
Mit Religion gegen "Erosion tragender Werte"
"Braucht Demokratie Religion?" Mit dieser Frage setzt sich der Innsbrucker Bischof und frühere Theologieprofessor Manfred Scheuer in seinem eben erschienenen Buch "Wider den kirchlichen Narzissmus" auseinander. Seine eindeutig bejahende Antwort begründet Scheuer wie folgt: "Wer heute wirklich frei sein will und nicht bloß modisch, nicht getrieben von Zeitgeist, der muss aus der Ewigkeit schöpfen, wer sich auf die Gesellschaft, auf Menschen einlassen will, der braucht gute Wurzeln." Die christliche Religion biete beides - Bezugnahme zur Ewigkeit und Verwurzelung - und könne somit der heutigen "Erosion der unsere freiheitliche Ordnung tragenden Werte und Ziele" entgegenwirken, die laut Scheuer "unübersehbar" ist.
Die gegenwärtige, von Wissenschaft und Technik bestimmte Kultur zeige vielfache negative Auswirkungen etwa in Form immer deutlicher werdender Umweltschäden, wies der Bischof auf Gefahren eines defizitären Weltbildes hin. Damit Hand in Hand gehe eine Abwendung von christliche geprägter Religiosität in den westlichen Gesellschaften: Die Bevölkerungsmehrheit habe hier aufgehört, an der traditionellen Religionsausübung teilzunehmen, es herrsche zudem eine Kluft zwischen dem, was die Kirche lehrt, und dem Lebensgefühl der Menschen.
In seiner Zivilisationskritik beruft sich der vielbelesene Innsbrucker Bischof u.a. auf den deutschen Staatsrechtler Ernst-Wolfgang Böckenförde, demzufolge der Staat von Voraussetzungen lebt, "die er selbst nicht garantieren kann", aber auch auf die Philosophen der Frankfurter Schule Theodor Adorno und Jürgen Habermas. Für letzteren ist Religion zur Selbstkontrolle einer diesseitig-demokratischen Gesellschaft "hilfreich, wenn nicht unentbehrlich", wie Scheuer erinnert. In deren Überlieferungen wie dem Motiv der Gottebenbildlichkeit des Menschen lägen Einsichten, die auch eine weltliche Gesellschaft nur zu ihrem Schaden vernachlässigen könne.
Bestimmen Lobbys über Wahrheit?
Auch das Lehrschreiben von Johannes Paul II. "Centesimus annus" führt Scheuer ins Treffen, um zu warnen: Wenn es keine Wahrheit gibt, die die politischen Aktivitäten anleitet, können Ideen und Überzeugungen leicht aus Machtgründen manipuliert werden. "Vom Standpunkt der Politik gesehen ist Wahrheit despotisch; und dies ist der Grund, warum Tyrannen sie hassen und Konkurrenz mit ihr fürchten", habe auch die Philosophin Hannah Arendt festgestellt.
Die heute offensichtliche Gefahr des Lobbyismus mit dem Durchsetzen von subjektiven, klassenspezifischen, politischen oder ökonomischen Eigeninteressen macht Scheuer in seinem Buch am Beispiel des Themas Lebensschutz fest. Er stellt skeptische Fragen: "Wem wird die Definitionsgewalt über den Beginn und das Ende des Lebens zugeschrieben, oder wer reißt sie an sich? Können wir der Naturwissenschaft die Entscheidung darüber überlassen, was der Mensch ist, welches Leben lebenswert ist und welches nicht?" Die Versuchungen, "den rechten Menschen zu konstruieren", mit Menschenleben zu experimentieren oder "Menschen als Müll anzusehen und zu beseitigen", ist nach den Worten des Bischofs "kein Hirngespinst fortschrittsfeindlicher Moralisten".
Für Fragen, die das Menschenbild oder das Gemeinwohl betreffen, für solche, die das Woher und Wohin des Lebens betreffen oder den Schutz der Schwächsten betreffen, ist Religion laut Scheuer unverzichtbar. Sie müsse "ein Bewusstsein von dem, was fehlt" und von dem, "was zum Himmel schreit", schaffen. "Indem theologische Ethik diese Klarheit und Ehrlichkeit im Umgang mit den letzten Fragen einklagt, leistet sie einen Beitrag zu wahrhafter Politik." Diese dürfe umgekehrt den fundamentalen Fragen, die eine Gesellschaft als ganze betreffen, nicht ausweichen, unterstrich Scheuer.
Kritik an "Was bringt's"-Haltung
Kritik übt der Bischof auch an der gegenwärtigen Unkultur, "die alles verrechnen und auch alles bezahlen will". In ihr würden auch Kirche und Religion nur danach beurteilt, was sie für die Volkswirtschaft an Ertrag bringen. Aber: "Ohne Gang zu den Quellen verkarstet das Leben, brennt es aus, wird es oberflächlich, banal und leer", gab Scheuer zu bedenken. Es brauche Räume des Gebets und der absichtslosen Kontemplation, "die sich der Zweckrationalität, dem unheimlichen Leistungsdruck der Vereinnahmung und Bemächtigung, auch der Instrumentalisierung entziehen".
In weiteren Kapiteln richtet Bischof Scheuer die Aufmerksamkeit auf weitere Brennpunkte öffentlicher Auseinandersetzung, in denen Christinnen und Christen mit ihren Antworten gefragt sind: Migrationsbewegungen, Verschwendung von Nahrungsmitteln und Ressourcen, Stellenwert der religiösen Bildung, Jugend und Gesellschaft, Leiten und Führen in der Kirche u.v.m. Scheuer greift damit die Kritik von Papst Franziskus vor dem Konklave an einer Form von "Narzissmus" auf, bei dem die Kirche selbstverliebt um sich kreist, statt ihre Aufgaben in der Welt wahrzunehmen.
Präsentiert wurde der Band "Wider den kirchlichen Narzissmus" jüngst im Innsbrucker Haus der Begegnung, einführende Worte sprach dabei Gottfried Kompatscher, der Leiter des Tyrolia-Verlages.
Quelle: kathpress