
Europa auf christliche Werte angewiesen
Die europäische Gesellschaft ist nach wie vor auf christliche Werte angewiesen. Das postulierte der ehemalige deutsche Bundestagspräsident Wolfgang Thierse zum Auftakt der internationalen Tagung "Religious Fundamentalism" am Mittwochabend an der Universität Wien. Gleichzeitig warnte er vor einem Zurückdrängen der Religion ins Private. "Religionsgemeinschaften müssen auf ihr Öffentlichkeitsrecht bestehen", so der Katholik Thierse. Organisiert wird die Tagung, die noch bis Freitag andauert, von der Wiener Forschungsplattform "Religion and Transformation". Zu den weiteren Referenten zählt u.a. der Politologe, Religionssoziologe und Islam-Experte Olivier Roy.
25 Jahre nach dem Zusammenbruch der Systeme stehe Europa gegenwärtig vor einem weiteren Wendepunkt der Geschichte, so der Altpolitiker. Die Flüchtlingsproblematik werde Europa auch in den kommenden Jahrzehnten noch maßgeblich prägen, wobei es wichtig sei, jetzt die richtigen Schlüsse zu ziehen. Leider sei Europa zurzeit von einer "tiefgreifenden Verunsicherung" befangen, wobei Bewegungen wie "Pegida" ein Symptom dafür seien. Das Zusammenleben in einer pluralistischen Gesellschaft stelle sich hier als "anstrengende Herausforderung" dar. Man dürfe sich nicht der Illusion hingeben, "dass die freie Gesellschaft eine gemütliche Gesellschaft ist". Für Freiheit brauche es in erster Linie Toleranz, diese müsse von vielen aber noch erlernt werden.
Auch die Religionsgemeinschaften seien in der heutigen Zeit gefordert. Die Debatte um das Kopftuch, um Kruzifixe in öffentlichen Räumen oder auch die Attentate von Paris zeigten aber, wie schwierig der Umgang mit Religion ist. Religionen seien im 21. Jahrhundert dennoch ein "unübersehbarer Teil der Moderne" und für den Zusammenhalt einer Gesellschaft wichtig und müssten sich auch dementsprechend einbringen, zeigte sich Thierse überzeugt: "Alle Kirchen, das Judentum und der Islam sind aufgefordert sich am Streit der Gesellschaft zu beteiligen".
Man müsse aber differenzieren und "es ernst nehmen, wenn große Teile der Bevölkerung Angst vor dem Islam haben". Hier seien auch die muslimischen Glaubensgemeinschaften gefragt. Es sei zu wenig, wenn nach jedem Attentat oder Terrorakt aufs neue beteuert werde, dass die Täter nichts mit dem Islam zu tun hätten.
Kirchen haben Gesellschaft mitentwickelt
Obwohl sich der Großteil der Menschen mit den Kirchen in vielen Punkten nicht mehr identifizieren könne, bestehe eine große Erwartung an die Kirchen in moralischen Fragen immer noch weiter, so der ehemalige Bundestagspräsident. Das verdeutliche, "dass die Kirchen Gesellschaft und Staat mitentwickelt haben und noch immer ein prägender Teil der Gesellschaft Europas sind".
Europa habe vom Engagement der Christen profitiert und sei diesbezüglich nach wie vor auf die christlichen Werte angewiesen. Deswegen warnte Thierse auch davor, die Religion weiter ins Private abzudrängen: "Religionsgemeinschaften müssen auf ihr Öffentlichkeitsrecht bestehen." Für das Zusammenleben der Religionen in einer pluralistischen Gesellschaft müsse man sich der gemeinsamen Werte bewusst werden. "Das Andere verstehen, das Eigene übersetzen und so eine gemeinsame Sprache finden", darin bestehe die Herausforderung.
Islamismus, Nationalismus und Bildung
Zu den Höhepunkten der Tagung zählt des Weiteren eine Podiumsdiskussion am Freitag zum Thema "Islamistische Radikalisierung" am Wiener Juridicum. Diskutieren werden der deutsche Politologe und Terrorismus-Experte Peter Neumann, die Leiterin der "Beratungsstelle Extremismus" im Wiener Familienministerium, Verena Fabris, sowie der Islamwissenschaftler Mouhanad Khorchide und die Nahost-Expertin und "Standard"-Außenpolitik-Journalistin Gudrun Harrer.
Reinhard Hempelmann von der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen in Berlin nimmt bei der Tagung christlich-fundamentalistische Bewegungen in den Blick. Der US-Religionswissenschaftler Yaakov Ariel von der Universität North Carolina (Chapel Hill) beleuchtet religiösen Radikalismus im Judentum. Die an der Universität Innsbruck und in Budapest forschende Politologin Kristina Stoeckl spricht über Verbindungen zwischen orthodoxem Fundamentalismus und russischem Nationalismus.
Unter den weiteren Experten sind die Ethnologin Susanne Schröter, die das Forschungszentrum Globaler Islam an der Frankfurter Goethe-Universität leitet, der Wiener Professor für Islamwissenschaften Rüdiger Lohlker oder Paolo Luigi Branca von der Katholischen Universität Mailand. Mit Fundamentalismus als Herausforderung für Bildung und der Pluralitätsfähigkeit religiöser Bildung beschäftigen sich beim Kongress u.a. die Religionspädagogen Martin Jäggle, Martin Rothgangel und Ednan Aslan sowie die palästinensische Friedensaktivistin und Theologin Viola Raheb. (Informationen unter: www.religionandtransformation.at/religious-fundamentalism)
Quelle: kathpress