
Vorurteile gegenüber Fremden Ausdruck von Schwäche
Auch wenn das Vertrauen der Bevölkerung in die Berichterstattung der Massenmedien laut Umfragen schwach ausgeprägt ist, haben diese gerade in Krisenzeitung eine Mitverantwortung für die öffentliche Meinungsbildung. Darauf wies Bischof Manfred Scheuer am Dienstagabend beim Medienfest der Diözese Innsbruck hin. Die Gestaltung der Zukunft sei abhängig von hinreichendem Wissen und dem richtigen Handeln aus den Erkenntnissen, erklärte Scheuer mit dem Verweis auf den Philosophen Immanuel Kant. "Medien spielen bei dieser Wissensvermittlung eine bedeutende Rolle als Meinungsbildner und wichtige Kommunikatoren", sie hätten auch "die große Chance, als positive Verstärker zu agieren", so der Bischof vor rund 75 Pressevertretern im Innsbrucker Haus der Begegnung.
Scheuer formulierte diesen Hinweis nach Informationen zum Thema Asyl und Kirche in Tirol. "Es ist Ausdruck von menschlicher Schwäche und nicht von Stärke, anderen Menschen und Völkern von vornherein mit Abwertung und Verdacht zu begegnen oder alle, die sich nicht angleichen und unterwerfen, ins Lager der Feinde zu verweisen", sagte er wörtlich. Die sich im Gefolge des Ersten Weltkriegs ausbreitende Vorstellung, "dass unterschiedliche Menschen nicht zusammenleben können", sei auch heute spürbar: "Der andere, der sich von der eigenen Gruppe unterscheidet und mit dem man Jahrhunderte lang zusammenlebte, dieser andere wird zum Feind, weil er als Angehöriger einer anderen Nation, einer anderen Ethnie oder einer anderen Religion angesehen wird", zeichnete Scheuer ein bis heute nachwirkendes Bild der Fremdenfeindlichkeit.
Viel Kirchenengagement für Flüchtlinge
Zum Thema Flüchtlingsunterbringung wartete der Bischof mit aktuellen Zahlen auf: Nach seinem Aufruf zu mehr Anstrengungen der Kirche bei der Unterbringung von Flüchtlingen im Zuge der Sommervollversammlung der Bischofskonferenz im Juni seien in der Diözese Innsbruck bis dato rund 250 Plätze bereitgestellt worden. Demnächst würden Räumlichkeiten seitens der Dompfarre für mindestens sieben Personen adaptiert werden, weitere werde es im geplanten neuen Integrationshaus und im renovierten Bildungshaus St. Michael geben. Scheuer wies auch darauf hin, dass angebotene kirchliche Objekte teils nicht angenommen wurden - wegen hoher Adaptierungskosten und fehlender Widmungen.
Die Sozialarbeiter der Caritas Tirol hätten in den vergangenen drei Jahren mehr als 300 Wohnungen für Asylberechtigte vermittelt und bei der Integration geholfen. In vielen Pfarren gibt es nach der Beobachtung des Bischofs eine durchaus positive Stimmung gegenüber Menschen in Flüchtlingsheimen; das zeige sich beim freiwilligen Einsatz fürs Deutschlernen und bei der Alltagsbewältigung der Flüchtlinge etwa im Zuge von Ämter- und Arztbesuchen. Als Vorhaben nannte Scheuer weitere Quartiersuche sowie einen eigenen Behelf für Pfarren und Gemeinden, der im September aufliegen soll. Und: Wenn die Politik die Einsatzfelder für "gemeinnützige Arbeiten" von Asylwerbern auch auf kirchliche und soziale Einrichtungen erweitern sollte, "dann steht die Kirche bereit", so Scheuer.
"Geschwafel" in Gesellschaft und Kirche
Der Innsbrucker Bischof ging vor den Medienvertretern aber auch auf die heute weit verbreitete "religiöse Indifferenz" ein: "Es ist, als ob hierzulande viele Zeitgenossen einen religiösen 'Sprachverlust' erlitten haben." Christlich-kirchliche Vokabeln erschienen vielen "wie Chinesisch". Scheuer beklagte zugleich die heutige "Wortinflation" in der Gesellschaft: "Unnützes Geschwafel und oberflächlicher Austausch markieren nicht selten das menschliche Zusammensein, marktschreierische Angebote und lautstarke Argumente bestimmen das Leben." Daran schloss der Bischof die Frage an: "Wie soll inmitten dieser Logorrhoe ('Sprechdurchfall', Anm.) Gottes Wort überhaupt den Menschen erreichen und von ihm angenommen werden können?"
Aber auch den innerhalb der Kirche gebräuchlichen Sprachduktus nahm Scheuer nicht von seiner Kritik aus: Mit dem evangelischen Theologen Friedrich Wilhelm Graf wies er auf einen "wild vagabundierenden Psychojargon" und einen "Kult von Betroffenheit und Authentizität" hin, der gerade in den Kirchen "großen Schaden angerichtet" habe. "Hier sind argumentativer Streit, intellektuelle Redlichkeit und theologischer Ernst weithin durch Gefühlsgeschwätz, antibürgerliche Distanzlosigkeit und moralisierenden Dauerappell abgelöst worden." Scheuer wandte sich auch gegen das "Moralisieren" der Kircheneliten und gegen "Hohlformeln" etwa durch die Bekundung von Zorn, Wut und Trauer. Kirchenleute sollten sich zudem einer appellativen Sollenssprache enthalten, "die dem Zuhörer gleich die Gesamthaftung fürs große Elend in der Dritten Welt aufbürdet".