
Heinisch-Hosek zu wenig sensibel
Der neue Grundsatzerlass zur Sexualkunde zielt darauf ab, Sexualerziehung zu verstaatlichen: Ähnlich wie kürzlich Familienministerin Sophie Karmasin sieht auch Alfred Trendl, Präsident des Katholischen Familienverbandes Österreich (KFÖ), dies als entscheidendste Kritik an dem Dokument des Bildungsministeriums. Er bedauere, dass Ministerin Gabriele Heinisch-Hosek bei diesem heiklen Thema "die nötige Sensibilität" fehle, erklärte Trendl in der Tageszeitung "Die Presse" (Mittwoch), die ihn und die Psychologin Beate Wimmer-Puchinger, selbst eine Mitverfasserin des Erlasses, zu einem Streitgespräch geladen hatte.
Wimmer-Puchingers Standpunkt: Die Schule müsse mehr Verantwortung bei der Sexualerziehung übernehmen, zumal sich viele Eltern damit schwer täten, altersadäquat auf diesbezügliche Kinderfragen einzugehen. Laut einer Befragung des Ministeriums hätten es 90 Prozent der teilnehmenden Eltern begrüßt, "wenn das in der Schule thematisiert wird". Trendl hinterfragte hingegen die Art der Erhebung und bezeichnete es als "lächerlich", dass das Ministerium nicht auf Vertreter von Eltern- und Familienverbänden, die durchaus auch "richtige Eltern" seien, gehört habe.
Uneins waren die beiden Fachleute auch bei der Beurteilung des formalen Werdegangs des Erlasses, für den Ministerin Heinisch-Hosek nun nach zahlreicher Kritik nur "geringfügige Änderungen" in Aussicht gestellt hat. Trendl kritisierte die nur zweiwöchige, rund um Ostern angesetzte Begutachtungsfrist, mit der das Ministerium die Beteiligung der meist ehrenamtlich engagierten Eltern offenbar umgehen wollte. Es sei "nichts schiefgelaufen" und alle seien eingebunden gewesen, verteidigte Wimmer-Puchinger das Vorgehen und verwies auf "ähnliche Aufregungen" bei demselben Thema in den 1970er- und 90er-Jahren.
Ähnlich wie Eltern an der Entstehung des neuen Sexualkundeerlasses kaum eingebunden gewesen seien, würden sie darin auch inhaltlich "nur am Rande" vorkommen, bemängelte der Familienverbands-Chef; der bisher gültige Erlass hätte den Erziehungsberechtigten hingegen eine zentrale Rolle in diesen Fragen zuerkannt. Bloßer "Theaterdonner" sei die Kritik am Entwurf nicht, wie ihm dies Wimmer-Puchinger mit Verweis auf die im Erlass enthaltene Anregung zur Abhaltung von Elternabenden vorgeworfen hatte: "Viele haben ihre Bedenken geäußert, auch die Familienministerin. Die macht kein Theater. Das ist ernst zu nehmen."
Werte vorgeben statt Wertefreiheit
Es widerspreche dem geltenden Schulorganisationsgesetz, wenn sich der Erlass von der Aufgabe der Schule distanziere, "bestimmte Werte vorzugeben", so Trendl weiter. Statt völlige Wertefreiheit anzustreben, müsse die Gesellschaft vielmehr "Werte vorgeben und vorleben", wobei diese vom jeweiligen Kind oder Jugendlichen in freier Entscheidung angenommen werden könne oder nicht. Solche Werte seien bei der Sexualpädagogik vor allem die Verantwortung für sich selber und dem anderen gegenüber.
Der Begriff "Liebe" sei im Erlass nicht ausgeklammert worden - wie von vielen Kritikern bemängelt - sondern "viel konkreter formuliert" und "besser operationalisiert" worden, argumentierte Wimmer-Puchinger: "Es geht um Kommunikation, Wertschätzung und Respekt. Ich wünsche mir, dass, wenn ein Mädchen Nein sagt, das akzeptiert wird." Zusätzlich seien dennoch auch Liebe und Treue als zur Sexualität gehörende, eigene Elemente ins Spiel zu bringen, forderte Trendl. Dass, wie der KFÖ-Präsident behauptete, der Erlass die "mechanischen Fertigkeiten in der Sexualität" überbetone, sei laut Wimmer-Puchinger nicht vom Expertenbeirat im Ministerium angestrebt.
Pornofilme für alle ein Problem
Vorsichtige Übereinstimmung signalisierten Trendl und Wimmer-Puchinger bloß bei der Problemstellung, auf die Antworten nötig seien. Angesichts völlig "verquerer", auf Angeboten im Internet basierenden Vorstellungen der Kinder über Sexualität und angesichts von "Darstellungen von Frauen in missachtenden, schrecklichen Situationen", die in von Burschen konsumierten Pornofilmen zu sehen seien, müssten Kinder fit und "kritisch" gemacht werden, formulierte es Wimmer-Puchinger, "dass sie das nicht eins zu eins übernehmen, oder dass die Mädchen nicht Nacktfotos von sich verschicken". Trendl dazu: "Da kann ich ganz viel unterschreiben."