
Gewaltverzicht hat Grenze beim Wohl Dritter
Das von Jesus vorgelebte christliche Ideal des Gewaltverzichts hat Grenzen, wenn es um das Wohl oder Wehe Dritter geht. Militärbischof Werner Freistetter wies beim Jour fixe des Verbandes katholischer Publizistinnen und Publizisten Österreichs diesbezüglich auf Diskussionen hin, die er schon beim Bosnienkrieg oder jetzt bei den Gräueltaten des "Islamischen Staates" miterlebe: Er könne durchaus nachvollziehen, dass jemand für sich entscheidet, erduldetem Leid keinen gewaltsamen Widerstand entgegenzusetzen. Aber: "Ich habe ein Problem, wenn ich nicht den eigenen, sondern den Kopf der anderen hinhalten soll."
Freistetter, der im Juni zum dritten österreichischen Militärbischof geweiht wurde, berichtete von Begegnungen mit anderen neu ernannten Bischöfen aus dem Nahen Osten, die teilweise selbst traumatisierende Gewalterfahrungen machen mussten. Diese hätten so wie etwa auch der chaldäische Patriarch von Bagdad, Raphael Louis Sako, den Einsatz von Bodentruppen gegen die IS-Terroristen gefordert und zudem auf mögliche Gefahren und Langzeitfolgen durch den unkontrollierten Zuzug von Flüchtlingen hingewiesen. "Wer mit dem Tod bedroht wurde, hat andere Zugänge zum Thema als wir im sicheren Mitteleuropa", sagte Freistetter.
Zugleich warnte der demnächst 62-jährige Militärbischof vor Pauschalurteilen über Muslime, plädierte im Gegenteil für einen differenzierten Blick. "Den" Islam gebe es nicht und könne es auch gar nicht geben angesichts einer fast 1.300-jährigen Geschichte und einem Verbreitungsbereich von Westafrika bis Indonesien. Freistetter erinnerte sich an Forschungen in dem früher von ihm geleiteten Institut für Religion und Frieden beim Militärordinariat, aus denen hervorging, dass es in verschiedenen Kulturen und Religionen ähnliche Texte zur Humanisierung der Kriegsführung gibt.
Religion sei hinsichtlich Gewalt ambivalent, sagte der Bischof. Auch das Christentum blicke auf eine Gewaltgeschichte zurück und erachte etwa durchaus kriegerische Aussagen im Alten Testament als Heilige Schrift. Diese Texte würden widerspiegeln, "wie wir sind", und auch problematische Realitäten aufzeigen, meinte Freistetter. Als "programmatisch" bezeichnete er die kurze Passage in der Konzilskonstitution "Gaudium et spes" über christlich verstandenen Soldatendienst: "Wer als Soldat im Dienst des Vaterlandes steht, betrachte sich als Diener der Sicherheit und Freiheit der Völker. Indem er diese Aufgabe recht erfüllt, trägt er wahrhaft zur Festigung des Friedens bei." (GS 79) Freistetter sieht hier eine Spannung zwischen der Loyalität gegenüber dem eigenen Land und jener gegenüber "den Völkern", die etwa bei internationalen Einsätzen des Bundesheeres gefragt sei.
"Erstaunlich viele" Soldaten religiös interessiert
Freistetter blickt selbst auf einige Auslandseinsätze als Militärseelsorger zurück, bereits 1984/1985 war er - für ihn prägend und horizonterweiternd, wie er sagte - am Golan im Einsatz. Dabei kämen seelsorglich Tätige auch mit jungen Männern in Kontakt, die sonst nichts mit Kirche am Hut hätten, darunter tätowierte "Kraftkammertypen", die auf Klartext Wert legen. Entscheidend sei hier wie auch sonst bei der Aufgabe als Militärseelsorger, dass man sich für die Leute interessiert, auf sie zugeht, ohne sich "kumpelhaft" anzubiedern, berichtete der Bischof. Er habe immer wieder die Erfahrung gemacht, dass sich "erstaunlich viele" Soldaten, mit denen er zu tun hatte, für religiöse Fragen interessieren.
Die Militärseelsorge gilt nach den Worten Freistetters immer noch als selbstverständlicher Teil der soldatischen Tradition. Das sei Chance und Gefahr gleichermaßen: Gefahr insofern, als man sich als Kirchenvertreter nicht "zurücklehnen" dürfe in der Meinung, "die kommen sowieso".
Angesprochen auf die Volksbefragung von 2013 zur Wehrpflicht unterstrich Freistetter, deren Ausgang habe keine Auswirkungen auf die Arbeit von Militärseelsorgern gehabt. Die Frage, wie er selbst abstimmte, beantwortete er lapidar mit: "Nach meinem Gewissen."
Nach der Überzeugung des Bischofs gibt es für die strukturelle Verfasstheit der Landesverteidigung kein "christliches Modell", Seelsorge gebe es sowohl in Ländern mit allgemeiner Wehrpflicht als auch in solchen mit Berufsheer. Deshalb habe das Militärordinariat auch Versuchen widerstanden, bei der Befragung eine bestimmte Position einzunehmen.
Quelle: kathpress