als wertvoll Erkanntes auch anderen mitzuteilen, habe er das "Reizwort" "Mission an den Juden" etwas entkräften wollen, so Kapellari.
Mit ausdrücklicher Zustimmung reagierte Homolka auf die Ausführungen von Bischof Kapellari. Dieser habe gesagt, "was man unter Freunden sagen kann" und in "unüberbietbarer Weise formuliert", was sich Juden von Papst Benedikt XVI. nach der Neuregelung über den Gebrauch des alten Messritus und der damaligen Neuformulierung der Karfreitagsbitte erwartet hätten. Seit dem Pontifikatswechsel spiele diese Frage aber keine Rolle mehr im Verhältnis zwischen Judentum und katholischer Kirche, hielt Homolka fest.
Prägendes Erlebnis mit Juden als Neunjähriger
Sein Statement hatte Bischof Kapellari mit einer prägenden Kindheitserinnerung aus seiner Heimatstadt Leoben vor fast exakt 70 Jahren begonnen: Am 6. oder 7. April 1945 seien ungarische Juden auf ihrem Todesmarsch in das KZ Mauthausen durch die obersteirische Stadt getrieben worden, um die Bevölkerung im gemeinsamen Hass gegen das Judentum mit dem bereits untergehenden Nazi-Regime zu solidarisieren. Eine Rechnung, die nicht aufgegangen sei, denn es habe sich Mitleid mit dem "gespenstisch anmutenden Zug" von halb verhungerten Männern geregt, wie Augenzeuge Kapellari erzählte. Eine Frau habe Brot aus ihrem Fenster geworfen, eine andere habe laut gerufen: "Das ist ungeheuerlich, wie man mit diesen Menschen umgeht!"
Für ihn selbst, den damals Neunjährigen, sei dieses Erlebnis "vielleicht der früheste massive Impuls zu Mitleid, zu Empathie in meinem Leben" gewesen, zugleich "unverwechselbar ein Impuls zu einem Mitleiden mit dem Leiden Israels".
Später habe sich Kapellaris "allgemein humane Fähigkeit zu Mitleid immer mehr mit dem Gedenken an den leidenden Juden Jesus von Nazareth verbunden". Dieser sei für ihn und das Christentum überhaupt "der universale Jesus Christus, der Heiland der Welt, Gottessohn und Menschensohn in einem". Dies verbinde einerseits mit dem Judentum stärker als mit jeder anderen Religion, unterstrich Kapellari. Andererseits trenne diese Sichtweise Jesu "beide in einer Differenz, die wohl bis zum Ende der Geschichte bleiben wird".
Und diese Differenz habe dem Judentum viele Leiden auferlegt. Der Grazer Bischof zitierte Kurienkardinal Kurt Koch, demzufolge der Widerstand der Christen gegen den nationalsozialistischen Antisemitismus deshalb so schwach gewesen sei, "weil ein über Jahrhunderte hin wirksamer christlich-theologischer Antijudaismus eine weit verbreitete Antipathie gegen Juden begünstigt habe". Die Christen hätten somit allen Grund, ihre "Mitverantwortung an der grenzenlosen Brutalität des Nationalsozialismus gegenüber den Juden" zu bekennen.
Wende durch Konzilserklärung "Nostra Aetate"
Eine klare Abkehr vom Antijudaismus habe die katholische Kirche erst durch das 2. Vatikanische Konzil vollzogen. In der von Kardinal Franz König maßgeblich beeinflussten Erklärung "Nostra Aetate - Über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen" sei zwar auch von Hinduismus, Buddhismus und Islam wertschätzend die Rede, am profundesten aber von der jüdischen Religion, "mit der ja das Christentum am stärksten und fundamentalsten verbunden ist und bleibt", wie Kapellari feststellte. "Nostra Aetate" widerspreche klar dem jahrhundertealten Vorwurf, die Juden seien schuld am Leiden und am Tod Jesu. Und im Text beklage die Kirche "alle Hassausbrüche, Verfolgungen und Manifestationen des Antisemitismus, die sich zu irgendeiner Zeit und von irgendjemandem gegen Juden gerichtet haben". Der Sühnetod Jesu beziehe sich auf alle Menschen und also auch auf das Judentum.
Bischof Kapellari würdigt abschließend die "stupende Fülle dessen, was die ganze Menschheit, ob religiös oder nicht religiös, dem religiösen und dem nicht-religiösen Judentum in Kultur, Religion, Kunst und Wissenschaft zu verdanken hat".
