
Versenken von Schiffen löst Problem nicht
Das Versenken von Schlepperschiffen ist "keine Lösung des Flüchtlingsproblems, sondern der Versuch, die Tätigkeit der Schlepper zu erschweren". Das stellte der neue Militärbischof Werner Freistetter in einem Interview für die aktuellen Ausgaben mehrerer österreichischer Kirchenzeitungen fest. Es müsse vor allem darum gehen, in den Herkunftsländern lebensgerechte Bedingungen zu schaffen. "Bis dahin gilt es, Menschen, die aus Not, Angst und Bedrohung heraus geflohen sind, menschenwürdig aufzunehmen." Freistetter äußerte Unverständnis darüber, "warum keine großzügige gesamteuropäische Lösung machbar sein soll", um die Lasten durch die momentan großen Fluchtbewegungen zu verteilen. "Das ist langwierig, teuer, politisch schwer zu vermitteln, aber erforderlich."
Freistetter befürwortet auch militärische Antworten auf die Bedrohung durch die Terrormiliz IS im Nahen und Mittleren Osten: "Es gilt für die internationale Gemeinschaft eine Schutzverantwortung für die Menschen in diesen Gebieten." Beim Ausdruck "gerechter Krieg" ist der Militärbischof zurückhaltend. Schon das Zweite Vatikanische Konzil verwende den Begriff nicht, sondern spreche von einer "moralisch gerechtfertigten Verteidigung", wenn es um den Schutz von Menschen und die Durchsetzung von Recht geht. Dabei sind nach kirchlicher Überzeugung strenge Kriterien anzuwenden: Der Bischof nannte den Vorrang friedlicher Optionen, die Verhältnismäßigkeit der eingesetzten Mittel, den Schutz der Zivilbevölkerung und die Suche nach einer politischen Lösung.
Auf den IS ist laut Freistetter das Zugeständnis des Konzils anzuwenden: "Solange es noch keine zuständige internationale Autorität gibt, die mit entsprechenden Mitteln ausgestattet ist, kann man, wenn alle Möglichkeiten einer friedlichen Regelung erschöpft sind, einer Regierung das Recht auf sittlich erlaubte Verteidigung nicht absprechen."
Angesprochen auf den seliggesprochenen Kriegsdienstverweigerer Franz Jägerstätter (1907-1943) unterstrich der Bischof, es sei "Recht und Pflicht jedes Menschen, nach seinem Gewissen zu handeln. Es gibt keinen absoluten Gehorsam - weder im militärischen noch im kirchlichen Bereich." In der Zweiten Republik habe es keine mit Jägerstätters Situation vergleichbare Konfliktlage gegeben; der Innviertler Bauer und Mesner hatte seine Weigerung, einem Unrechtsregime zu dienen, 1943 mit dem Tod bezahlt. Im heutigen Bundesheer habe "der demokratische Gesetzgeber versucht, Raum für das Gewissen zu schaffen", wies Freistetter hin. "Befehle, die gegen strafrechtliche Bestimmungen oder gegen die Menschenwürde verstoßen, dürfen weder gegeben noch befolgt werden." Dennoch könne es Situationen geben, in denen das Gewissen des Einzelnen gegen eine ganze Organisation steht. "Das ist anzuerkennen", so der Militärbischof.
"Kein religiöser Arm der militärischen Führung"
Die Aufgabe der heutigen Militärseelsorge sei nicht die religiöse Legitimation militärischer Einsätze oder die Sicherstellung der Gefechtsbereitschaft der Soldaten. "Unser Auftrag ist strikt religiös und darauf gegründet, dass auch im Militär Menschen das Recht haben, ihre Religion auszuüben und von ihrer religiösen Gemeinschaft Unterstützung zu erfahren", so Freistetter. "Uns geht es um die Begleitung von Menschen, ... wir sind kein religiöser Arm der militärischen Führung".
Wie andere Diözesen sei auch die Militärdiözese vom Priestermangel betroffen. Große Bedeutung komme somit den Laien zu: "Wir sagen immer, der erste Seelsorger ist der gläubige Kamerad. Wir brauchen in der katholischen Militärseelsorge aber auch Priester, damit die Soldatinnen und Soldaten Eucharistie feiern können, besonders unter den schwierigen Bedingungen im Einsatz."
Zur Kritik am "Kaputtsparen" des österreichischen Bundesheers sagte Freistetter, er könne sich nicht vorstellen, dass dies das Ziel einer Bundesregierung ist. Als Sohn eines Offiziers habe er "kaum eine Zeit erlebt, in der nicht über die Reform des Heeres gesprochen wurde". Derzeit gebe es Anpassungen an die Aufgaben nach dem Ende des Kalten Kriegs, die sich u. a. aus Österreichs Mitgliedschaft bei der UNO und der EU ergeben. "Das Mitwirken an internationaler Friedenssicherung ist heute genauso wichtig wie die Landesverteidigung" und ebenso ein Beitrag zur Sicherheit Österreichs, betonte Freistetter.