Größte humanitäre Katastrophe seit 2. Weltkrieg
Wenn die Europäische Union nicht rasch ihre Hilfe für die Ukraine intensiviert, könnte der EU eine neue Flüchtlingswelle drohen. Davor hat der ukrainische Caritas-Präsident Andrij Waskowycz gewarnt. Aktuell seien bereits mehr als 1,4 Millionen Menschen als registrierte Binnenflüchtlinge aus der umkämpften Donbass-Region in andere Landesteile der Ukraine geflüchtet. Die Dunkelziffer liege aber wohl beträchtlich höher, doppelt so hoch, vermutete Waskowycz im Interview mit "Kathpress" und anderen österreichischen Medien in Kiew. Weitere 900.000 Menschen seien in die Nachbarländer, vor allem nach Russland, geflohen. Waskowycz nannte die Folgen der Kämpfe zwischen ukrainischer Armee und prorussischen Separatisten "die größte humanitäre Katastrophe in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg".
Der ukrainische Caritas-Präsident äußerte sich in Kiew im Rahmen einer Pressereise, die "Kathpress" gemeinsam mit der ukrainischen Griechisch-Katholischen Kirche veranstaltete. In Kiew und Lviv (Lemberg) wurden dabei Gespräche mit Vertretern von Politik, Kirchen und Zivilgesellschaft geführt.
Nicht nur die Situation der oft nur notdürftig untergebrachten und staatlich wenig unterstützen Binnenflüchtlinge sei äußerst prekär, auch die Versorgungslage der Zivilbevölkerung in den von den Separatisten kontrollierten Gebieten. Rund 2,5 Millionen Menschen seien betroffen. "Jeder der fliehen konnte, ist geflohen. Zurück blieben vor allem Alte, Bedürftige und Behinderte", so Waskowycz. Es fehle an Lebensmitteln, Wasser, Decken, Medikamenten, Kleidung und Hygieneartikeln.
Besonders dramatisch sei die Situation durch den Mangel an Wasser und Medikamenten wie etwa Insulin für Diabetiker. Laut UNO haben 1,3 Millionen Menschen in den von Separatisten kontrollierten Gebieten keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser. Seit 21. Juni hätten die Hilfsorganisationen zudem keine Möglichkeit mehr, besetzte Gebiete zu erreichen, wies der Caritas-Vertreter hin. Die Separatisten hätten die Grenzen geschlossen. Waskowycz befürchtet das Schlimmste, sollte die Region wieder zugänglich sein: "Wir werden Tote aus den Wohnungen heraustragen."
Insgesamt sind mehr als fünf Millionen Menschen von den Wirren des Konfliktes in der Ostukrane betroffen. Seit dessen Ausbruch Mitte April 2014 wurden laut UN-Angaben bereits mehr als 8.000 Todesopfer (Soldaten und Zivilisten) und mehr als 17.000 Verwundete gezählt.
"Enorme Solidarität" der Ukrainer
Die meisten Binnenflüchtlinge seien in der Ukraine "schlecht oder recht untergekommen", berichtete Waskowycz. Die staatliche Unterstützung sei allerdings gering. Die frühere korrupte Regierung unter dem von Russland unterstützten Wiktor Janukowytsch habe das Land ausgeplündert. Hilfe bekämen die Flüchtlinge von internationalen Hilfsorganisationen wie der Caritas und vor allem von ihren Landsleuten. Waskowycz sprach von einer "enormen Solidarität" innerhalb der ukrainischen Bevölkerung. Einheimische mit geeigneten Räumlichkeiten hätten mit Schildern am Bahnhof ihre Hilfe angeboten, als Flüchtlinge aus den Krisengebieten in Kiew ankamen, erzählte der Caritas-Präsident. Auch die Spendenbereitschaft sei beeindruckend.
Die Hilfe im Land stoße nun aber endgültig an ihre Grenzen. Fast alle Flüchtlinge hätten ihre letzten Reserven aufgebraucht, so Waskowycz. 316 Millionen US-Dollar seien laut UNO (Humanitarian Response Plan) erforderlich, um heuer die Flüchtlingskrise in der Ukraine zu bewältigen, bisher habe die Staatengemeinschaft diesen Fonds erst zu 36 Prozent dotiert. Laut Waskowycz muss gerade Europa auf die Ukraine schauen und weitere Unterstützung leisten, um das Land zu stabilisieren und den Menschen eine Perspektive zu bieten. "Sonst werden die Menschen weiterziehen" und weitere Tausende Flüchtlinge die Grenzen der EU erreichen.
Besonders betroffen sind die Kinder. Ihre Zahl unter den ukrainischen Binnenflüchtlingen schätzt Waskowycz auf 500.000; 60 bis 80 Prozent davon seien Zeugen von Gewalttaten geworden. Die Caritas versucht die Situation der oft traumatisierten Minderjährigen in Kiew mit dem "Childfriendly Spaces Projekt" zu erleichtern, das bisher 100 Kinder zwischen drei und 14 Jahren erfasst. Weitere 100 sollen demnächst folgen.
Auch Caritas Österreich hilft
Die Caritas Ukraine wird bei ihrer Flüchtlingsarbeit von der Caritas Österreich unterstützt. Seit März 2014 hat die Caritas Österreich gemeinsam mit den lokalen Partnerorganisationen mehr als 15.000 Personen durch Nothilfeprojekten unterstützt und dafür 1,8 Millionen Euro bereitgestellt. Davon werden Nahrungsmittel, Hygieneprodukte, Kleidung und Medikamente finanziert, temporäre Unterkünfte bereitgestellt, psychologische Hilfe für Traumatisierte geleistet und Rechtsberatung geboten. Zudem wurden zerstörte Gebäude renoviert.
Die humanitäre Hilfe der Caritas Österreich in der Ukraine konzentriert sich vor allem auf die Regionen Donezk, Luhansk, Charkiw, Dnjepropetrowsk, Zaporischje, Kiew und Odessa. Aber auch in der Westukraine werden Binnenflüchtlinge betreut.
(Caritas-Spendenkonto: Erste Bank 012-34560, BLZ 20 111, IBAN: AT23 2011 1000 0123 4560, BIC: GIBAATWWXXX, Kennwort: Winterhilfe Ukraine)
Quelle: kathpress