
Flüchtlingskrise ist eine "Wegweisung Gottes"
Als eine "Wegweisung Gottes" hat der neue Grazer Bischof Wilhelm Krautwaschl die Flüchtlingskrise bezeichnet. Das Miteinander und das Zugehen aufeinander werde von den weltweit 60 Millionen Flüchtlingen auf neue Weise eingefordert, erklärte er am Montag bei der Eröffnung der steirischen "Pfarrerwoche" auf Schloss Seggau. "Gott hat seine eigene Sprache und mit ihr schafft er es immer wieder, unsere Planungen und wohldurchdachten Überlegungen gehörig durcheinander zu bringen." Um glaubwürdig zu bleiben, müsse die Kirche sich zum Sprachrohr der Bedürftigen machen und in der Öffentlichkeit meinungsbildend auftreten.
Konkret bedeute dies, für Flüchtlinge unkompliziert, redlich und mit Kreativität Platz zu schaffen, aber ebenso auch ehrlich mit den Sorgen der Bevölkerung umzugehen. Die Kirche solle dabei ihre Erfahrungen einbringen, um "Misstönen und Untergriffen" Einhalt zu gebieten und "Denk-, Sprach- und Meinungszäune" niederzureißen: "Wir sind als jene gefordert, für die jeder Mensch eine unteilbare Würde hat, wenn wir uns selbst und erst recht den zu uns Menschen 'heruntergekommenen Gott' ernst nehmen", so der Grazer Bischof.
Krautwaschl forderte auch, den Blick über den Tellerrand zu wagen: "Wo nehmen wir dankbar auch das Engagement der vielen zur Kenntnis, die jenseits unserer Weltanschauung sich einbringen?" Auch würde die Kirche mitunter von Menschen aus anderen gesellschaftlichen Bereichen "evangelisiert", so der Bischof unter Verweis auf jüngste Aussagen der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel. Diese hatte Europas Christen dazu ermutigt, ihren eigenen Glauben zu bekennen und öfter einen Gottesdienst zu besuchen statt Angst vor gläubigen Muslimen zu haben.
Im Blick auf die nahende Weltbischofssynode mahnte der steirische Bischof die Priester, den Blick nicht ausschließlich auf das Scheitern von Beziehungen zu richten. Das Reden von Ehe und Familie müsse stets eine "frohe Botschaft" bleiben: "Wo schätzen wir, dass jene, die bewusst 'Ja' sagen zu Kindern, eigentlich uns evangelisieren?", so Krautwaschl. Wichtig sei ein Einlassen auf die vielfältigen Formen des Miteinanders sowie Unterstützung für jene, die den gemeinsamen Weg wagten. Dass sich viele Menschen weiterhin nach einer stabilen Beziehung in Familie und nach Werten wie Liebe und Treue sehnten, sei eine "positive Herausforderung" für die Seelsorge.
Priester sollten "Seismografen für die Vorgänge in der Welt" sein, forderte der Grazer Bischof. Er riet den anwesenden Pfarrern, Menschen für das Gespräch über persönliche Fragen zu haben - "der Beichtvater scheint mir da zu wenig zu sein". Strikt abzulehnen sei zudem ein Schubladendenken. "Links oder rechts, progressiv oder konservativ, papsttreu oder fortschrittlich sind keine Kategorien, in die wir uns einpassen lassen dürfen", betonte Krautwaschl. Kirche solle zudem nicht vom Priester oder Bischof her gedacht und gestaltet werden, "sondern von Christus her und daher von jenen, die seinen Namen tragen".