
ORF-Diskussion zeigt vielfältige Erwartungen
Die Erwartungen an die im Vatikan tagende Familiensynode sind ungebrochen hoch, jedoch nach wie vor sehr unterschiedlich. Dieser Befund ist nicht nur aus den täglichen Informationen aus der Synode selbst ableitbar, er zeigte sich auch in einer Diskussion in der ORF-Sendung "kreuz und quer" am Dienstagabend. Teilnehmer der Gesprächsrunde zum Thema "Sexuelle Revolution im Vatikan - Wird Franziskus die Kirche verändern?" waren der St. Pöltner Bischofsvikar für Ehe und Familie Helmut Prader, der Wiener Theologe und Ethiker Gerhard Marschütz sowie Marco Politi (Vatikan-Experte und Journalist), Elia Bragagna (Sexualtherapeutin) und Raphael Bonelli (Psychiater und Psychotherapeut).
Viel wäre gewonnen, wenn es der Synode gelänge, auf Basis der bisherigen Lehre eine positivere Sicht von Sexualität darzulegen, konstatierte Prader: "Hier hat die Kirche Nachholbedarf." Konkret erhofft der Dozent an der Theologischen Hochschule in Heiligenkreuz und Geistliche Beirat des Katholischen Familienverbandes Österreichs Impulse auf die Frage, wie Ehe heute gelingen könne. Die Kirche müsste mehr als bisher auf die Ehevorbereitung und Ehebegleitung setzen. Die derzeitigen Angebote würden sich auf Krisenberatung konzentrieren, was zu kurz greife.
Demgegenüber erinnerte Marschütz daran, dass es die Synode vor allem deswegen gäbe, weil die kirchliche Lehre hinsichtlich Ehe, Familie und Sexualität für viele Menschen fragwürdig geworden sei. Der an der Universität Wien lehrende Ethiker betonte die "tiefe Kluft zwischen Lehre und Praxis", die im Zuge der breiten Befragungen im Vorfeld der beiden Synoden offenkundig geworden sei. Sexualität sei kirchlich negativ vorbelastet, weil man meinte, dass sie der Gottesbeziehung im Wege stünde, weswegen Enthaltsamkeit betont worden sei.
Auch das nach wie vor vorherrschende naturrechtliche Verständnis behindere eine personale Sicht von Sexualität, obwohl es eine diesbezügliche "positive Wende" bereits beim Zweiten Vatikanischen Konzil gegeben habe. Marschütz wies darauf hin, dass die neutestamentlichen Aussagen über die Unauflöslichkeit der Ehe in der katholischen Kirche von einem Gebot zu einem "ontologischen Gesetzt" verengt wurden. Ein Blick auf die anders entwickelte Ehelehre in der Orthodoxie, die von der katholischen Kirche überdies formell nie zurückgewiesen worden sei, würde dies laut Marschütz deutlich machen.
Auf die Bedeutung von hohen Idealen, auch wenn sie im persönlichen Leben nicht erreichbar sind, wies Bonelli hin. Die Kluft zwischen Lehre und Leben sei kein Problem, weil sie einen Raum eröffne, an dem man wachsen könne. "Die Ressource Religion stabilisiert Ehe", sagte der Psychotherapeut und verwies auf aktuelle Studien.
Der langjährige Vatikanjournalist Marco Politi ging in der Diskussion besonders auf die Rolle von Papst Franziskus bei der Synode ein. "Der Papst will raus aus einer Verbotstheologie", so Politi. Es gehe ihm nicht um eine "Liberalisierung" der Lehre, sondern "um mehr Realismus". Wenn der Papst davon spreche, dass die Kirche einem Feldlazarett gleiche, werde deutlich, dass es darum gehe, realitätsnahe den Menschen zu helfen. Diese geänderte Sichtweise habe für die Kirche zahlreiche Konsequenzen, weswegen es dagegen auch große Widerstände vor allem unter hohen Amtsträgern gäbe.
Einigkeit herrschte unter den Diskutanten in einem Punkt: Über das Ergebnis der Synode werde letztlich die bislang "schweigende Mehrheit" der Synodenväter entscheiden. Der Fahrplan der Familiensynode sieht dafür den Samstagnachmittag vor.
Quelle: kathpress