
Dürfen uns nicht von den Menschen verabschieden
Für eine offene Kirche, in der nicht "entweder oder", sondern "auch" vorherrscht, und in der gemäß Papst Franziskus auch eine "Streitkultur" gepflegt wird, hat sich der künftige Grazer Diözesanbischof Wilhelm Krautwaschl ausgesprochen. Im Interview mit dem "Standard" (Donnerstag-Ausgabe) wies er auf das Matthäus-Evangelium hin, wonach Kirche bereits von "zwei oder drei", die in Jesu Namen versammelt sind, gebildet wird. "Da steht nicht, dass das Männer sein müssen", so Krautwaschl. "Nicht einmal, dass das Christen sein müssen." Auch Geschiedene oder Homosexuelle könnten "natürlich" Teil einer solchen Gruppe sein. "Bei uns in der Kirche ist die Struktur wichtiger geworden als dieser Zugang aus dem Evangelium", bedauerte der designierte Bischof. Seine Überzeugung: "Wir dürfen uns nicht von den Menschen verabschieden."
"Geht es um den Menschen?" Mit dieser Frage will sich Krautwaschl, wie er ankündigte, "in der Tagespolitik immer wieder zu Wort melden". Auch die "Frage, was uns alle verbindet", werde zu wenig gestellt. Die jüngste Tragödie der Bootsflüchtlinge im Mittelmeer habe ihn erschüttert: "Wir erleben uns ständig im Hinschauen und Wegschauen. Wir erleben Machtlosigkeit. Es ist unerträglich." Die erste Reise des Papstes habe nach Lampedusa geführt, der dortige Bischof sei nicht zufällig Kardinal geworden. Krautwaschl: "Wir können nicht sagen, wir sind hier, und der Rest der Welt geht uns nichts an. Das ist ein dritter Weltkrieg, der gerade an verschiedenen Orten passiert. Wir können uns nicht abschotten."
Zu den derzeit rund 600 Flüchtlingen, die in kirchlichen Einrichtungen der Steiermark zusätzlich zu den bestehenden Heimen der Caritas untergebracht sind, erklärte Krautwaschl, er wolle sich nach zusätzlichen Kapazitäten umsehen. Flüchtlingspräsenz mache vielen Leuten Angst, "aber durch Kennenlernen können diese Gräben überwunden werden".
Offenheit und Papsttreue
Zum Ausschluss wiederverheiratet Geschiedener von der Kommunion sagte Krautwaschl: "Manche kränkt das sehr. Andere fühlen sich nicht ernst genommen, wenn man das nicht tut. Da müssen wir uns was überlegen." Immerhin spreche die Kirche Leute "nur heilig, nicht unheilig". Der bisherige Regens des Bischöflichen Seminars in Graz sieht hier Parallelen zu Homosexuellen (deren Lebensführung lehramtlich ebenfalls abgelehnt wird): "Erst gestern habe ich einen Katholiken auf ein Bier getroffen, der zu seiner Homosexualität steht und den ich pastoral begleitet habe. Wieso soll ich den nicht mögen? Wer bin ich? Manche laufen Gefahr, über andere richten zu wollen."
Offenheit nach außen etwa im interreligiösen Dialog und zugleich Papsttreue ist nach den Worten Krautwaschls auch ein Kennzeichen der kirchlichen Erneuerungsbewegung, in der er sich geistlich beheimatet weiß. Die von Chiara Lubich (1920-2008) gegründete Fokolar-Bewegung habe auch Buddhisten zu ihren Tagungen geladen, Lubich selbst habe einmal einen Abend in der Moschee in Harlem gestaltet, zu der Malcom X gehörte.
Auch er selbst sehe sich als papsttreu, "weil er mich sonst nicht ernannt hätte", wie Krautwaschl anmerkte. Zugleich kritisierte der seit vielen Jahren mit Jugendlichen befasste Priester den Sager des Papstes über das Schlagen von Kindern "in Würde". Da sei wohl das "Temperament mit ihm durchgegangen. Ich betone, dass ich nichts positiv an diesem Satz finde." Wie beim Priesteramt orte er auch beim Papstamt "eine unheimliche Erhöhung", sagte Krautwaschl: "Er ist ja nicht unfehlbar!"
Das Weiheamt sieht er generell "überhöht", viel wichtiger ist nach den Worten Krautwaschls das "Streben nach Heiligkeit". Es brauche beides - Amt und Charisma: "Es gibt die Struktur, die wir geschaffen haben wie ein Skelett, und es gibt das Fleisch. Das Skelett ist ohne Fleisch gar nichts, und das Fleisch kann ohne Skelett nicht stehen."
"Kann mir nicht vorstellen, allein zu leben"
Für Aufsehen sorgte Krautwaschls Ankündigung, auch als Bischof weiterhin in Gemeinschaft leben zu wollen. "Der Standard" sprach ihn im Interview darauf an, wie man sich seine bisherige WG vorstellen muss: "'Golden Girls' - nur mit Priestern?" Krautwaschl berichtete von insgesamt neun angehenden und bereits geweihten Priestern, die sich ihren Alltag mit der in WGs üblichen Aufgabenzuteilung organisieren. "Ich kann es mir nicht anders vorstellen, ich war nie allein", so Krautwaschl. "Zölibatär zu leben heißt ja nicht, beziehungslos zu leben." Die Räumlichkeiten im Grazer Bischofssitz kenne er noch nicht, der Haushälterin habe er aber bereits gesagt, "ich tät' schon gern wenigstens manchmal selber einkaufen gehen". Sein Vorgänger Egon Kapellari habe im Bischofshof allein gelebt, "das kann ich mir nicht vorstellen.
Unkonventionell gab sich Krautwaschl auch beim Thema soziale Medien. Bloggen, facebooken und twittern "taugt mir schon sehr", so der 52-Jährige. "Gott ist doch eigentlich auch virtuell. Oder sehen Sie ihn hier irgendwo? Und ich vertraue trotzdem auf ihn. Wir werden schon sehen, ob ich falsch liege, wenn ich tot bin. Aber ich riskier's halt!"