
"Führung heißt heute Vertrauen"
"Führung heißt heute Vertrauen": Diese Erkenntnis aus einem Managementseminar möchte der künftige Grazer Diözesanbischof Wilhelm Krautwaschl in seinem neuen Amt umsetzen. Als Gast des "Verbandes katholischer Publizistinnen und Publizisten Österreichs " gab Krautwaschl am Montagabend damit kurz vor seiner Weihe am 14. Juni Auskunft über den von ihm bevorzugten kollegialen Führungsstil. Das drückt sich auch bei der Besetzung des zweitwichtigsten Amtes in einer Diözese - des Generalvikars - aus: Krautwaschl wandte sich mit rund 100 brieflichen Anfragen an alle möglichen Vertreter der steirischen Kirche vom Diözesanrat über die Dechanten und Ordensvertreter bis zu den Pastoralassistenten, um Vorschläge für zu behandelnde Inhalte und dafür am besten geeignete Personen einzuholen.
Die ebenfalls wichtige Funktion des Pastoralamtsleiters hat Krautwaschl vergangene Woche mit Karl Veitschegger, einem Laien, besetzt. Den neuen oder alten Generalvikar - bisher der zum Diözesanadministrator ernannte Heinrich Schnuderl - will Krautwaschl im Zuge seiner Weihe in zwei Wochen bekannt geben.
Im Gespräch mit den Medienvertretern im "Club Stephansplatz 4" ließ der designierte Bischof durchblicken, dass er in seiner Diözese auch Laien große Verantwortung übertragen wird. so müssten etwa im bischöflichen Ordinariat laut Kirchenrecht nur der Bischof, der Generalvikar und der Gerichtsvikar Kleriker sein, erläuterte Krautwaschl.
Er selbst sehe sich im klassischen Bild des Hirten, der nach den Worten von Papst Franziskus "manchmal vor seiner Herde geht, manchmal mittendrin, manchmal hinten nach - und immer wieder vertraut er auf den Spürsinn der Herde".
"Nächstenliebe ist unteilbar!"
Am Tag nach der Landtagswahl in der Steiermark wurde Krautwaschl auf das Ergebnis angesprochen, das der FPÖ nach Einschätzung vieler Beobachter nicht zuletzt durch deren auch kirchlicherseits kritisierten Ausländerwahlkampf große Zugewinne einbrachte. Zu Plakatslogans wie "Fremd in der eigenen Heimat" sagte Krautwaschl wörtlich: "Nächstenliebe ist unteilbar!" Er wies darauf hin, dass "Fremdsein" in der Welt dem Christentum gleichsam eingeschrieben und letzte Heimat bei Gott zu finden ist; nicht umsonst bedeute das Wort "Pfarre" schon von der Wortherkunft "fremd hier". Im Neuen Testament heiße es: "Ich war fremd und obdachlos, und ihr habt mich aufgenommen."
Als Kaplan des damaligen Hartberger Pfarrers und Briefbombenadressaten August Janisch sei er mit dem Thema Ausländerfeindlichkeit schon vor Jahren hautnah konfrontiert und gebeten worden, "auf meine Post aufzupassen". Die Kirche müsse darauf hinweisen, dass es "um Menschen geht", und in der konkreten Begegnung mit Menschen schwinde die Angst vor dem Fremden.
Das Wahlergebnis sei jedenfalls "zur Kenntnis zu nehmen". Die Kirche plane - über Betreiben der Katholischen Aktion - Gespräche mit Vertretern aller Parteien, auf Gemeinde- wie auch auf Landesebene. Dabei wolle er die Frage stellen: "Was heißt es, als politische Partei für alle Menschen da zu sein?" Und: "Was tragen wir alle miteinander zum Gemeinwohl bei?"
