
"Heiliges Jahr soll die Welt in Ordnung bringen"
Das "Jahr der Barmherzigkeit" lädt dazu ein, "wieder einmal diese unsere Welt in Ordnung zu bringen, Versöhnung zu suchen, Frieden zu suchen und Brücken zu bauen": Das hat der Vorarlberger Bischof Benno Elbs bei einem Festgottesdienst am Festtag Maria Empfängnis erklärt. Die Barmherzigkeit, die im Zentrum des am Dienstag von Papst Franziskus im Vatikan eröffneten "Heiligen Jahres" steht, habe im heutigen Zeitalter von Geiz, Egozentrismus, Narzissmus und Selfies eine besondere "dynamische Kraft", erklärte Elbs.
Um eine "Revolution der Barmherzigkeit und Zärtlichkeit" zu bewirken, sei zunächst die Wahrnehmung und Inklusion jener Menschen wichtig, die in irgendeiner Weise ausgesperrt sind, betonte der Bischof. Menschlich schwierige Situationen gelte es dabei mit Kinderaugen und mit einer versöhnlichen Haltung des "offenen Herzens" zu sehen - einer "Vernunft, die weit über das hinausgeht, was Gerechtigkeit oder guter Umgang zulassen". Auch Jesus habe nicht über die Armen geredet, sondern sie berührt.
Gleichzeitig sprach der Feldkircher Bischof auch von einem "Jahr der Versöhnung und Vergebung persönlicher Schuld", sei doch Schuld oft Ursache für psychische Erkrankungen und Verwundungen. "Unbewältigte Schuld ist ein gefährliches Dynamit, ist wie eine ungeordnete Deponie in unserem Leben", erklärte Elbs. Die Kirche müsse hier zuerst selbst um Vergebung bitten, etwa wo sie in "gut gemeintem pastoralen Eifer" Menschen verletzt habe. Schließlich könne nur derjenige Versöhnung und Barmherzigkeit schenken, "der weiß, dass auch er selbst dieser Versöhnung und Barmherzigkeit bedarf".
Beichte ein "geistlicher Reset-Knopf"
Jeder Mensch auf Vertrauen, Liebe und Wertschätzung anderer Menschen angewiesen, erklärte Elbs, der ausgebildeter Psychotherapeut ist. Dasselbe gelte auch für die Schuldvergebung und das Verzeihen. Das Bußsakrament, bei dem Gott dem Menschen genau dies zusage, bezeichnete Elbs als "geistlichen Reset-Knopf" für einen Neuanfang: Gott zeige sich hier als "zärtliche Mutter oder verständnisvoller Vater, die ihrem Kind zu verstehen geben: Da ist nichts, worüber wir nicht reden können. Da gibt es nichts, was dir nicht vergeben wird."
Näher ging Elbs auch auf die im Heiligen Jahr besonders hervorgehobenen Ablässe ein. Obwohl die von den Heiligen Pforten symbolisierte Idee mit Vorurteilen und kritischen Reaktionen verbunden sei, treffe sie dennoch das "Zentrum des Schatzes unserer Religion": Der Ablass sei "nicht ein magisches Sich-frei-kaufen von Schuld, sondern es geht letzendlich um die Wiederherstellung des inneren Friedens", legte der Bischof dar.
Erste heilige Pforte Österreichs in St. Veit
Während Dutzende "Heilige Pforten" in den österreichischen Kathedral- und Wallfahrtskirchen erst am dritten Adventsonntag eröffnet werden, machte die Erzdiözese Salzburg bereits am Dienstag den Anfang: In St. Veit im Pongau durchschlug Erzbischof Franz Lackner gemeinsam mit Dechant Alois Dürlinger mit einem Vorschlaghammer eine vor 350 Jahren zugemauerte, erst 2007 bei einer Fassadenrenovierung wiederentdeckte Tür an der Südseite des Kirchenportals. Das Barmherzigkeits-Jahr lade alle ein zur "Erfahrung der Gnade und Versöhnung", erklärte Lackner.
Ein besonderer Akzent wurde in St. Veit durch die mit dem Durchschreiten der Pforte verbundene Möglichkeit des Wiedereintritts in die katholische Kirche gesetzt. Diskret und unkompliziert - nur ein formloses Blatt mit Kontaktdaten und Datum der Taufe war mitzubringen - konnte man durch die Mitfeier des Gottesdienstes und den Empfang der Sakramente ohne Voranmeldung wieder in die Kirche eintreten, was auch von zahlreichen Menschen genutzt wurde.
Krautwaschl: "Motor des Glaubens"
Als "pulsierendes Herz des Evangeliums" hat der Grazer Bischof Wilhelm Krautwaschl die Barmherzigkeit bei einem vom Karl-Kummer-Institut veranstalteten "Adventgespräch" in der Kammer für Arbeiter und Angestellte für Steiermark bezeichnet. Es sei nur eine "Karikatur" des Begriffs, ihn als Almosen und herablassend gewährte milde Gaben zu verstehen. Stattdessen gehe es vielmehr um etwas "Fundamentales", um eine Liebe, "die auch dem erwiesen wird, der nichts zurückgeben kann", und die selbst Menschen nach oftmaliger schwerer Verfehlung "nicht entzogen wird, sondern eine Tür der Hoffnung öffnet".
Konkret werde Barmherzigkeit in Momenten jener Vergebung, die die Möglichkeit eines Neuanfangs schenkt, erklärte der Grazer Bischof. In seiner eigenen Lebensgeschichte sei dies etwa der Fall gewesen, wo Menschen, denen gegenüber er selbst Fehler begangen habe, am nächsten Tag "erneut so entgegengetreten sind, als ob nichts zwischen uns wäre". Barmherziges Handeln sei dazu imstande, den "gordischen Knoten des 'wie du mir, so ich dir'" zu durchschlagen, so Krautwaschl.
Für die Kirche bedeute der Auftrag zur Barmherzigkeit, mitten in der Welt zu sein und die Welt nachhaltig zu verändern, legte Bischof Krautwaschl dar. Barmherzigkeit sei dabei kein neues Programm für die Kirche, sondern bereits seit Beginn des Christentums "Motor unseres Glaubens", mit dem Gott Gesetz und Gerechtigkeit überbiete und diese erst vollende. Die Kirche müsse im Alltag barmherzigen Umgang mit Erfahrungen von Scheitern, Ungenügen, Sünde und Verzweifeln pflegen und "an die Ränder" gehen - was für Krautwaschl auch Begegnung und das gegenseitiges Lernen mit anders denkenden, fühlenden und glaubenden Menschen beinhaltet.
Zahlreiche "Oasen der Barmherzigkeit" gäbe es bereits, verwies der Grazer Bischof auf die Pfarren, Orden, Gemeinschaften, auf Caritas, Sozialeinrichtungen wie die "Vinziwerke" oder auch kirchliche Kindergärten, Schulen, Krankenhäuser, Heime, den Religionsunterricht sowie das Engagement in der Flüchtlingshilfe, für verfolgte Christen oder für Frieden und Menschenwürde. Krautwaschl: "Ich will mir keine Gesellschaft ohne diese Kirche, trotz ihrer Schrammen, vorstellen."
Quelle: kathpress