Homolka: Kirche kann vom "älteren Bruder" lernen
Im Zentrum der Ausführungen von Rabbi Homolka stand die Darlegung der drei großen Strömungen innerhalb des Judentums. Neben dem Liberalen Judentum, wo Homolka selbst zahlreiche Spitzenfunktionen bekleidet, sind das der orthodoxe sowie der konservative Zweig. Alle drei Richtungen verbinde die Herausforderung, wie man "jüdische Identität bewahren und gleichzeitig an der Gesellschaft teilhaben" könne. Diese Frage sei mit der im 19. Jahrhundert immer weiter fortschreitenden rechtlichen Gleichstellung von jüdischen gegenüber anderen Staatsbürgern virulent geworden und habe die Ausformung der drei großen jüdischen Strömungen verstärkt.
Wesentliches Unterscheidungskriterium der drei Richtungen sei das jeweilige Offenbarungsverständnis: So steht die "wortgetreue Treue zur Tora", die als unantastbar und unveränderlich gilt, weil von Gott direkt Moses diktiert, im Zentrum des Schriftverständnisses des Orthodoxen Judentums. Diese strikte Haltung beziehe sich auch auf den Talmud als verbindliche Auslegung der Tora und ihrer 613 Gebote und Verbote. Das Liberale Judentum betone demgegenüber die Notwendigkeit, dass jede Generation je neu herausgefordert sei zu entscheiden, wie sie das Gesetz leben und auslegen wolle. Somit gebe es ein kontinuierliches Voranschreiten der Offenbarung, und "die Heiligkeit der Tora zeigt sich in dem, was sie bezeugt", führte der in Potsdam lehrende Professor für Jüdische Religionsphilosophie der Neuzeit und Gründer des 1999 errichteten Abraham-Geiger-Kollegs an der Universität Potsdam aus.
Das in Deutschland im 19. Jahrhundert entstandene Konservative Judentum versuche demgegenüber eine vermittelnde Position. Dies zeige sich darin, dass die historisch-kritische Methode bei der Erschließung des Textverständnisses für den Talmud zulässig, für die Tora jedoch ausgeschlossen ist. Ein Blick auf die aktuelle Lage der drei Grundströmungen zeige, dass das Konservative Judentum kontinuierlich Anhänger verliert und die beiden anderen Flügel dazugewinnen.
Wie sehr sich das unterschiedliche Offenbarungsverständnis auf das konkrete jüdische Leben auswirke, machte Homolka am jüdischen Eherecht deutlich. Für orthodoxe Juden und in abgeschwächter Weise für konservative gilt das religiöse Eherecht der Tora. Das Liberale Judentum wende demgegenüber in der Regel das jeweilige staatliche Eherecht an. Das führe aber auch zu Problemen, weil eine nach staatlichen Recht geschiedene Ehe nicht automatisch von orthodoxen Juden anerkannt wird mit allen daraus resultierenden Problemen bei der Wiederverheiratung und den aus dieser Verbindung erwachsenden Kinder.
Weibliche Rabbiner in allen Strömungen
Dass trotz aller Unterschiedlichkeiten auch bei heiklen religiösen Themen ähnliche Entwicklungen möglich sind, zeigte Homolka in der Frage der Zulassung von Frauen zum Rabbineramt auf. Dies sei vor rund 80 innerhalb des Liberalen Judentums erstmals möglich geworden, wo derzeit rund 40 Prozent der Rabbiner weiblich sind. Das Konservative Judentum öffnete das Amt für Frauen in den 1980er-Jahren. Und im Orthodoxen Judentum können Frauen mittlerweile eine dem Rabbi ähnliche Position bekleiden, aber nur dann, wenn sie diese geschlechtergetrennt nur für Frauen ausüben.
Für Homolka sollten diese Entwicklungen auch für den jüdisch-katholischen Dialog fruchtbar gemacht werden. 50 Jahre nach der Konzilserklärung "Nostra Aetate" stehe es an, dass die katholische Kirche etwa beim Eherecht und bei der Amtsthematik den Blick auf die "älteren Brüder im Glauben" richte und sich von den Erfahrungen des Judentums im Umgang mit diesen Themen inspirieren ließe, regte Homolka an.
Veranstalter des Vortragsabends war das Wiener Dr. Karl Kummer Institut. Deren Ehrenobmann Josef Taus erklärte im Blick auf die grundlegenden Veränderungen und Herausforderungen in Wirtschaft und Gesellschaft, dass "eine gemeinsame moralische Basis" wiedergewonnen werden müsste. "Dafür braucht es auch eine religiöse Basis", zeigte sich der ehemalige ÖVP-Bundesparteiobmann und Wirtschaftstreibende überzeugt.