Für eine Kirche in großer Breite
Er trete für eine Kirche in großer Vielfalt ein, erinnerte Krautwaschl an sein Plädoyer bei seiner ersten Pressekonferenz für eine Breite, die von Karmelitinnen bis hin zum Vinzi-Bus reicht. Bei Erscheinungen an Randzonen, die womöglich Anstoß erregen, wolle er das Gespräch mit den Betreffenden suchen, so Krautwaschl. Er nehme "mit Sorge wahr, dass in Österreich das Nachfragen nicht üblich ist, sondern dass die Leute, die sich aufregen, gleich einmal nach Rom schreiben".
Die Diözese Graz-Seckau setze auf Pfarrverbände statt Pfarrzusammenlegungen, um Rücksicht auf das Zugehörigkeitsgefühl der Katholiken zu nehmen. Kirchliches Leben solle aber nicht immer nur mit "Pfarre" verbunden werden; er selbst sei ja als Verantwortlicher für das Bildungszentrum "Augustinum" nicht einer Pfarre zugeordnet gewesen. Wesentlich für Kirche sei die Zusage Jesu, "wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, bin ich mitten unter ihnen". Konkrete Entscheidungen über Pfarrstrukturen seien zielgerichtet und "vor Ort zu treffen".
Als noch uneingelöst von den Reformansätzen des Zweiten Vatikanischen Konzils betrachtet Krautwaschl die sich aus Taufe und Firmung ergebende Mitverantwortung mündiger Laien. Auch Pfarre sei nach der kirchenrechtlichen Definition in erster Linie nicht Territorium, sondern Gemeinschaft, zu deren Gedeihen viele beizutragen hätten. Zu den Problemen mit sonntäglichen Eucharistiefeiern, die sich aus dem Priestermangel ergeben, sagte Krautwaschl, Kirche lebe nicht nur aus der Eucharistie, auch Verkündigung und karitatives Engagement wie Altenbesuche seien Säulen kirchlichen Lebens. Die Vorstellung, Nächstenliebe sei nur dann "komplett", wenn auch Messe gefeiert werde, greife zu kurz. Es gelte "alle Standbeine von Kirche ernst zu nehmen", betonte Krautwaschl. Ein Pfarrkindergarten sei ebenso Kirche und nicht nur "Vorfeldorganisation", die möglichst viel Kinderbesuch bei der Sonntagsmesse sichern solle.
"War noch nie im Schlafzimmer eines Kollegen"
Zum Thema priesterlicher Zölibat und wie er als Bischof auf dessen Einhaltung achten wolle, sagte Krautwaschl: "Ich war noch nie im Schlafzimmer eines Kollegen." Sein Ansatz sei es, Vertrauen zu schenken, dass sich jeder der Herausforderung stellt, die Anforderung aus dem Evangelium authentisch zu leben. Bei Anlassfällen werde er als "Mitbruder von 400 steirischen Priestern" auf den Betreffenden zugehen; im vertraulichen Gespräch des "forum internum" könne er durchaus auch Klartext reden, so Krautwaschl.
Krautwaschl berichtete, zeit seines Lebens als Priester immer in Gemeinschaft und nie allein gelebt zu haben. Er wolle kirchliche Strukturen fördern, die dem steirischen Klerus dies zumindest ermöglicht, auch wenn konkrete Menschen und ihre Bedürfnisse nach Einbindung unterschiedlich seien. Er selbst lege großen Wert auf Gemeinschaft, Freundschaften zu pflegen sei "eines der wichtigsten Dinge in meinem Leben".
In das Bischofshaus in Graz wird aller Voraussicht nach mit ihm auch ein junges Paar einziehen, das am 1. August heiratet, kündigte Krautwaschl "ein spannendes Projekt" an. Er habe beide erst einmal gesehen. Diese Idee kam auf, als er bei einem Treffen einer Gemeinschaft christlichen Lebens im Augustinum auf einen Studenten traf, der für sich und seine künftige Ehefrau eine Wohnung suchte. Das Angebot zum Einzug in das Ordinariat habe sich somit spontan ergeben, das Ordinariat solle "nicht zum Büro verkommen, denn das ist nicht Kirche", so der Bischof.