
Hilfe für Suizidgefährdete und ihre Angehörigen
Die Kirche hilft Suizidgefährdeten und ihren Angehörigen mit Empathie und Sachkompetenz. Das wurde bei einem Pressegespräch am Mittwoch im OÖ. Presseclub in Linz anlässlich des Weltsuizidpräventionstages 2015 (10. September) deutlich. Vertreter zweier kirchlicher Einrichtungen - Silvia Breitwieser von der Telefonseelsorge und Josef Lugmayr vom Zentrum "Beziehungleben.at" - sowie der Wiener Mediziner und Suizidpräventionsforscher Nestor Kapusta informierten über Möglichkeiten, wie Selbstmordgefährdete und ihre Angehörigen effizient unterstützt werden können.
Auch wenn ab 1986 ein deutlicher Rückgang der Suizidrate in Österreich festzustellen war, sterben immer noch dreimal so viele Menschen durch Selbstmord wie durch einen Verkehrsunfall, sagte Kapusta, Mediziner an der Universitätsklinik für Psychoanalyse und Psychotherapie der Medizinischen Universität Wien. Etwa 1.300 Menschen seien 2014 in Österreich auf diesem Weg gestorben; im europäischen Vergleich liege Österreich damit im Mittelfeld. Suizid sei auch heute noch ein tabuisiertes Phänomen, sagte der Mitarbeiter des vom Gesundheitsministerium koordinierten Nationalen Suizidpräventionsprogrammes "SUPRA". Die größte Risikogruppe sind laut Kapusta in Europa Männer bzw. ältere Menschen, zuletzt auch vermehrt Flüchtlinge. "Das Risiko eines Suizids ist bei Menschen über 70 Jahren zehnmal höher als bei der Restbevölkerung", betonte Kapusta. Suizidversuche seien dagegen bei Jugendlichen häufiger.
Die Ursachen für einen Suizid seien komplex: Häufig führe eine Lebenskrise zu einer psychischen Erkrankung oder verbinde sich mit dieser, so der Facharzt für Psychiatrie. Erfreulich sei, dass die Zahl derer, die solche Erkrankungen behandeln ließen, kontinuierlich steige, was wiederum die Suizidrate reduziere. "Bis zu 20 Prozent der Gesamtbevölkerung denken einmal im Jahr an Suizid", weiß Kapusta. Wie konkret der Suizidwunsch ist, lasse sich aber nur im persönlichen Gespräch mit der betroffenen Person klären. "Kommen dann zur Krise noch Impulsivität, scheinbare Aussichtslosigkeit oder die Verfügbarkeit von Suizidmitteln hinzu, kann sich die Suizidgefahr massiv verdichten."
Die Suizidprävention setze nicht nur bei den einzelnen Betroffenen und ihren oft überforderten Angehörigen an, sondern ziele gleichzeitig auf breite gesellschaftliche Gesundheitsarbeit ab. Als Möglichkeiten nannte der Mediziner u. a. ein restriktiveres Schusswaffengesetz, die Verkleinerung von Medikamentenpackungen oder gezielte Schulungen von Polizisten, Ärzten oder Lehrern. Für die etwa 5.000 bis 7.000 Menschen in Österreich, die vom Suizid eines Angehörigen betroffen sind, wünscht sich Kapusta einen Ausbau der zu spärlich vorhandenen Selbsthilfegruppen. An die anwesenden Medienvertreter appellierte Kapusta, bei Suiziden auf eine "sensible Berichterstattung" zu achten.
"Zuhören, nachfragen, nach Ressourcen suchen"
Laut Silvia Breitwieser, Leiterin der "TelefonSeelsorge OÖ - Notruf 142", ist die dort gebotene Beratung "vertraulich, anonym und gebührenfrei und steht rund um die Uhr zur Verfügung". Mehr als 20.000 Anrufe im Jahr erreichen die Seelsorgeeinrichtung. Als erste Möglichkeiten nannte Breitwieser "zuhören, nachfragen, nach möglichen Ressourcen suchen, den Selbstwert stärken und so wieder Perspektiven aufzeigen". Eigentlich sei jeder Suizid angekündigt, aber gerade indirekte Hinweise würden von Angehörigen nicht als solche wahrgenommen.
Der Kontakt mit einer Beratungseinrichtung sei bereits der erste wichtige Schritt aus der Isolation, bestätigte Josef Lugmayr, Leiter von "Beziehungleben.at". Auch er weiß um die große Hilflosigkeit des Umfelds Selbstmordgefährdeter, was zu einem Rückzug der Betroffenen führe, die sich nicht verstanden bzw. nicht ernst genommen fühlten. Mit jemand Geschultem ganz offen reden zu können und erste Maßnahmen zu erarbeiten, sei bereits eine große Entlastung, so Lugmayr.
Am Donnerstag, 10. September, wird der Welt-Suizid-Präventionstag bereits zum 13. Mal begangen. Ziel ist es, das nach wie vor tabuisierte Thema in der Öffentlichkeit zur Sprache zu bringen.