
"Hab den Mut, wirklich glücklich zu sein"
Der Papst macht an diesem Abend in Philadelphia wieder mal allen einen Strich durch die Rechnung; zumindest allen, die auf einen klaren Fingerzeig für die bevorstehende Bischofssynode über Familie und Ehe gehofft hatten; den Progressiven, die endlich einen unzweideutigen Aufruf zu konkreten Reformen der kirchlichen Ehemoral hören wollten, ebenso wie den Konservativen, die ein klares Bekenntnis zur geltenden Lehre wünschten. Der Papst wollte während des achten katholischen Weltfamilientag ganz offensichtlich nicht Kirchenpolitik machen und auch nicht über die Theologie der Ehe referieren. Er sprach im Benjamin Franklin Park weder über wiederverheiratete Geschiedene noch über Abtreibung. Das "Fest der Familien" mit mehreren Zehntausend Menschen sollte ein Fest bleiben.
Franziskus konzentriert sich auf Grundsätzliches. Seine Ansprache ist ein engagiertes Plädoyer für die Familie. Die Botschaft lautet in Kurzform: Auch wenn nicht immer alles perfekt läuft, es gibt nichts Besseres als eine Familie. Sie habe "göttliches Bürgerrecht". Gott habe seinen Sohn Jesus Christus, sein größtes Geschenk an die Menschen, schließlich nicht in einem Palast oder einer Firma zur Welt kommen lassen, sondern in einer Familie, so Franziskus. Er holt weit aus und fängt im Wortsinne bei Adam und Eva an. Garniert war die Rede mit lebensnahen und humorvoll vorgetragenen Einsichten eines langjährigen Seelsorgers: "In Familien fliegen auch schon mal Teller. Und Kinder machen Kopfschmerzen - von den Schwiegermüttern gar nicht erst zu sprechen."
Zuvor hatten sechs Familien dem Papst ihre Lebensgeschichten auf der Bühne geschildert. Den Anfang machte ein junges Paar aus Australien, das bald heiraten will und auf Sex vor der Ehe bewusst verzichtet. Dies sei der "sicherste Weg zu einer glücklichen Ehe", erzählen sie dem Papst. Es folgten unter anderem die alleinerziehende Mutter eines behinderten Kindes, die aus der Ukraine in die USA ausgewandert ist, und ein seit 60 Jahren verheiratetes Ehepaar aus der Geburtsstadt des Papstes, Buenos Aires, das mittlerweile ebenfalls in den USA lebt. Ein anderes Paar schildert, wie seine Ehe in eine schwere Krise geriet, weil ihr Kinderwunsch zunächst nicht in Erfüllung ging. Die Themen, die während der bevorstehenden Bischofssynode besonders kontrovers diskutiert werden dürften, kamen nicht zur Sprache.
Dafür ging es sehr "amerikanisch" zu: Durch das Programm des Abends führte Katholik, Hollywood-Star und Ex-Calvin-Klein-Model Mark Wahlberg; der Papst sitzt auf einer Bühne, die einer Samstagsabendshow im Privatfernsehen alle Ehre machen würde; und nach der Lesung des Evangeliums vom verlorenen Sohn applaudiert das Publikum - und Franziskus schließt sich an. Für die Musik sorgten Soul-Legende Aretha Franklin, den Gospel "Amazing Grace" (Erstaunliche Gnade) singt, und der blinde italienische Startenor Andrea Bocelli. Als Vorleser für einen Auszug aus dem Schreiben "Familiaris consortio" von Johannes Paul II. hat man den Jesus-Darsteller aus Mel Gibsons "Die Passion Christi", Jim Caviezel, gewonnen. Auf dieses Schreiben aus dem Jahr 1981 berufen sich vor allem die Verteidiger der geltenden Morallehre.
"Hab den Mut, wirklich glücklich zu sein", wird Franziskus auf Plakaten zitiert, die im Benjamin Franklin Park hängen. Ob er selbst glücklich war mit diesem Programm, bleibt ungewiss. Jedenfalls wirkte Franziskus nach einem anstrengenden Tagesprogramm erstaunlich frisch, gut aufgelegt und begrüßte die Familien, die ihre Lebensgeschichten erzählten, herzlich. Auch die mehreren zehntausend Menschen ließen sich ihre Stimmung nicht dadurch verderben, dass zwei große Pressetribünen den meisten die Sicht auf den Papst versperrten.
Der achte katholische Weltfamilientag in Philadelphia wurde vor der Reise oft als Stimmungsbarometer für die bevorstehende Bischofssynode betrachtet. Das Großereignis mit rund 20.000 Dauerteilnehmern war der ursprüngliche Anlass für die USA-Reise des Papstes. Seit seiner Ankunft in den USA am Dienstag wurden alle seine Reden und Predigten daraufhin gelesen; das Thema war zwar stets präsent, spielte aber bislang keine zentrale Rolle. Von der Bischofssynode in Rom hatte der Papst schon vor der Reise "konkrete Lösungen" gefordert. Dem wollte er in Philadelphia nicht vorgreifen.
Quelle: kathpress