
Für grundlegende Reform des Wirtschaftssystems
Für eine grundlegende Reform des Wirtschaftssystems hat sich die Wiener Sozialethikerin Ingeborg Gabriel ausgesprochen. "Wir sind an einem Punkt angelangt, wo wir grundlegend überlegen müssen, wie es mit unserem Wirtschaftssystem weitergehen kann", so Gabriel zum Ende des Symposions "Wirtschaft - Gemeinwohl - Glück" am Samstagabend in Wien. Es gehe dabei um behutsame Reformen, "ohne gleich das ganze System über Bord zu werfen", zeigte sich die Sozialethikerin überzeugt. Leitmotive für eine solche Reform müssten das Gemeinwohl, Solidarität, Gleichheit, Armutsbekämpfung und ökologische Nachhaltigkeit sein.
Wichtige Impulse in diese Richtung hätten die Beiträge des zweitägigen Symposions geliefert, bilanzierte Gabriel die Veranstaltung im Gespräch mit "Kathpress". Es habe sich einmal mehr gezeigt, wie wichtig es sei, sich "als christliche Sozialethiker und Praktiker wesentlich in die Diskurse einzubringen" und Impulse etwa in Richtung einer größeren Solidarität und eines stärkeren ökologischen Bewusstseins zu setzen.
Veranstaltet wurde die Tagung "Wirtschaft - Gemeinwohl - Glück" vom 9. bis 11. April vom Institut für Sozialethik der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien, der österreichischen Kommission Iustitia et Pax sowie der Vereinigung für Sozialethik in Mitteleuropa. Im Anschluss an die Tagung wurde Gabriel bei der Generalversammlung des Vereins für Sozialethik in Mitteleuropa als Vorsitzende bestätigt.
Länderberichte: Bleibende Sorge um Gemeinwohl
Den Abschluss der Tagung bildeten Länderberichte u.a. aus Polen, Slowenien, Tschechien und Kroatien mit dem Fokus auf der Frage des Gemeinwohls. Einig zeigten sich die Berichte darin, dass das Gemeinwohl in Europa vor allem durch Armut und Arbeitslosigkeit akut gefährdet ist. So schaue die Mehrheit der Bevölkerung in Polen zwar "optimistisch in die Zukunft", auch zeitige die EU-Mitgliedschaft zahlreiche "positive Veränderungen im sozial-kulturellen Bereich", so der polnische Theologe Stanislaw Fel; zugleich gebe es aber eine starke soziale und regionale "Disproportion zwischen dem reichen Süden Polens und dem armen Norden". Dies gefährde langfristig den sozialen Frieden.
Slowenien leide hingegen weiterhin unter der Vormachtstellung der alten Elite: "Sowohl Positionen in der Wirtschaft als auch im Medienbereich sind mit jenen Personen besetzt, die in den entsprechenden Kreisen geschult wurden", berichtete der in Ljubljana wirkende Theologe Ivan Stuhec. Zugleich schaffe das Ineinander von alter und neuer Rechtsordnung in der Bevölkerung Verwirrung und eröffne Möglichkeiten zur Bereicherung, so Stuhec.
Tschechien sei indes weiterhin stark von einem "betont neoliberalen Wirtschaftskurs" bestimmt, den der ehemalige Präsident Vaclav Klaus dem Land verordnet habe. Das unterstrich bei seinem Bericht der in Münster lehrende tschechische Sozialwissenschaftler Petr Stica. Zwar gehöre die Wirtschaftsethik zu den Grundlagen eines Wirtschaftsstudiums, der Begriff der ökosozialen Marktwirtschaft habe sich jedoch noch nicht durchsetzen können.
Abschließend beleuchtete die in Wien lehrende Sozialethikerin Marijana Kompes über die Situation in Kroatien. Das Land stecke seit nunmehr sieben Jahren in einer Krise, die das Gemeinwohl gefährde, so Kompes. Das habe eine anhaltende Emigration zur Folge. Trotz hoher Arbeitslosigkeit herrsche in der kroatischen Gesellschaft aber zugleich ein starker Einsatz für ein Gemeinwohl nach dem Prinzip "Einsatz für alle, weil wir auch für alle verantwortlich sind".